We are all Anti-TerrorFOR

Heute speichern wir Handyverbindungsdaten, Surfgewohnheiten und wer welches Essen im Flugzeug bestellt. Bei der Vorstellung, wie Leute verhaftet werden, weil sie die falschen Bücher lesen und die falschen Webseiten besucht haben, läuft es mir kalt über den Rücken.

We are all Anti-TerrorFOR

Es ist der 11. September 2007 und – wie könnte es anders sein – ich bin mit meinem persönlichen Einsatz für die Anti-TerrorFOR (Force) beschäftigt. Begonnen hat es mit dem Ende meines Urlaubs auf einem Bahnsteig der Niederländischen Eisenbahn, erregte doch ein Plakat meine Aufmerksamkeit: Nederland Tegen Terrorisme. 200.000 Profis gegen den Terrorismus, auf dem Plakat abgebildet fand ich eine Putzkolonne wieder. Da mein Zug schon am Einfahren war und meine Niederländisch-Kenntnisse nicht zum Schnell-Lesen gereichen, machte ich ein Foto und fuhr Richtung Schiphol, dem Amsterdamer Flughafen. Immer noch beeindruckt davon, was eine Putzkolonne mit Terrorismusbekämpfung zu tun hat, fand ich mich wieder in den schon gewohnten Security Schleusen – Menschen, die aktiv nicht ihren Durst, sondern Terrorismus bekämpfen, wenn sie versuchen, vor den Augen des Sicherheitspersonals ihre Wasserflaschen in einem Zug auszutrinken und ihre nicht korrekt eingetüteten Kosmetika doch noch in transparente Plastiktaschen zu verpacken. Ich zieh meinen Gürtel aus den Schleifen und denk mir, wie schon so oft, warum ich immer mit so weiten Hosen reise, die Frau neben mir platziert ihre Plateauschuhe auf dem Förderband zum Röntgengerät.

„Wat wordt er gedaan tegen terrorisme en wat kunt u doen?“, lese ich am Foto des Plakates. Und was kann ich tun? Wir alle sind Anti-TerrorFOR, kleine Einheiten der Terrorbekämpfung. Seit Jahren werden wir geimpft mit einer Haltung der permanenten Alarmbereitschaft gepaart mit spezifischen Bedrohungsszenarien und klar definierten Profilen der Bedrohenden. Kurz nach der Gründung des Homeland Security Departments gab es die Aufforderung an PostbeamtInnen, InstallateurInnen, HandwerkerInnen usw., ihren Zugang zu fremden Wohnungen und Häusern zu nutzen, um verdächtige Materialien zu melden. 2002 gab es einen Aufstand der Bibliotheken, die gezwungen werden sollten, die Lesegewohnheiten ihrer NutzerInnen preiszugeben. Umsonst: Heute speichern wir Handyverbindungsdaten, Surfgewohnheiten und wer welches Essen im Flugzeug bestellt. Bei der Vorstellung, wie Leute verhaftet werden, weil sie die falschen Bücher lesen und die falschen Webseiten besucht haben, läuft es mir kalt über den Rücken.

Wie schnell dies passieren kann, zeigt die Geschichte eines Soziologen in Berlin, der unter dem Verdacht auf Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung verhaftet worden war, mit der Begründung, dass in Texten der „militanten Gruppe“ Ausdrücke verwendet werden, die auch der Stadtforscher in seinen Arbeiten benutzte. Er als gelernter Politologe habe ja schließlich Zugang zu Bibliotheken, die er unauffällig nutzen kann, um die zur Erstellung der Texte der „militanten Gruppe“ erforderlichen Recherchen durchzuführen. Zum Glück (im Unglück) ist es hierzulande bisher nicht möglich, wie in den USA seit dem Patriot Act 2, Menschen ohne Kenntnisnahme von Behörden, Anwaltschaft oder Richterschaft zu verhaften, weshalb eine gewisse rechtstaatliche Handhabe noch gewährleistet werden kann. Im eifrigen „Wir alle sind Anti-TerrorFOR“- Gejaule wird aber jener Rechtstaatlichkeit mehr und mehr das Wasser abgegraben.

Gruseliger nur noch präventiv internalisierter Rassismus, den eine Freundin auf einem US-Inlandsflug beobachten musste: Aufgrund der Anwesenheit von BeamtInnen der Homeland Security im Ausstiegsbereich des Flugzeuges musste sie mit ansehen, wie alle nicht-weißen PassagierInnen sitzen blieben, um den weißen FluggästInnen den Vortritt zu lassen, da sie das Weiterkommen dieser nur behindern würden.

Marty Huber

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