|
 |
|
> > Display fü...
|
Display für Wissensproduktion. Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik in Essen
Marius Babias
Die Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik in Essen startete 2001 mit dem Ausstellungsprojekt Arbeit Essen Angst, das von vier Themenkonferenzen begleitet wurde; in den Teilausstellungen Arbeit, Freizeit und Angst wurden Werke von 26 internationalen KünstlerInnen ausgestellt, die neue gesellschaftliche Kommunikationsprozesse initiieren sollten. Die Ausstellung, die in drei Etappen auch ihre Entstehungsgeschichte transparent machte, wurde begleitet von Diskussionsveranstaltungen zu den Themenfeldern "Geschichtskultur", "Bitterfelder Weg", "Existenzgeld" und "Rechtsradikalismus". Im Jahresprojekt 2002, Campus, wurde dann eine weitere gesellschaftspolitisch brisante Frage thematisiert: Bildungspolitik bzw. Wissensproduktion. Im Jahresprojekt 2003, Die Offene Stadt: Anwendungsmodelle, wurde die Auseinandersetzung mit "Öffentlichkeit" und den Orten ihres Entstehens und Wirkens geführt.
Zusammengefasst steht im Mittelpunkt des Gesamtprojekts das Entwickeln neuer Wege und Modelle der Vermittlung von Wissen, politischer Mündigkeit und Subjektivität. Das Konzept sieht vor, einen Produktionsort zu schaffen, an dem sich die Bildende Kunst – unter Berücksichtigung von Industrie- und Sozialgeschichte – mit gesellschaftsrelevanten Fragen auseinander setzt. Dabei soll das jeweilige Jahresprogramm nicht nur unter einem anderen thematischen Schwerpunkt stehen, sondern auch jeweils ein anderes, je adäquates Präsentations- und Vermittlungsmodell hervorbringen.
Üblicherweise legitimiert man Ausstellungen mit dem Argument, dass sie neue Wahrnehmungsweisen erschließen sollen. Dieses Argument impliziert räumlich-visuelle Originalität, die nicht augenblicklich eine große emanzipatorische Kraft entfalten muss; sie kann jedoch ein Anfangsimpuls für einen weiteren Erkenntnisprozess sein.
Theoriepraxis
Die Bauweise des Gesamtprojekts Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik setzt die Kunstpraxis, die Diskussionspraxis und die Theoriepraxis in ein bestimmtes, nicht-doktrinäres Verhältnis. Das gesellschaftspolitische Feld soll nicht in erster Linie durch die Kunst angesprochen werden, das Ästhetische soll seine Eigenwertigkeit entfalten. Gesellschaftspolitische Fragen werden der Kunst zur Seite gestellt, um ihr einen weiteres Wirkungsfeld zu erschließen.
Kritische Praxis – sei es im gesellschaftspolitischen oder im künstlerischen Feld – hat seit den 1980er Jahren stark abgenommen. Das Projekt Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik begreift kritische Praxis nicht als Legitimitätslieferantin für einen neuen Ort, an dem die notorisch Unzufriedenen und Randständigen Sprechmacht erhalten sollen. Foucault hat einen Kritikbegriff dargelegt, der auf der Analyse der Macht und ihrer sozialen Kontrollmechanismen bezogen ist und sich dabei im hohen Maße selber misstraut. Denn wo Kritik sich versteift und instrumentell wird, kippt sie in Selbstdisziplinierung um.
Adorno könnte ein weiterer Bezugspunkt sein, insbesondere seine späten politischen Fragmente, worin er die fatalen Auswirkungen einer Tabuisierung der politischen Kritik in Deutschland seit der Reichsgründung 1871 analysiert. Die Abwehr der Kritik in Deutschland, so Adorno, speise sich aus einem aggressiven, institutionell verwobenen Geist des Militarismus, der die zivilen Bereiche der Gesellschaft beherrschen will. Dagegen setzt Adorno einen Begriff der politischen Mündigkeit, deren Motor die politische Kritik sei.
Eine Betrachtung der Geschichte der Gegenkultur seit den 1960er Jahren zeigt, dass es für die Nachfolgegeneration der sozialen Bewegungen Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre ein großes Theorie-Praxis-Distinktionsproblem gab: Für die sich zersplitternden Praxisinteressen konnte kein übergreifendes theoretisches Modell konstruiert werden. Das hat zu einer Entpolitisierung der Jugendkultur und überhaupt des politischen Lebens geführt. Was ist heutzutage politische Öffentlichkeit? Und wo findet sie statt? Die Popkultur hat die Frage nach der politischen Öffentlichkeit zunehmend überdeckt, sie sich untertan gemacht und visuell versklavt. Es findet eine schleichende Form von politischer Analphabetisierung in der Gesellschaft statt. Das Gesamtprojekt Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik versucht stattdessen das, was als Praxis erscheint – seien es politische Veranstaltungen, Ausstellungen, HipHop-Workshops oder Culture Jamming-Seminare – nicht auf eine theoretische Matrix zu reduzieren, sondern zu einer kritischen Praxis des Sehens, des Denkens und des Handelns zu erweitern.
Analyse, Gegenmodell, Aufmerksamkeitsökonomie
Die Analyse schließt nicht zwangsläufig die erschöpfende Beantwortung der Fragestellung ein, die Analyse kann auch an einem Punkt innehalten, wo das Projekt die Antwort vor Ort eruiert. Innerhalb unserer warenförmigen Bildkultur ist es schwierig, Gegenmodelle überhaupt vorstellbar zu machen. Unser Sehen und Denken sind derartig kolonisiert, dass die Auslöschung dieser heteronomen Determinierung eine gewisse Anstrengung erfordert. Für den kritischen Umgang mit visuellen wie auch textuell basierten Wissensformen will die Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik ein Display für Wissensproduktion zur Verfügung stellen.
Die Chance ist gegeben, mit einem im kulturellen Feld eingeschleusten politischen Projekt unter bestimmten Umständen eine höhere Aufmerksamkeit zu erzielen als direkt im politischen Feld. Dass diese Praxis im Kulturbetrieb zu Inkorporierungen geführt hat, dass aus politischen Aktivisten "Politkünstler" wurden, sie somit auf einen Stilbegriff reduziert wurden, ist ein historisches Dilemma, aus dem Konsequenzen gezogen werden müssen. Im historischen Rückblick erscheint der Versuch, die Form des politischen Postulats, nämlich die politische Praxis rigoros an einem Ideal auszurichten, ideologisch überfrachtet. Es ist ebenso legitim, sich in politische Felder zu begeben und dort infiltrierend zu agieren, wie auch zu versuchen, im Feld der Kultur eine Situation oder Realität zu schaffen, die eine kritische Öffentlichkeit herzustellen vermag. Beide Ansätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern vielmehr aufeinander zu beziehen, ist eine erste Konsequenz aus dem Theorie-Praxis-Dilemma.
Marius Babias lebt in Berlin. Seit 2001 Co-Kurator der Kokerei Zollverein | Zeitgenössische Kunst und Kritik, Essen. Kunstkritiker u. a. für Kunstforum International, Kunst-Bulletin und Metropolis M. Gastprofessuren für Kunsttheorie und Kunstvermittlung an der Städelschule Frankfurt/M., der Universität Linz und am Center for Contemporary Art Kitakyushu, Japan
|
|
|
|
|