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Ein Ministerium sollte ein Schüler sein oder ein Hund. Kulturelle Kooperation im Namen der vereinten nordischen Kultur
Marita Muukkonen

"Die politische Kontrolle muss verstärkt werden, und zwar durch bewusstes Einbringen der Hauptpunkte des Präsidentschaftsprogramms in die Aktivitäten des Sektors und durch detaillierte Ausarbeitung der politischen Prioritäten auf allen Ebenen."

(Nordic Council of Ministers, 1998)

Der Prozess der Instrumentalisierung und performativen Regulierung bestimmt die nordische Kulturpolitik seit den frühen 1990ern. Als Resultat des "Nordic Benefit report" (1995) wurden Kriterien der Rationalisierung und Zentralisierung in die Verwaltung der nordischen kulturellen Kooperation eingeführt, und zwar in Form von zielorientiertem Management, bindenden resultatorientierten Verträgen und Evaluationen. Die Politik erhöhte die Forderung nach sichtbaren Resultaten und Spektakeln. Entsprechende Kriterien sind etwa die internationale Bewerbung der Region, Kulturtourismus, gesundheitspolitische Ziele, die Stimulierung der IT-Innovation oder die Versorgung mit Multimedia-Content-Produktion. Übergeordnete Ziele sind die Optimierung der Kunstfinanzierung und die Erhöhung der politischen Kontrolle.

Nach dem Konzept des nordischen wohlfahrtsstaatlichen Systems, das nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt worden war, hatte die Gesellschaft die Verpflichtung, gleiche soziale und kulturelle Bedingungen für alle BürgerInnen zu gewährleisten. Die kulturelle Sphäre konnte sich hauptsächlich durch staatliche Unterstützung entfalten, Kunst- und Kulturpolitik mussten nicht hysterisch große soziale Wenden vorbereiten, wie z.B. im Fall der so genannten Informationsgesellschaft.

NIFCA, das Nordic Institute for Contemporary Art, hat keine langfristige Strategie im Umgang mit diesen größeren gesellschaftlichen Umwälzungen. NIFCA agiert und reagiert. Wir haben z.B. resultatorientierte Verträge gebrochen und deswegen Teile unserer Projektfinanzierungen verloren. Wir kommunizieren und verhandeln aktiv mit den politischen EntscheidungsträgerInnen, und präsentieren auch Gegenvorschläge, weil wir glauben, dass moralistische Posen und Rebellion Missstände zwar aufdecken, sie jedoch nicht als solche beseitigen können. Die wichtigsten Aspekte der Kunst- und Kulturpolitik sind eben, wer regiert und was die Kriterien für die Ressourcenverteilung sind. Eine der Herausforderungen, mit der wir in der jetzigen Situation konfrontiert sind, besteht darin, wie wir außerhalb der bestehenden Rahmen einen kritischen Diskurs entwickeln können, der Aspekte der sozialen Ungleichheit berücksichtigt. Das nordische Arm’s-length-Modell kann als hochgradig korporativ beschrieben werden. Während einerseits etablierte soziale Fabriken reorganisiert werden, ist es andererseits offensichtlich, dass auch Bedarf nach neuen Modellen besteht, die die Rolle und den Stellenwert des kulturellen Establishment hinterfragen. Kunst- und Kulturpolitik müssen in einem kontinuierlichen Prozess reformiert und entwickelt werden. Aber nicht so, dass Ministerien das kulturelle Leben verwalten, sondern ihm Ressourcen zur Verfügung stellen. Kunst und Kultur existieren jedenfalls irgendwo anders, und an diesem anderen Ort sollten Reformen entwickelt werden. Ein Ministerium sollte ein Schüler sein und ein Hund - nicht ein Pilot oder ein Flaggschiff.

Die weltweite Zirkulation von Kapital und Information funktioniert extraterritorial, während politische Institutionen auf lokaler und regionaler Ebene weiter bestehen bleiben. Eve Chiapello und Luc Boltanski haben auf das Problem hingewiesen, dass das entstehende neue Projekt in einer globalisierten Welt den Prozess der Definition eines "gemeinsamen Guts" stört, der aber notwendig ist für Politik. Das gemeinsame Gut kann nicht nur auf Geschwindigkeit und beständiger Bewegung basieren. Was ist die Wirkung dieses neuen Projektregimes auf die Felder von Kunst und Kultur, die andauernd im Fluss sind, von einem Projekt zum nächsten fließend? Was sind die Motive für die Produktion in dieser speziellen Situation? Wie können wir die Gesellschaft verändern, und vorher noch: Was sollen wir überhaupt gemeinsam tun?

Es ist notwendig, diese ungelösten Dilemmata in den Blick zu nehmen, die auch die Beziehung von Theorie und Praxis aufmachen. Das Projektregime ist ein Kompromiss zwischen den verschiedenen Regimes der Inspiration des Markts, der Industrie. Innerhalb des Projektregimes ist Mediation und die Etablierung und Erweiterung von Netzwerken ein Wert für sich, ohne Rücksicht auf Ziele, sagen Chiapello und Boltanski. Die Kernfrage in dieser Situation ist: Ist es möglich, die Politik (wieder-) zuerfinden, die auch Zeit schafft für Dialog und Reflexion? Können wir das "gemeinsame Gut" in Begriffen bestimmen jenseits von kultureller Identität und Vernetzung, etwa in Begriffen von ziviler Politik?

NIFCA hat künstlerische Prozesse initiiert und unterstützt, die den Kunstbegriff öffnen, die zwischen den Begriffen und Diskursen changieren, Praktiken, die sich beteiligen an der Diskussion vieler verschiedener Sektoren der Gesellschaft. Wir haben den physischen Ausstellungsraum aufgegeben. Projekte werden in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, KünstlerInnen(-gruppen), ForscherInnen und AktivistInnen realisiert. Und zwar immer im Versuch, das Modell flexibel zu halten im Gegensatz zu den Veränderungen, die das "New Public Management" an Regulierung und Kontrolle gebracht haben. Diese prozess- und vernetzungsorientierten Initiativen sind nicht notwendigerweise "sichtbar" im Sinne messbarer Ergebnisse, und auch nicht auf die nordische Region beschränkt. Ein täglich auftauchendes Problem dabei ist, dass internationale kulturelle Kooperation, auch innerhalb der nordischen Region, als bilaterales Modell gesehen wird und nicht als Zusammenhang globaler, sich verschiebender Netzwerke.

Eine der zuletzt von NIFCA intiierten Ausstellungen mit dem Titel "Populism" soll soziale, politische und ästhetische Formen des Populismus verhandeln. Der Sektor der bildenden Kunst etwa scheint populistische Strategien zu verwenden, um immer größere kulturelle Events zu promoten, wie all die neuen Biennalen und riesigen Themenshows. Viele Kulturinstitutionen sind besessen von Publikumsdaten und Boulevardpresse, allzu bereit für Kompromisse, die in vielen Fällen mit den präsentierten Kunstwerken in Widerspruch stehen. Indem NIFCA über Populismus arbeitet, werden die Ziele des Instituts selbst thematisiert und herausgefordert.

Der zentrale Punkt zum Verständnis der nordischen Kulturpolitik ist, dass der Herdersche Kulturbegriff, Nation und Sprache als vereinigender Volksgeist, in der Nachkriegszeit eine Schlüsselrolle gespielt hat. Kulturelle Kooperation wird immer noch legitimiert im Namen einer vereinten nordischen Kultur im anthropologischen Sinn. So formulierten die nordischen Premierminister im Jahr 1991: "Cultural co-operation has to strengthen Nordic identity, to protect and redefine it and to present it to the rest of Europe."

(Mariehamn Declaration, 1991)

Seit der Mitte der 1990er wurde Kulturpolitik zunehmend als Instrument missbraucht, um Identität und Einheit der Bevölkerung zu vermitteln und zu zementieren. Im Jahr 2001 organisierte NIFCA die Konferenz "Under Construction – Perspectives on Cultural Diversity in Visual and Performing Arts", die aktiv zu betreiben versuchte, dass Kultur nicht für den Versuch instrumentalisiert würde, eine solche nordische Identität zu konstruieren. Der Prozess war komplex und das Ergebnis ein Resultat vieler Kompromisse. Mit dem Lob des Multikulturalismus als Ausgangspunkt versuchten wir in der Durchführung des Prozesses einzuräumen, dass die wirkliche Herausforderung für Kunst- und Kulturinstitutionen nicht nur darin besteht, mit kultureller Diversität umzugehen. Vielmehr geht es darum, wie wir gegenwärtig einer Welt ins Auge sehen sollen, die neben der liberalen Demokratie auf den technischen und finanziellen Strömen des transnationalen/globalen Kapitalismus basiert, und wie diese wechselnden Umgebungen im Wettkampf stehen mit Institutionen, die sich in Richtung von Konzepten der radikalen statt repräsentativen Demokratie bewegen.

Wir kannten das Risiko - unsere Projektfinanzierung wurde später gekürzt. In seiner Aufgabe, die universalen Werte der Aufklärung zu verteidigen, verwendete Emile Zola häufig Erpressung und Denunziation als Waffen. Welche sind die Strategien, die wir verwenden sollen?


Marita Muukkonen lebt in Helsinki und arbeitet als Projektkoordinatorin im NIFCA, Nordic Institute for Contemporary Arts. NIFCA ist eine Institution unter dem Nordic Council of Ministers, dem Kooperationsorgan zwischen den fünf nordischen Regierungen: Dänemark, Island, Norwegen, Schweden, Finnland.
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