Zeitgenössischer Zirkus. Perspektiven, Probleme, Chancen.

Der neue Zirkus ist noch keine Hausnummer in der Nachbarschaft der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene. Die Unbekanntheit in der Bevölkerung spiegelt die mangelnden Strukturen und Förderschienen, das Zögern der Politik. Ein Problem hat die Szene aber auch selbst: Sich zu definieren. Das kann eine Chance sein, aber vielleicht auch eine Ursache der Startschwierigkeiten.

Ein Bericht zur Konferenz FRESH CIRCUS #3

"I am still learning about contemporary Circus“, sagt Dong Hee Cho, Leiter des Street Arts Creation Center in Seoul. Erst seit einem Jahr hat sich sein Zentrum dieser Sparte geöffnet, die öffentlichen Strukturen in Südkorea seien noch nicht darauf eingestellt. Es kommt mir mittlerweile nicht mehr komisch vor, bin ich doch mit derselben Intention, nämlich über zeitgenössischen Zirkus zu lernen, zur Konferenz „Fresh Circus“ nach Paris gefahren, und von derselben Ausgangslage erzählen mir fast alle Teilnehmenden. Es scheint sich um ein internationales Phä- nomen zu handeln. Ein gewisser Anteil besteht aus Menschen, die schon seit Jahren knietief in der Szene stecken. Eine Handvoll Experts. Der Großteil möchte Knowhow in die eigenen Kulturinitiativen bringen und damit in ihre Länder rund um die Welt. Die Politik scheint wieder einmal zuletzt zu reagieren. Dabei würde es einige Vorteile bieten, frühzeitig eine gute Infrastruktur für den Gedeih dieser Szene zu schaffen.

Das Klischee des fahrenden Zirkusvolkes ist so abgenutzt wie traditioneller Zirkus selbst, und doch hat es eine traurige Realität. Filippo Alberico Malerba aus Mailand schreibt seine Doktorarbeit zu zeitgenössischem Zirkus und erzählt, dass es in der Zirkus-Szene eine hohe Bereitschaft zu Mobilität gäbe. Das liegt einerseits daran, dass die besten Ausbildungen nur in wenigen europäischen Städten angeboten werden. Ähnlich verhält es sich mit den Arbeitsplätzen und der sozialen Anerkennung ihrer Tätigkeit in verschiedenen europäischen Städten und Ländern. Möchte man mit seiner Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen und darin nicht nur eine Selbstverwirklichung in der Freizeit sehen, neben einem Brotjob, häufig in der Gastronomie, der den Großteil der Zeit und Energien verbraucht, so muss man gehen. Das führt in Städten und Ländern, die spezifische künstlerische Bereiche nicht ausreichend fördern, quasi zu einem Artistic Brain Drain. Im Umkehrschluss sind Standorte, die einen nahrhaften Boden für die künstlerische Arbeit darstellen, äußerst attraktiv für internationale Kunstschaffende. Sie bringen Kompetenzen in das Land, wichtige Wissenstransfers, die andernfalls nur mühselig und kostenintensiv kompensiert werden könnten. „In Barcelona you do Circus and you are nothing. In France you do Circus and it’s like a University Career“, bringt Joan Ramon Graell, früherer Präsident der katalanischen Association of Circus Professionals, das Problem auf den Punkt.

Elena Kreusch von „KreativKultur Österreich“ meint, man könne in Österreich noch nicht einmal so richtig von einer Szene sprechen. Eine Handvoll Kunstschaffender kämpfe auf unbereitetem Boden und leistet hoffentlich Pionierarbeit, die nicht im Sande versickert. Allerdings nur, wenn die Behörden nachziehen. Es fehlt an Förderstrukturen aber auch an Infrastruktur, wie Bildungseinrichtungen oder Probe- und Veranstaltungsräumen. Möchte man vermeiden, dass der Artistic Brain Drain in Österreich weitergeht, beziehungsweise sogar die Chance nutzen, mit attraktiven Grundvoraussetzungen internationale Player anzuziehen, wichtige Kompetenzen und Knowhow ins Land bringen und nicht zuletzt die heimische Kunst- und Kulturszene erweitern und beleben, ist darin also nicht nur eine Gefahr zu sehen, sondern auch eine Chance.
Der Zeitpunkt könnte vielleicht besser nicht sein. Wenn die Politik nur nicht wieder zu zögerlich reagiert

Ein Problem an der Sache liegt an der Neuheit. Der zeitgenössische Zirkus schwebt in Negativkriterien, definiert sich noch stark über die Abgrenzung zu traditionellem Zirkus. Das schafft eine Offenheit, einen freien Raum für neue Formen, neue Impulse, verschiedene Ansätze, die nebeneinander existieren können. Doch wie Jenny Patchovsky von der „Initiative Neuer Zirkus“ erklärt, ist das auch ein Problem, vor allem, wenn es darum geht, Förderungen zu rechtfertigen oder überhaupt erst einzufordern. In den deutschsprachigen Ländern bestehe die Notwendigkeit, sich von der Unterhaltung abzugrenzen, um als Kultur förderwürdig zu sein. Man ist kein herkömmlicher Zirkus, kein Varieté, keine Tanzshow, doch um eine Förderschiene zu schaffen, müsse man erklären, das heißt in bürokratischem Deutsch darlegen können, was man ist und nicht nur, was man nicht ist. Am Ende des Tages brauchen nicht nur Bürokraten klare Worte, um den Papierkram erledigen zu können, sondern vor allem auch die Politik, um greifbar zu sein.

Wenn ich aber auf dieser Konferenz die Teilnehmenden naiv frage, was denn zeitgenössischer Zirkus sei, so stöhnt man ob der Schwierigkeit der Frage. Mit verlegenem Lächeln geben selbst langjährige InsiderInnen äußerst heterogene Antworten, entweder orientiert an Abgrenzungen vom herkömmlichen Zirkus, dem Varieté oder dem Tanz oder orientieren sich an den möglichen Darstellungsweisen, worin man all diesem allerdings wieder ähnelt. In den Strukturen der Player und Organisationen ist man andererseits den Kulturinitiativen verwandt. So groß also die Herausforderungen für den zeitgenössischen Zirkus also sein mö- gen, in der Vernetzung der Kunstschaffenden zur Schaffung einer Szene, dem Aufbau von ganz basaler Infrastruktur, über Bildungseinrichtungen bis hin zu Räumlichkeiten für Probe und Show, der Vertretung gegenüber der Politik, der Schaffung von Förderstrukturen, der Publikumsgewinnung – kurz: bei allen Hausaufgaben, die wir noch nicht gemacht haben, (wovon Bildung und Location die wichtigsten seien, so Patchovsky) – die erste Herausforderung, der wir uns wohl oder übel stellen müssen, um diese Lücken schließen zu können, wird die Verständigung und Vermittlung sein. Einer kongruenten Verständigung darüber, worum es sich überhaupt handle und einer verständlichen Vermittlung dessen, womit man es zu tun hat. Wir müssen das Definieren nicht scheuen, und auch die Definitionskämpfe nicht. Sie werden uns einander näherbringen. Mit etwas Umsicht werden sich Selbstbezeichnungen finden, die nicht einschränkend sein werden, sondern von eben jener Offenheit getragen sind, die das jetzige Selbstverständnis ohnehin zeigt. Wir müssen dafür nur klarere Worte finden.

Patrick Kwasi

 

Patrick Kwasi ist Mediengestalter und Projektkoordinator
der IG Kultur Österreich und Dozent an der Universität
für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz.

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