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Möglichkeit, Kunst und demokratische Abweichung. Das Rooseum als regionale Kunsthalle in einer schwedischen Kleinstadt
Charles Esche
"Der Fall der kommunistischen Partei der Sowjetunion und die unverhüllte Herrschaft des demokratisch-kapitalistischen Staates auf globaler Ebene haben die zwei hauptsächlichen ideologischen Hindernisse für die Wiederaufnahme einer politischen Philosophie, die auf der Höhe unserer Zeit wäre, aus dem Weg geräumt: den Stalinismus auf der einen Seite, den Progressismus und den Rechtsstaat auf der anderen. So sieht das Denken sich dem, was ihm aufgegeben ist, heute erstmals ohne jede Illusion und ohne mögliche Ausflucht gegenüber." (Giorgio Agamben, Noten zur Politik, in: ders., Mittel ohne Zweck, diaphanes 2001, 105)
Agamben bescheibt mit größter Klarheit die Situation, in der wir arbeiten. Wir verlieren zunehmend unsere Illusionen angesichts der anachronistischen Art, in der die heutige Gesellschaft sich entschieden hat, ihre Oppositionen zu überwinden und ausreichenden Konsens zu finden, um weiter zu machen. Wir können heute nicht umhin, den Sozialismus als Scheitern zu verstehen, können die Sozialdemokratie nur als den gebrochenen Kompromiss erkennen, der sie auch ist, und beugen uns vor dem globalen demokratischen Kapitalismus nur als letzter noch übriger Idee. Im Gegenzug tun die neo-konservativen Evangelisten alles, um aus diesem (hoffentlich kurzen) Moment Nutzen zu ziehen.
Die Frage, die Agambens einleitendes Zitat aufwirft, ist, wo und wie die Theorie ihre Aufgabe wahrnehmen kann, eine erneuerte politische Philosphie zu schaffen. Was das Feld der modernen Kunst anbelangt, könnte die alte Politik der Linken als eine Art Universum der Antimaterie – in seiner Vertrautheit auf viele künstlerische Anliegen anspielend, aber ununterbrochen die Zerstörung seiner in Ehren gehaltenen Freiheit androhend – vorgestellt werden. Die Veränderungen in der modernen und sogar sehr aktuellen Kunst oszillieren zwischen dem Wunsch nach sozialem (und politischem) Engagement und der Leidenschaft für künstlerische Autonomie – doch hat sich herausgestellt, dass es alle beide Extreme nicht gibt. Kunstinstitutionen, Museen und Galerien waren normalerweise nichts anderes als Behälter, die diese Aktivitäten beherbergen. Gelegentlich allerdings wurden diese Orte, an denen Kunst stattfindet, auch zu kreativen Motoren für ein Neudenken der Kategorien bildender Kunst und der Rolle von KünstlerInnen, für die Frage, wie visuelle Kultur das persönliche Bewusstsein verändern kann und sogar die Welt.
Wenn wir damit beginnen, uns eine umstrittene kulturelle Zukunft vorzustellen, könnte es sein, dass es die letztgenannte Möglichkeit ist, die wir wiederbeleben müssen, selbst wenn wir erkennen, dass sie von einem kollaborativen Engagement der "freien" KünstlerInnen in den Institutionen abhängig ist. Dieses schwierige Terrain zwischen Einbindung und Autonomie oder zwischen sozialen Anliegen und Subjektivität haben wir im Rooseum in den letzten drei Jahren zu erforschen versucht. Mit unterschiedlichem Erfolg haben wir in Projekte wie In 2052 Malmö will no longer be Swedish, Open Forum und the Future Archive, sowie Ausstelllungen wie Intentional Communities, Baltic Babel, Superflex, Creeping Revolution und Rooseum Universal Studios entwickelt, mit dem grundlegenden Ziel, den Zweck dieser regionalen schwedischen Kunsthalle und ihr Publikum neu zu definieren. Das Rooseum ist selbstverständlich nicht einzigartig in diesem Vorhaben, aber doch relativ isoliert. Sein Standort in einer Kleinstadt in einem traditionell sozialdemokratischen Staat stellt ein spezifisches Umfeld zur Verfügung, in dem die Realität sozialen Engagements außerhalb der Kunstwelt intensiv überprüft werden kann.
Ich bin mir bewusst, dass der Anspruch auf Vorrechte im Namen einer Kunstinstitution Gefahren birgt, nicht zuletzt jene, dass die Tolerierung der Kultur durch den Kapitalismus einfach als Mittel der Ablenkung des Widerstands von angemesseneren Aktivitäten dient. Doch in dieser Situation, die Agamben als politische "Stunde Null" bzw. dessen, was der slowenische Philosoph Slavoj Zizek als das "Denkverbot" bezeichnete, das alles Denken außerhalb des demokratischen Kapitalismus ausschließt, bin ich ebenso wenig sicher, ob irgendwelche der bestehenden formellen oder informellen politischen oppositionellen Kanäle irgend eine Wirkung auf das System haben.
Kunst ist schließlich nicht dasselbe wie Politik und kann nicht als politische Aktion mit anderen Mitteln betrachtet werden. Stattdessen muss sie, um Agamben zu zitieren, "ihre eigene Aufgabe ohne jede Illusion wahrnehmen". Ich bin optimistisch, dass eine solche Aufgabe innerhalb experimenteller Kunstinstitutionen definiert werden kann, indem das breite Feld zeitgenössischer Kunst als offener und imaginativer Raum für den Ausdruck individueller und kollektiver Sehnsüchte benützt wird, die in aktuellen politischen Diskursen keinen Platz haben oder nicht einmal bedacht werden können. Natürlich finden sich KünstlerInnen, öffentliche Institutionen und von Künstlerinnen selbst organisierte Orte, die Kunst produzieren und vorantreiben, alle notwendigerweise innerhalb der ökonomischen Hegemonie des Kapitalismus verortet. Sie waren immer schon Teil davon, aber diese eingeschriebene Position ist möglicherweise gerade ihr Vorteil. Sie befinden sich in einem "eingebunden-autonomen" Verhältnis zum Kapitalismus, ebenso wie zur politischen Opposition oder zu den sozialen Bewegungen - komplizenhaft, aber davon getrennt, auf eine Art, die sowohl die Irrelevanz von Kunst wie auch ihr Potenzial, ihre Möglichkeit definiert, - in Superflex’ Worten – Werkzeuge des Denkens und Verknüpfens zu werden.
Der Begriff Möglichkeit scheint ein wesentlicher zu sein in diesem Thema. Was unsere Ideen im Rooseum vorantreibt, ist das Konzept (und die Herausforderung), diese Möglichkeit zu schaffen für KünstlerInnen, für das Publikum und vielleicht auch für unsere Stadt und ihre EinwohnerInnen. Möglichkeit ist in diesem Zusammenhang ganz einfach eine Bedingung, anders zu denken oder sich Dinge anders vorzustellen, als sie sind. Möglichkeit zu schaffen, ist kein fixer Standpunkt, sondern eine unsichere und wandelbare Bedingung aus räumlichen, zeitlichen und relationalen Elementen. In anderen Worten, damit Möglichkeit entstehen kann, braucht es einen Ort, einen Moment und eine Gruppe von Personen - also "Material", das unausweichlich in den Händen öffentlicher Kunstinstitutionen liegt und in ihrem Potenzial, ein breiteres Spektrum der Gesellschaft anzusprechen.
Es existieren im aktuellen Klima wenige exemplarische Modelle dieser Herstellung von Möglichkeit. Es gibt keine klaren Formeln, denen zu folgen wäre, obwohl der heute geläufige Sprachgebrauch von "Labors" und "Fabriken" uns gewisse Modelle aus der Wissenschaft und Industrie nahelegt. Ich bin aber eher unsicher, was diese Begrifflichkeiten anbelangt, da sie die Position der Öffentlichkeit der BesucherInnen auszuschließen scheinen – da sowohl Labors als auch Fabriken per definitionem nicht-öffentliche Produktionsstätten sind. Um die Institution in der besten Weise zu nützen, müssen wir ein Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach nicht-öffentlichem Experiment und öffentlicher Diskussion herstellen, besonders da die Foren allgemeiner Intervention weniger werden durch die Privatisierung öffentlichen Raums. Kunst und ihre Institutionen müssen sich in eine andere Richtung bewegen, wenn sie die Rolle von Foren politischer Imagination spielen wollen.
Wenn eine Kunstinstitution heute das Potenzial hat, ein solcher Ort zu werden, muss sie damit beginnen, ihre konstituierenden sozialen AkteurInnen in komplexerer Form zu definieren denn als KünstlerInnen, KuratorInnen und BetrachterInnen, und neue Formen des Austauschs zwischen ihnen zu entwickeln. Ich würde mir das Rooseum und ähnliche Einrichtungen gern als "Orte demokratischer Abweichung" vorstellen, wo Ideen, die jenseits von Zizeks "Denkverbot" von allen TeilnehmerInnen eingebracht und spezifische Themen über längere Zeit als nur durch eine einzige Ausstellung zur Diskussion gestellt werden. Die Aufgabe der Institution wäre es dann, sich in gewissem Maße zu verwandeln, ein Ort klarer Kommunikation ihrer eigenen Anliegen zu werden, um Kunst zu ermutigen, "ihre eigene Aufgabe wahrzunehmen" oder über den Kapitalismus der freien Märkte hinaus zu denken. Dem müssten eine Aufnahmebereitschaft für künstlerische Vorschläge sowie direkte Einladungen und Großzügigkeit in den daraus resultierenden Dialogen folgen. Die Herstellung von Raum und Zeit und die Annahme von möglichst weit reichenden Ansätzen kann nur durch den vollen Einsatz für solche Prozesse ermöglicht werden.
Dies ist sicher ein anspruchsvolles Programm für einen kleinen und relativ schwachen institutionellen Rahmen. Aber nur als ein solcher Ort kann eine Institution die Forderung nach neuen oder höheren öffentlichen Förderungen rechtfertigen. Mit der Erfahrung mit den verschiedenen Formen von europäischem Sozialismus und europäischer Sozialdemokratie und nach den erschöpfenden Jahren unerbittlicher Attacken durch den Fundamentalismus des freien Marktes ist das Bedürfnis gering, weiter die Bastionen so genannter "elitärer" Kunstinstitutionen zu verteidigen. Egal, ob der Rückgang finanzieller Unterstützung plötzlich oder graduell vonstatten geht, er ist immer mehr als wahrscheinlich. Im Gegenzug müssen wir, die der Kultur als Experimentierfeld für die Zukunft verpflichtet sind, unsere Werkzeuge erneuern. Das Argument des ökonomischen Beitrags wird langfristig nicht funktionieren, weil der sozialdemokratische Staat die Kultur schlicht privatisieren und sie in den Kampf mit anderen Formen des Konsum-Entertainments entlassen wird. Vielleicht können kulturelle Paläste im 21. Jahrhundert nur gerechtfertigt werden, wenn sie, nicht zuletzt gegenüber den kulturellen AkteurInnen selbst, als Orte "demokratischer Abweichung" erkannt und anerkannt werden.
Charles Esche ist Direktor des Rooseum Center for Contemporary Art in Malmö und Herausgeber von Afterall Journal and Publishing, London und Los Angeles.
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