Mental-Health-in-All-Policies. Beispiel Kompetenzgruppe Entstigmatisierung

Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheiten, sondern laut WHO ein Zustand seelischen und sozialen Wohlbefindens. Die Angst vor Stigmatisierung hat dabei weitreichende Folgen.
Dance, Ahmad Odeh

Gemäß Satzung der Weltgesundheitsorganisation WHO bedeutet Gesundheit nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen. Gesundheit bezeichnet einen Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Viele wichtige Einflussfaktoren, etwa die allgemeine Lebens- und Arbeitssituation, Bildung, soziales Netz und Umweltein üsse, liegen außerhalb des traditionellen Gesundheitswesens. Überall, wo Menschen wohnen, lernen, arbeiten oder spielen, wird Gesundheit maßgeblich beeinflusst.[1] Um nachhaltig mehr Gesundheit, Lebensqualität und Wohlbefinden für alle Menschen in Österreich sicherzustellen, müssen alle Politikfelder ihren Beitrag leisten. Um erfolgreich über die Grenzen unterschiedlicher Politik- und Gesellschaftsbereiche hinweg handeln zu können, braucht es wiederum gemeinsame Ziele. Deshalb wurden ab 2012 in einem breit abgestimmten Prozess mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Gesellschaft Gesundheitsziele für Österreich entwickelt. 

Die zehn „Gesundheitsziele Österreich“[2] bilden bis zum Jahr 2032 den Handlungsrahmen für eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik. Übergeordnetes Ziel ist, die Anzahl der in Gesundheit verbrachten Lebensjahre zu erhöhen. Hierbei wird ein spezielles Augenmerk auf die Bedürfnisse vulnerabler Gruppen gelegt. Es geht um mehr Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität für alle, unabhängig von Bildung, Einkommen, Herkunft, Wohnumgebung oder Geschlecht. Politikfeldübergreifende Arbeitsgruppen entwickeln konkrete Strategie- und Maßnahmenkonzepte für die einzelnen Gesundheitsziele, inklusive Wirkungsziele, Maßnahmen und Indikatoren. Positive Wechselwirkungen zwischen Gesundheit und weiteren Politik- und Gesellschaftsbereichen, wie z.B. Arbeit, Soziales, Bildung, Familien und Jugend oder auch Kunst und Kultur, können so effektiv genutzt werden. 

 

Psychosoziale Gesundheit intersektoral fördern 

2016 und 2017 haben sich über 40 Stakeholder / Stakeholderinnen intersektoral und interdisziplinär in einer Arbeitsgruppe zum Gesundheitsziel 9 „psychosoziale Gesundheit bei allen Bevölkerungsgruppen fördern“ damit beschäftigt, was sie gemeinsam tun können, um psychosoziale Gesundheit – d. h. den Zustand des Wohlbefindens und in Folge die Fähigkeit normale Lebensbelastungen zu bewältigen, produktiv zu arbeiten und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten – noch besser in allen Bevölkerungsgruppen zu fördern.[3] Es wurden folgende drei Handlungsfelder definiert[4]

  1. Gesundheitsförderung/Prävention/Früherkennung
  2. Versorgung/Rehabilitation/Ausbildung
  3. Gesellschaft/Entstigmatisierung 

Wegen der Komplexität und Hartnäckigkeit des Phänomens Stigma wurde als zentrale Maßnahme zum 3. Handlungsfeld die „Kompetenzgruppe Entstigmatisierung“ initiiert. Das Expertinnen-/Expertengremium besteht aus Vertreterinnen/ Vertretern aus Wissenschaft, Versorgungspraxis, Verwaltung, Recht, Kunst, Kultur, Medien sowie Expertinnen / Experten aus Erfahrung. Die Kompetenzgruppe Entstigmatisierung ist eine Initiative des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) (Bereiche: Öffentliche Gesundheit, Behindertenpolitik und Arbeitsmarkt), des Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) und des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger (SV). Kooperationspartner sind das Bundeskanzleramt (BKA) (Bereiche: Kunst und Kultur, Familie und Jugend) und das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). Mit der fachlichen Begleitung der Kompetenzgruppe wurde die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) beauftragt. 

Dance, Ahmad Odeh

 

Ziel der Kompetenzgruppe ist die Bündelung von Expertise und die Entwicklung eines koordinierten, multistrategischen Vorgehens gegen das Stigma psychischer Erkrankungen. Des Weiteren soll die Gruppe als Drehscheibe für Projekte fungieren, die durch interdisziplinären Austausch angereichert und unter Nutzung von Synergien koordiniert werden können. Die Vernetzung und Sensibilisierung der im Feld tätigen Akteurinnen / Akteure für die unterschiedlichen Perspektiven, Interessen und Ziele ist dabei wesentlich für die Entwicklung eines gemeinsamen Vorgehens. Die zentrale Einbindung von Menschen, die psychische Erkrankungen erlebt haben und über die entsprechende Erfahrungsexpertise verfügen, ist ein unverzichtbares Basiselement der Anti-Stigma-Arbeit. 
 

Angst vor Stigmatisierung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen.


Während im letzten Jahr die Sensibilisierung für die unterschiedlichen Perspektiven und die Bildung erster Kooperationen im Vordergrund standen, wird heuer eine Bestandserhebung der Anti-Stigma-Aktivitäten in Österreich durchgeführt. Diese soll einen Überblick über das bereits Bestehende liefern und den Expertinnen und Experten als Basis für die Entwicklung von Empfehlungen für ein koordiniertes, multistrategisches Vorgehen gegen Stigma in Österreich dienen. 

 

Stigmatisierung ist ein gesellschaftliches Phänomen, bei dem Menschen aufgrund von bestimmten Merkmalen als minderwertig betrachtet, unter Druck gesetzt, in ihrer Identität beschädigt, diskriminiert oder gar aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden.[5] Menschen mit psychischen Erkrankungen (sowie deren Angehörige und alle mit diesem Themenfeld befassten Berufs- gruppen) sind aufgrund kulturell tief verwurzelter abwertender Zuschreibungen einer Reihe von Diskriminierungen ausgesetzt. Bei diesem Prozess spielt kulturelle Stigmatisierung eine zentrale Rolle: Durch die (Re-)Produktion von mit psychischen Erkrankungen assoziierten negativen Stereotypen und Vorurteilen – etwa durch auf Sensation ausgerichtete Mediendarstellungen und negativ konnotierten Sprachgebrauch – werden Einstellungen geprägt, die zwischenmenschliche Interaktionen beeinflussen. Abwertung, Ablehnung und Ausgrenzung im persönlichen Kontakt mit Menschen (direkte Stigmatisierung) finden in unterschiedlichen Settings statt. Auf struktureller Ebene können sich mitunter auch institutionalisierte Formen von Ungleichbehandlung, ungerechter Ressourcenverteilung und Gesetzgebung (strukturelle Stigmatisierung) etablieren. Schließlich richten auch Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, diese verinnerlichten negativen Stereotype und Vorurteile nicht selten gegen die eigene Person (Selbststigmatisierung).[6] 

Stigmatisierung wird als wichtiger Einflussfaktor auf Gesundheit diskutiert, wobei die Wirkung auch über eine Reihe von sozioökonomischen Gesundheitsdeterminanten vermittelt wird.[7] Die Folgen von Stigmatisierung sind einerseits ein verminderter Zugang zu Ressourcen durch Statusverlust mit geringeren Chancen am Arbeits- und Wohnungsmarkt und geringeren Bildungschancen. Durch den Verlust intimer Beziehungen und Reduktion des sozialen Netzwerks bis hin zur sozialen Isolation gehen auch wichtige gesundheitsrelevante soziale Ressourcen verloren. Die Angst vor Stigmatisierung ist mit erhöhtem Stress verbunden. Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen führen zu Kränkungen, Verletzungen und schwächen das Selbstwertgefühl. Die Bewältigung dieser Erfahrungen verbraucht langfristig psychische Ressourcen, die für die Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit wichtig wären. Diese Benachteiligungen und Belastungen erhöhen das Risiko für Rückfälle oder einen chronischen Krankheitsverlauf.[8] Fachexpertinnen/ -experten sprechen daher von Stigma als zweiter Erkrankung, die es zu bekämpfen gilt, um psychische Erkrankungen letztendlich erfolgreich behandeln zu können.[9] 

Andererseits hat die Angst vor Stigmatisierung auch weitreichende gesellschaftliche Folgen: Die Angst führt zu einer Tabuisierung – über psychische Gesundheit, psychische Krisen, Krankheiten und deren Bewältigung zu sprechen, ist bis heute nicht gesellschaftsfähig. Der fehlende Diskurs führt zu einer geringeren Wahrnehmung von Symptomen und einer fehlenden Entwicklung von gesundheitsrelevanten Lebenskompetenzen. Insgesamt bleibt auch der Stellenwert der psychischen Gesundheit für die allgemeine Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität unterbelichtet. Im Krisen- oder Krankheitsfall wird professionelle Hilfe – einerseits aufgrund der fehlenden Wahrnehmung, andererseits aufgrund von Angst vor Stigmatisierung – oft erst sehr spät bei bereits fortgeschrittenem Krankheitsverlauf und Schweregrad in Anspruch genommen.[10] Diese Entwicklungen führen letztendlich zu einer Steigerung der Gesundheitskosten. Das Stigma psychischer Erkrankungen ist ein gesellschaftspolitisches Problem mit gesundheitspolitischen Folgen. Ein Mental-Health-in-All-Policies-Ansatz ist daher Voraussetzung für die Beseitigung des Stigmas. 

 

Die Rolle von Kunst und Kultur in der Anti-Stigma- und Inklusionsarbeit 

Die Kompetenzgruppe Entstigmatisierung hat die Rolle von Kunst und Kultur in der Anti-Stigma- und Inklusionsarbeit als Schwerpunktthema behandelt und folgende Interventionsebenen identifiziert: 

(*) Kunst und Kultur als Medium für Bewusstseinsbildung: Medien und Kunst spielen eine zentrale Rolle bei der kulturellen Konstruktion von Einstellungen, Vorurteilen, Werten und Normen. Durch verantwortungsvolle Darstellung kann einer Reproduktion des Stigmas entgegengewirkt werden. Einstellungsänderungen und Abbau von Vorurteilen können durch Vermittlung von Wissen über psychische Gesundheit, psychische Krisen und Erkrankungen sowie deren Bewältigung erreicht werden, insbesondere dann, wenn auch die emotionale Ebene angesprochen wird und die Empathie durch Vermittlung der Erfahrungsperspektive gesteigert wird. Beispiele sind das Theaterprojekt „Einmaliges Gastspiel“[11] oder das Suchtpräventionskabarett „100 % Rausch- frei“ des österreichischen Kabarettisten Josef Burger[12]. Des Weiteren können kritische Diskurse und soziale Bewegungen durch proaktives Agenda-Setting mittels Kunst- und Kulturprojekten angeregt und gefördert werden. 

(*) Kunst als Medium für Recovery: Unter „Recovery“ wird der Weg zu einem befriedigenden, hoffnungsvollen und sozial eingebetteten Leben innerhalb der krankheitsbedingten Grenzen bezeichnet, der einen persönlichen Prozess der Veränderung eigener Haltungen, Werte, Gefühle und Ziele erfordert.[13] Kreative Betätigung kann als Reflexions-, Ausdrucks- und Entfaltungsmedium bei diesem Prozess eine wertvolle Unterstützung sein. 

(*) Kunst und Kultur als Medium für kulturelle Teilhabe und soziale Inklusion: Kunstausübung – mit oder ohne Etablierung eines Künstlerinnen-/Künstlerstatus – sowie Kunstvermittlung können kulturelle Teilhabe fördern oder den Zugang zu Kunst und Kultur überhaupt erst ermöglichen. Nicht zuletzt können kulturelle Aktivitäten in der Gemeinschaft den sozialen Zusammenhalt stärken, das soziale Netzwerk von Betroffenen erweitern und der Isolation von Einzelnen entgegenwirken. Beispiele sind der Kunstraum Goethestraße in Linz[14] und Initiativen des Vereins „Hunger auf Kunst und Kultur“[15]
 

 

Monika Nowotny ist Mitarbeiterin der Abteilung Psychosoziale Gesundheit an der Gesundheit Österreich GmbH. Sie ist Projektleiterin für die fachliche Prozessbegleitung der Kompetenzgruppe Entstigmatisierung. 

Anna Fox ist zuständig für die Koordination der Gesundheitsziele Österreich im Gesundheitsressort (BMASGK) und begleitet die Kompetenzgruppe Entstigmatisierung von Seiten des Ministeriums. 

Fotos © Ahmad Odeh


1 WHO. Basic Documents. 2014.
2 Gesundheitsziele sterreich: https://www.gesundheitsziele-oesterreich.at/10-ziele
3 BMGF. Gesundheitsziele sterreich. Richtungsweisende Vorschläge für ein gesünderes sterreich – Langfassung. 2012 mit aktualisiertem Vorwort Aufl. Wien: Bundesministe- rium für Gesundheit und Frauen, 2017.
4  BMASGK. Gesundheitsziel 9. Psychosoziale Gesundheit bei allen Bevölkerungsgruppen fördern. Ergänzter Bericht der Arbeitsgruppe. Wien: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, 2019.
5  Finzen A. Stigma and Stigmatisation Within and Beyond Psychiatry. In: Gaebel W, Rössler W, Sartorius N: The Stigma of Mental Illness – End of the Story?, Cham: Springer International Publishing Switzerland, 2017. 29–42
6 Freimüller L, Wölwer W. Antistigma-Kompetenz in der psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosozialen Praxis. Stuttgart: Schattauer Verlag, 2012.
7  Phelan JC, Lucas JW, Ridgeway CL, Taylor CJ. Stigma, status, and population health. Soc Sci Med, 2014: 103/15–23. Hatzenbuehler ML, Phelan JC, Link BG. Stigma as a fun- damental cause of population health inequalities. Am J Public Health, 2013: 103/(5)813–821. Link BG, Phelan JC. Conceptualizing stigma. Annu Rev Sociol, 2001: 27/.
8 Link BG, Stuart H. On Revisiting Some Origins of the Stigma Concept as It Applies to Mental Illnesses. In: Gaebel W, Rössler W, Sartorius N: The Stigma of Mental Illness – End of the Story?, Cham: Springer International Publishing Switzerland, 2017. 3–28.
9  Finzen A. Psychose und Stigma. Stigmabewältigung – zum Umgang mit Vorurteilen und Schuldzuweisungen. Bonn: Psychiatrie-Verlag gem. GmbH, 2000.
10  Zäske H. The Influence of Stigma on the Course of Illness. In: Gaebel W, Rössler W, Sartorius N: The Stigma of Mental Illness – End of the Story?, Cham: Springer Interna- tional Publishing Switzerland, 2017. 141–155. Schomerus G. [Obstacles in the way-stigma and help-seeking]. Psychiatr Prax, 2009: 36/(2)53–54.
11  siehe www.einmaligesgastspiel.at
12  siehe www.josefburger.com
13  Anthony WA. Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. Psychosocial Rehabilitation Journal, 1993: 16/(4)11–23.
14 siehe www.kunstraum.at
15 siehe www.hungeraufkunstundkultur.at

IG Magazin 2019

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 „Kultur als Rezept“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5 €) bestellt werden. 

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