Nicht rückwirkend kompensierend, sondern vorausschauend investierend

Ein Interview mit Elena Stoißer und Alina Zeichen von der IG KiKK über eine neue Projektförderschiene für freie Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška.

Nicht rückwirkend kompensierend, sondern vorausschauend investierend
Auf Vorschlag der IG KiKK - Interessensgemeinschaft der Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška schreibt die Landesregierung Projektentwicklungsförderung aus.

Inmitten all der aufreibenden Nachrichten erreichte uns dieser Tage eine überaus positive Meldung unserer Schwester-IG in Kärnten/Koroška: Auf deren Vorschlag hat das Land Kärnten/Koroška nämlich eine Projektentwicklungsförderung für freie Kulturinitiativen ausgearbeitet, womit ein bedeutendes Zeichen in Richtung Fortbestand der autonomen Szene gesetzt wird. In der Ausschreibung mit Einreichfrist bis 15. Februar 2021 für ein Projekt ab 2022 heißt es, dass freie Kulturinitiativen besonders stark von den coronabedingten Einschränkungen betroffen sind, da sie in der Regel von der Umsetzung einzelner Projekte bzw. eines vorab definierten Jahresprogramms abhängig sind und aufgrund der verordneten Maßnahmen an der Durchführung ihrer Tätigkeiten gehindert wurden und werden. Neben dem Verlust für das Kulturgeschehen bringe dies auch wirtschaftliche Probleme für die Initiativen und die darin tätigen Einzelpersonen mit sich. Dem soll ein neues mit 107.000 Euro dotiertes Projektförderungsformat entgegenwirken. Die Förderung soll einerseits Impulse und die Innovationskraft der freien Szene für die Zukunft nutzbar machen und andererseits ermöglichen, dass Kulturschaffende und Kulturarbeiter*innen ihre Arbeit auch in Zeiten eines allfälligen Veranstaltungsverbotes oder sonstiger Beschränkungen weiterführen und zukünftige Projekte vorbereiten können. Mirjam Steinbock von der IG Kultur Vorarlberg fragte ihre Kolleginnen Alina Zeichen und Elena Stoißer von der IG KiKK, wie es zu dieser Kooperation kam und was damit zusammenhängt.

IG Kultur Vorarlberg: Ein Wow vorweg - das Land Kärnten/Koroška investiert in die Zukunft der autonomen Szene auf Basis Eures Vorschlags. Wie habt Ihr das gemacht?

IG KiKK: Die Kulturabteilung des Landes Kärnten/Koroška hat sich an uns gewandt, mit der Frage, welche finanzielle Unterstützung Kulturinitiativen bestmöglich erreichen könnte. Es hat uns natürlich sehr gefreut, eingebunden zu werden. Wir haben Vorschläge geliefert und mit der Kulturabteilung gemeinsam diese Förderschiene entwickelt.


IGKV: Und mit der stehen Mittel für Recherche, neue Ideen und Entwicklungen zur Verfügung. Warum ist das aus Eurer Sicht gerade jetzt so wichtig?

IG KiKK: Nicht nur jetzt gerade in dieser herausfordernden Zeit, sondern grundsätzlich ist es wichtig die Kulturarbeit mit Plänen für die Zukunft abzusichern. Jetzt besonders ist es wichtig, da Kulturinitiativen wie alle anderen nicht veranstalten dürfen und dadurch Einnahmen, die normalerweise lukriert werden können und die zur Absicherung von Strukturkosten (Personal, Räumlichkeiten, etc.) genommen werden, nicht fließen. Hinzu kommt, dass gerade durch die Veranstaltungsverschiebungen und -absagen Kulturinitiativen mit einem Mehraufwand an Organisation und Planung konfrontiert sind, den sie jedoch nicht abgegolten bekommen. Daher sollte mit dieser Projektentwicklungsförderung die Möglichkeit geschaffen werden, neue Projekte zu planen, ohne sofort eine Umsetzung durchführen zu müssen, die Konzeptionsarbeit dabei dennoch monetär abzugelten.


IGKV: Wir kennen Projektförderungen im Kulturbereich eher mit direkter Verknüpfung an ein Publikum. Hier darf das anders aussehen. Warum?

IG KiKK: Der Kulturabteilung war es wichtig, die Strukturen in der Freien Szene und die qualitativ hochwertige Arbeit abzusichern und gleichzeitig den Druck aus dem Produzieren rauszunehmen. Wenn die Förderung die Konzeption und Durchführung voneinander entkoppelt, haben Kulturinitiativen die Möglichkeit, jetzt ihre Arbeit wieder aufzunehmen, wodurch ihr Fortbestand vorübergehend gesichert wird. 


IGKV: Soll die Gesamtsumme der Fördermittel auf möglichst viele aufgeteilt werden?

IG KiKK: Die Ausschreibung läuft und daher kann noch nicht gesagt werden, auf wie viele Kulturinitiativen aufgeteilt wird. Es ist aber ein monatlicher Zuschuss und - ähnlich wie Stipendien für Künstler*innen - nicht auf die Größe des zukünftigen Projektes, sondern auf Kontinuität der Arbeit aufgebaut.


IGKV: Ist die Förderschiene ergebnisoffen angelegt?

IG KiKK: Ja. Am Ende des Stipendiums muss lediglich ein Bericht zum Konzept des neuen Projektes nachgewiesen werden.
 

Research-Stipendien seit Jahren gefordert

IGKV: Werdet Ihr von der IG KiKK das Format inhaltlich weiter begleiten oder ggf. weiterentwickeln? Und könnte es sich langfristig etablieren?

IG KiKK: Seit längerer Zeit fordert die IG KiKK jährliche Research-Stipendien für Kulturinitiativen. Daher werden wir auf jeden Fall an dieser Förderschiene dranbleiben.


IGKV: Viele Kultureinrichtungen sind ehrenamtlich strukturiert und agieren – auch als Arbeitgeber*innen für Kunst- und Kulturschaffende – dennoch überwiegend professionell und mit hohem Aufwand. Bei all den Verschiebungen und Umplanungen bewegt sich freiwillige Arbeit mehr denn je an und über seine Grenzen. Denkt Ihr, dass mit der Förderung neben Motivation auch eine zahlenmäßige Wertschätzung in ehrenamtlich geführte Bereiche einfließen könnte?

IG KiKK: Ich finde, dass mit diesem Stipendium ein großer Schritt in die Richtung gesetzt wurde, dass Kulturarbeit als ARBEIT gesehen und wertgeschätzt wird. Ganz oft ist diese Arbeit ja unfreiwillig ehrenamtlich, da die Finanzierung für Personalkosten nicht gegeben ist. So ist es zwar in den öffentlichen Kulturbetrieben (Landestheater, Stadttheater, Landesmuseen,… ) selbstverständlich, dass Menschen für ihre Arbeit bezahlt werden – dies zählt als Job und ist dabei auch sehr hoch angesehen in der Gesellschaft – sobald es sich allerdings um die Freie Szene handelt, verkümmert der Blick auf geleistete Arbeit zur „Liebhaberei“.


IGKV: Macht sich das Prekariat für euch vor allem an fehlenden Zahlen fest oder was gehört noch zu mangelnden Arbeitsbedingungen?

IG KiKK: Neben den geringen Förderungen für die Basisstruktur von Kulturinitiativen ist es auch die Wahrnehmung in der Gesellschaft und in der Politik. Wenn man für einen Kulturbetrieb des Landes arbeitet, dann ist man wer, dann kann das mit Stolz gesagt werden und man erhält auch Anerkennung. Wenn man für eine Kulturinitiative arbeitet, dann ist es freiwillig, idealistisch und auch ok, wenn davon nicht gelebt werden kann. Dabei sind es gerade die Kulturinitiativen, die in weniger urbanen Regionen die Basisarbeit leisten und meistens der erste Berührungspunkt mit Kunst, Kultur und kultureller Bildung bieten.
Weiters fehlen durch die geringere Finanzierung aber auch Büroräumlichkeiten, Ausstattung, Möglichkeiten der Fortbildung, des Austausches mit Kolleg*innen, …


IGKV: Alina, du sagtest im Rahmen des jährlichen Treffens mit Kulturlandesreferent und Landeshauptmann Peter Kaiser unlängst, dass die oft von Politiker*innen gelobte Resilienz im Kultursektor auf eigene Kosten gehe, da dieser gewohnt sei, so zu arbeiten. Kannst du das erläutern?

Alina Zeichen: Verschiedene Studien, aus verschiedenen wissenschaftlichen Feldern (so z. B. auch die öffentliche BWL) weisen darauf hin, dass Gemeinden, Betriebe, Sektoren, etc., die grundsätzlich unter schwierigen Bedingungen arbeiten, eine größere Resilienz aufweisen. Das liegt daran, dass sie die Krise oder den Krisenmodus stärker erprobt haben und daran gewöhnt sind. Die Freie Szene ist es gewöhnt mit sehr wenig auszukommen und sie ist es gewohnt, zu improvisieren. Das kann natürlich als Stärke gesehen werden, allerdings kann man auf der Matrix nicht nur die Stärken betrachten. Die andere Seite sind Risiken und Schwächen. Zu diesen gehören prekäre Arbeits- und Produktionsverhältnisse. Daraus kann abgeleitet werden, dass diese Risiken auch volkswirtschaftlichen Nachteil haben werden. Weniger Lohnnebenkosten, keine Pensionsabdeckung, keine Arbeitslosenversicherung, Ausfälle durch Betreuungspflichten (Kinder und Eltern), etc. können zu Burn-Out, Arbeitslosigkeit, Altersarmut usw. führen.


Kultur ist lebendiger Wirtschaftszweig, der Menschen beschäftigt

IGKV: Weil du den volkswirtschaftlichen Nachteil ansprichst - sowohl die im letzten Sommer veröffentlichte Studie des WIFO im Auftrag des Bundesministeriums zu den Auswirkungen von Corona auf die Kreativwirtschaft als auch eine jüngst veröffentlichte europaweite EY-Studie im Kreativsektor, die von 32 Verwertungsgesellschaften in Auftrag gegeben wurde, veranschaulichen, wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch Veranstaltungsverbote ist. Das sind Fakten, die Investitionen doch eigentlich aus dem Boden schießen lassen müssten. Habt Ihr eine Vermutung, warum sich Landes- und Bundesregierungen in Österreich so schwer damit tun, die Kulturbudgets entsprechend auszustatten?


Alina Zeichen: Nein, es ist mir ein Rätsel. Der Kultursektor ist einer der wichtigsten Bestandteile der österreichischen Wirtschaft. Der Tourismus hängt mit der Kultur zusammen. Die österreichischen Botschaften, Tourismusagenturen, etc. werben mit dem Bild der Kulturnation. Es gibt ein klares Bekenntnis zu Kunst und Kultur in den Verfassungen und in den Regierungsprogrammen. Es ist ein lebendiger Wirtschaftszweig, der Menschen beschäftigt, aber auch Zulieferer braucht (Gastronomie, Hotellerie, Tischlereien, Druckereien, etc.). Wir kaufen doch auch im Handel Teile unseres Bühnenbildes, Kostüme, Malereibedarf, Essen, …
 

IGKV: Welche Themen liegen Euch von der IG KiKK in dieser Zeit besonders am Herzen? Was würde Eure Arbeit unterstützen und bereichern?

IG KiKK: Neben langjährigen Forderungen wie die Absicherung der Basisstruktur und Fair Pay für Kulturarbeit liegen unser Fokus derzeit auf dem Sichtbarmachen von Kulturinitiativen. Durch den Wegfall von Veranstaltungen verschwinden Initiativen aus der medialen Berichterstattung und damit auch aus der Wahrnehmung. Aufzuzeigen, welche Personen, Ideen und Visionen dahinter stehen, soll deren Bedeutung für die Gesellschaft wieder stärker in den Vordergrund rücken.
 

IGKV: Gibt es einen Wunsch oder eine Anregung Richtung Vorarlberg?

IG KiKK: Wir freuen uns, wenn diese neue Förderschiene anregt, ähnliche Modelle auch in den anderen Bundesländern umzusetzen.

IGKV: Danke für das ausführliche Gespräch!

 

Elena Stoißer ist Büroleiterin und Alina Zeichen Vorstandsvorsitzende der IG KiKK –Interessensgemeinschaft der Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška

Ausschreibung Projektentwicklungsförderungen für freie Kulturinitiativen des Landes Kärnten/Koroška

Foto: Freibühne Klagenfurt / Strelux GmbH

 

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