Jour Fixe mit Dr. Gerhard Draxler, Landesdirektor des ORF Steiermark

Jour Fixe mit Dr. Gerhard Draxler, Landesdirektor des ORF Steiermark

Jour Fixe mit Dr. Gerhard Draxler, Landesdirektor des ORF Steiermark

20.01.2009, 18:00 Uhr im Foyer von Radio Helsinki, Griesgasse 8 (Lindenpassage), 8020 Graz

Jour Fixe mit Dr. Gerhard Draxler, Landesdirektor des ORF Steiermark

Die Diskussion fand am Dienstag, den 20. Jänner um 18 h im Foyer von Radio Helsinki 92.6 statt und wurde live übertragen.


Gerhard Draxler

Moke Klengel, Obmann von „Radio Helsinki“ stellt den Landesdirektor von ORF Steiermark Gerhard Draxler und Michi Petrowitsch vor.


Gerhard Draxler mit Moke Klengel

Petrowitsch: Das öffentlich-rechtliche trifft heute auf das freie Radio. Ich möchte kurz Herrn Draxler vorstellen: Er wurde 1952 in Knittelfeld geboren, ist seit 1989 beim ORF, war vorher bei der „Krone“. 1994 ist er stellvertretender Intendant des Landesstudios geworden, war 1998 – 2002 Landesintendant in Kärnten und wurde 07 zum Landesdirektor in seiner Heimat, und wollte ein Lagerfeuer entfachen. Über dieses Lagerfeuer wollen wir diskutieren, über den Kulturauftrag wollen wir sprechen und, inwieweit dieser in der Steiermark verwirklicht wurde und wird, über den Einfluss nach Wien, über die Stellung der Kulturberichterstattung und vieles mehr. Ich möchte trotzdem ganz kurz Ihnen das Wort geben und um Ihnen ein Eingangsstatement überlassen.

Draxler: Danke für die Einladung, ich bin gerne gekommen und stehe für Fragen gerne zu Verfügung. Es ist mein Anliegen, ein Lagerfeuer zu entfachen. Gemeint habe ich ein elektronisches Lagerfeuer, das wohlige Wärme versprühen soll im Programm des ORF. Es geht mir bei der Programmierung und Positionierung darum, dieses Land so darzustellen, wie die Leute es empfinden. Das ist symbolisch gemeint. Es geht darum, wie spricht dieses Land – auch mit den Dialekten, wie redet die Kulturcommunity, wie reden die Jungen etc. Es geht um die Gesamtdarstellung der Gruppen.

Petrowitsch: Wie unterscheidet sich Ihr Auftrag von dem Ihres Vorgängers?

Draxler: An einigen Punkten nur erzählt: Zum ersten Mal wird der ORF Steiermark ein Programm für die steirisch-slowenische Minderheit machen im Radio und Fernsehen – mit Unterstützung des Kärntner ORF. Wir werden noch heuer im Frühjahr das Programm starten. Das ist ein gravierender Unterschied, das hat es noch nicht gegeben. An einem anderen Beispiel: Wir haben mit Harnoncourt einen der größten lebenden Dirigenten hier in Graz, der einmal im Jahr „Styriarte“ konzipiert bzw. dort auftritt. Das war für mich Anlass zu sagen, diese Musik, dieses Können und diese Kompetenz muss einen breiteren Raum bekommen als in den so genannten Kulturprogrammen des ORF, und habe zu diesem Zweck ein Projekt „Klangwolke“ entworfen. Beim ersten Mal 2007 haben wir Beethovens Fünfte Symphonie in den öffentlichen Raum gebracht. Und jetzt bin ich schon bei meinem Anliegen: Es geht darum, kulturelle Inhalte möglichst einer breiten Publikumsmasse zukommen zu lassen. Ähnliches machen wir bei den Eggenberger Schlosskonzerten. Wir sehen uns daher nicht nur als Kulturvermittler, sondern auch als Kulturveranstalter.


Michael Petrowitsch, Gerhard Draxler

Petrowitsch: Ihr habt einen öffentlich-rechtlichen Auftrag: Auf der einen Seite, auf der anderen Seite wollt ihr auch Kulturveranstalter sein. D. h. so etwas wie „Facing Nations“ betrifft das auch das Budget bzw. meine Gebühren, die ich zweimonatlich entrichte.

Draxler: Nein. Ich könnte mich zurückziehen und wir machen Programm und schauen weder links noch rechts. Das Programm ist etabliert, dafür bekommen wir Gebühren und Geld aus Werbeeinnahmen. „Facing Nations“ ist Teil einer Positionierung des Landesstudios Steiermark in der Stadt der Menschenrechte und zum 60-jährigen Bestehen der Deklaration der Menschenrechte 1948 wollen wir etwas Nachhaltiges zu diesem Thema ins Programm bringen. Es ist nicht ureigenste Aufgabe des ORF. Aber niemand wird bestreiten, der dieses Programm gesehen hat, dass es eine Aufmerksamkeit für diejenigen bewirkt hat, die sonst in einer Anonymität in Graz leben oder untergehen. Wer hat gewusst, dass in Graz 156 Nationen leben. Die Finanzierung dieses Projektes, um den Menschen ein Gesicht zu geben und sie aus der Anonymität zu holen, ist deswegen über öffentliche Gelder passiert, weil wir in eine kleine Weltwirtschaftskrise geschlittert sind und alle Sponsoren abgesprungen sind. Der Ansatz war, das Projekt frei zu finanzieren. Ich bin sehr froh, dass es mit Hilfe von Kurt Flecker, Franz Voves und Siegfried Nagl gelungen ist, die Finanzierung zu garantieren. Es ist kein einziger Gebühren-Euro in das Projekt geflossen. Ohne diese Unterstützung hätte es das Projekt nicht gegeben.

Anita Hofer: Heißt das jetzt, dass der ORF vom Berichterstatter zum Veranstalter mutiert. Warum macht er das? Ist das im Sinne eines öffentlich-rechtlichen Mediums? Und braucht der ORF vom Land Geld, um überleben zu können und aus welchen Töpfen wird das Projekt gespeist?


Gerhard Draxler, Moke Klengel

Draxler: Grundsätzlich ist die Finanzierung des gesamten ORF so: 50 % aus Gebühren und 50 % aus Werbeeinnahmen. Das Budget des ORF Stmk. beträgt rund 15 Mio., wobei 12 Mio. Ordinaria sind. Es wird aus Wien zur Verfügung gestellt. 3 Mio. müssen am steirischen Markt aufgebracht werden. Dieses Projekt hat ein Fördervolumen von € 600.000.-. Jeder Euro ist nur dazu verwendet worden, um diese 124 Porträts überhaupt ausstellen zu können. An einem Beispiel: Der Tag in der Messehalle kostet € 7.000.-. Muss der ORF das machen? Müssen sicher nicht. Es war mein persönlicher Wunsch, in dieser Stadt der Menschenrechte etwas zu tun, den Menschen ein Gesicht zu geben. Stocker, der Künstler, hat keinen Euro bekommen und hat auch keinen gewollt.

Anita Hofer: Es sind noch nicht alle Fragen beantwortet: Aus welchen Töpfen wird das Projekt gespeist?

Draxler: Dieses Projekt hat € 200.000.- von der Kulturabteilung des Landes bekommen,
€ 200.000.- von der Stadt Graz und € 200.000.- von der Bundesregierung. Bei letzterem ist die Zusage zwar da, aber ich habe noch kein Geld bekommen. Der Vorwurf, den man heraushört ist, dass der große ORF den kleinen Kulturbetreibern Geld wegnimmt. Ein Beispiel dafür, dass wir den Kleinen nichts wegnehmen: Die Gebührenerhöhung aus dem Vorjahr hat dazu beigetragen, dass € 600.000.- mehr dem Land zugeflossen sind und heuer sind es 1,2 Mio Euro. Insgesamt gehen an das Land rund € 26 Mio. im Jahr.

Eva Ursprung: Haben die Künstler eine Stimme bekommen, genauer: Hatten die Künstler eine Möglichkeit, sich im Radio über ihre Situation zu äußern?

Draxler: Wir haben das journalistisch übernommen. So viel Zeit haben wir nicht, das im Fernsehen zu bringen. Aber im Sinne einer Nachhaltigkeit werden die Künstler die Möglichkeit haben, z. B. in Interviews, ihre Position zu manifestieren.

Eva Ursprung: Das ist wichtig, damit die Künstler etwas davon haben und sich nicht benutzt fühlen.

Draxler: Mir wäre wichtig, den Menschen ein Gesicht zu geben – auch in den Amtsstuben etc. Wie leben die Menschen in der Menschenrechtstadt Graz. Es ist wichtig, das zu zeigen.

Petrowitsch:. Gibt es hier zum Beispiel auch politische Vereinnahmungen. Sie sind sehr gut mit dem derzeitigen Landeshauptmann?

Draxler: Ich kenne Voves schon seit der Studienzeit. Das spiegelt sich aber in der Berichterstattung nicht wider.

Petrowitsch: Zur Kulturberichterstattung: Wir kennen die Journalisten, die für den Kulturbereich zuständig sind sehr gut und wissen, dass sie sich der freien Szene annehmen. Was hat sich seit 2007 verändert, gibt es mehr Zeit in „Bundesland heute“ für Kultur abseits des Mainstreams oder der Hochkultur? Ist das statistisch erfasst und schlägt sich das auch im Radio nieder?

Draxler: Den Nachweis an mehr Volumen gibt es statistisch nicht. Ein Mehr ist nicht mehr Zeit, sondern ein Mehr ist, wenn wir die Klangwolke in den öffentlichen Raum bringen, ein Mehr ist, wenn ich die Hör- und Seebühne für die steir. Literaten des ORF ausdehne oder, wenn den Auftakt bei den Eggenberger Schlosskonzerten ein Buchbinder macht. Mir geht es um die Attraktivierung des kulturellen Angebotes. Kulturauftrag findet im Hauptprogramm statt. Wenn sich etwas tut im Lande, muss das auch dort Platz haben.

Evelyn Schalk: Zu dem, was sie gerade gesagt haben: Nicht in eine Quotenecke drängen lassen und abbilden, was in der Steiermark passiert. Ich lese gestern die Aussendung zu Designerporträts der „Creative Industries Styria“: Jeden Tag eine Minute für einen Designer. Etwas Vergleichbares sehe ich für die freie Szene nicht. Da gibt es Zeit. Und sie erwähnen Klangwolke, Eggenberger Schlosskonzerte und ORF-Seebühne, wo sich der ORF wieder als Veranstalter betätigt und darunter verstehe ich nicht die freie Szene. Und noch eine Anmerkung. Ich glaube es passiert viel mehr in der freien Szene als der ORF berichtet.

Draxler: Ich habe 100% Programmfläche und ich habe 500% Content und die Frage ist, wie gehe ich damit um und wie viel kann ich in die 100% zur Verfügung stehende Sendezeit bringen. Und es ist tagtäglich ein journalistischer Spagat – v. a. für die Kulturjournalisten - das auszusuchen, wo sie der Meinung sind, das interessiert eine Mehr- oder Minderheit. Das ist ja letztendlich der Programmauftrag: eine umfassende Berichterstattung über Sport, Kultur, Information etc. im Programm zu haben. Das wir das nicht alles erfüllen können, da gebe ich ihnen Recht. Aber es ist eine Kunst, allen recht getan, die niemand kann, wie es heißt.

Anita Hofer: Ich möchte die Provokation noch erhöhen. Nachdem sie die ganze Zeit von Menschenrechten gesprochen haben: Letztes Jahr war ein Jubiläumsjahr, nämlich Novemberprogrom in Graz und da gab und gibt es in Graz sehr interessante Projekte. Warum haben es die VeranstalterInnen in Ö1, FM4, Radio Helsinki und sogar in Radio Graz geschafft zu kommen, aber nicht in Radio Steiermark?

Draxler: Graz war die einzige Stadt außer Wien, wo es einen Live-Einstieg in ORF 1 und 2 gab, wo wir direkt von den Feierlichkeiten berichtet haben. Es gab auch eine zweistündige Sondersendung zu dem Thema.

Anita Hofer: Aber die Projekte wurden nicht vorgestellt?

Draxler: Kann man machen. Da bringe ich einen anderen Aspekt ein, was die Ankündigung von Veranstaltungen betrifft. Derzeit gibt es eine sehr schwierige Phase, was den ORF Steiermark und die „Styria“ betrifft. Die dortigen Verantwortlichen meinen, der ORF würde zu viel Geld für Werbemaßnahmen aus dem Markt lukrieren und meinen damit – konkret im Fernsehen –, dass wir gegen das Regionalwerbeverbot verstoßen. Wir sind ganz konkret Gegenstand von Gerichtsverfahren. In drei Fällen haben wir über Trailer in „Steiermark heute“ drei Sachen angekündigt: Eine Ausstellung im Jagdmuseum Stainz „Hirsche weltweit“, Nibelungen und das Grazer Bergfilmfestival. Wir hätten damit gegen das Lokalwerbeverbot verstoßen. Das Gerichtsverfahren werden wir super gewinnen – glaub ich jedenfalls. An diesem Beispiel sieht man, es ist eine Gratwanderung, was wir aufnehmen und, wie wir über die Dinge berichten. Das betrifft ihre Frage und geht aber auch in die Richtung, dass wir nicht über alle Veranstaltungen in der Prime Time berichten können.
Gerhard Draxler

Evelyn Schalk: Was spricht für ein ähnliches Format für die freie Szene, wie es derzeit für die Creative Industries gibt bzgl. Designerporträts? Ein Feature pro Sendung, ein Fenster über einen gewissen Zeitraum hinweg?

Draxler: Bei Creative Cities geht es mir darum, dass Graz diesen Status hat und das möchte ich zeigen. Das ist auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unserer Ansatz ist, das einem breiteren Publikum vorzustellen. Als nächstes machen wir eine Serie „Kopf hoch!“ und reden über die wirtschaftliche Krise. Wir versuchen schon am Puls der Zeit zu sein.

Petrowitsch: Es spricht ja nichts dagegen auch eine Serie über die freies Szene zu machen?

Draxler: Was ist die freie Szene?

Petrowitsch: Da sitzen ein paar!

Draxler: Ich bin jetzt auch provokant: Was soll ich machen, sie abfilmen?

Petrowitsch: Das ist der Kern, das ist das Substrat, das diese Stadt und dieses Land ausmacht.

Anita Hofer: Es geht auch um die Themen, die in der freien Szene behandelt werden, die dann keinen Eingang finden in ein öffentlich-rechtliches Medium. Zum Beispiel eine Veranstaltung, die in der Synagoge stattfindet über den Holocaust.

Petrowitsch: Inwiefern kann man in Wien Einfluss nehmen, dass in der einzigen Kultursendung im ORF am Montag steirische Themen behandelt werden?

Draxler: An sich ja, weil der zuständige Programmchef ist der Wolfgang Lorenz und der war Intendant in Graz 03, und der hat ein Ohr und ein Gespür dafür. Tatsache ist aber auch, dass Graz in dieser zentralen Kultursendung nicht so präsentiert wird, wie sich das meiner Meinung nach gehören würde. Es wird immer mit Qualität argumentiert, was dazu führt, dass zwar aus Bregenz, aus Linz, Salzburg ununterbrochen Programm generiert wird und Graz irgendwie außen vor ist.

Petrowitsch: Dafür gibt es ja einen Stiftungsrat, der sich dafür einsetzen sollte und da sind ja auch Steirer drin. Es gibt auch 17 Abteilungen, die einzig für ORF-Marketing zuständig sind. Es gibt auch einen Rechnungshofbereicht dazu, wo kritisiert wird, dass zu viel Geld für unnötige Dinge ausgegeben wird. Wie ist ihre Einschätzung für die nähere oder ferne Zukunft in Richtung Privatisierung und Teilprivatisierung und was bedeutet das?

Draxler: Der ORF ist ein starkes Unternehmen und wir sind gut aufgestellt und sind gewappnet, den ORF in eine gute Zukunft zu führen. Aber – das sag ich gleich dazu –, was die Strukturen betrifft unterscheiden wir uns auch nicht allzu viel von Unternehmen, die früher einmal in der Verstaatlichten Industrie zusammengefasst wurden, wo es um derartige Dinge geht, die im Rechnungshofbereicht kritisiert wurden. Und wir sind dabei, diese Dinge aufzuarbeiten.

Petrowitsch: Was passiert mit dem ORF? Ich nehme an, das erste, was gecancelt wird, sind so Sachen wie Ö1?

Draxler: Das sicher nicht. Das wäre die Selbstaufgabe des ORF. Es gibt ein Bündel von Maßnahmen: personelle und strukturelle Maßnahmen, Ausgliederungen und beschleunigte Pensionierungen.

Petrowitsch: Betrifft das auch die steirische Kulturredaktion?

Draxler: Die steirische Kulturredaktion betrifft das nicht. Die Vorgaben sind 4 Dienstposten für die Steiermark. In den nächsten Jahren werden einige in Pension gehen.

Petrowitsch: Was wir mitnehmen können, ist die Abbildung der freien Szene zu verstärken. Ich erzähle Ihnen nachher, was die freie Szene ist.

Draxler: Ich sage, dass wir uns der freien Szene und ihrer Themen annehmen werden und das sehr ernst nehmen!

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