Brothers in Arms,
Art ... und Aktivismus 

Manche Titel sind unübersetzbar. Es fehlt auch eine frauenspezifische Perspektive im Titel. Die serbischen Veteranenorganisationen sind uns mit ihrem Frauenanteil weit voraus. Veteran ist auch, wer Veteranen pflegt, Angehörige von gefallenen Soldaten, aber Frauen haben auch selbst an der Waffe gekämpft.

Boem* Verein Wien

Manche Titel sind unübersetzbar. Es fehlt auch eine frauenspezifische Perspektive im Titel. Die serbischen Veteranenorganisationen sind uns mit ihrem Frauenanteil weit voraus. Veteran ist auch, wer Veteranen pflegt, Angehörige von gefallenen Soldaten, aber Frauen haben auch selbst an der Waffe gekämpft. Der Untertitel einer Arbeit von uns, von „Austrocalypse Now!“1 ist: Der Krieg in Jugoslawien – ist der am meisten verdrängte Krieg in Österreich. Wir haben uns damals zu dieser Aussage hinreißen lassen, als wir entdeckt haben, dass tausende unserer Mitmenschen direkt und indirekt an den Kriegen in Jugoslawien beteiligt waren. 

Dramatisch wurde diese Erkenntnis insofern, dass sie uns vor unglaubliche Herausforderungen in unserer täglichen Arbeit stellte. Entdeckt wurde dieser Komplex, als wir die erste geheime serbische Schwulenhochzeit2 in unserer Galerie an der Koppstraße organisierten und sich viele Gäste unseres auch dort liegenden Kaffeehauses als homophobe kriegserfahrene Reservisten der bosnisch-serbischen Armee geoutet und versammelt haben. Aber angesagtes Partybreaking findet dann doch nicht statt, stattdessen haben sich zwei der Veteranen unter die Hochzeitsgesellschaft gemischt, sind aus dem Café in die Galerie gekommen, haben sich halb nackt ausgezogen und zum Schluss demonstrativ betrunken exzessiv geküsst. Klaus Theweleit hätte seinen Spaß gehabt. Wir hatten ihn. 

Froh diesen heiklen Abend überstanden zu haben, begannen wir, unsere kleine Welt zu analysieren und waren überrascht, dass so viele unserer Gäste und Angestellten im Krieg gewesen waren. Ziel unseres Projektes war, partizipative und emanzipatorische Praktiken klassenund schichtübergreifend zu etablieren, diese in der Praxis zu schmieden und zu entwickeln, Gegensätze und Widersprüche zu erkennen und auch damit arbeiten zu können. Deshalb führten wir neben der künstlerischen Arbeit auch einen migrantischen Kaffeehausbetrieb, jeden Tag von 6 Uhr früh bis spät in die Nacht. Die Nebenräume des Betriebs wurden auch gemeinsam mit den Arbeitern aus dem Café zu einer Galerie umfunktioniert. 

Die im Kaffeehaus übernommene Jukebox3 war schon ein erstes Indiz auf die Vielschichtigkeit und Problematiken unserer Aufgabe. Neben dem zeitgenössischen musikalischen Repertoire gab es in der Jukebox die nationalistischen Turbofolkhits jeder ethnischen Fraktion, jugoslawischen Punk und Rock der letzten 40 Jahre, kommunistische und antifaschistische Kampfhymnen und zeitgenössischen feministischen Hip-Hop aus Belgrad. Ein unglaubliches Artefakt über alle gesellschaftlichen Verwerfungen, die dieser Krieg auch in Wien hinterlassen oder eben hierher exportiert hat. 

Zur Zeit Jugoslawiens gab es über 120 ArbeiterInnenclubs in Wien, die einerseits sicherstellen sollten, dass die ArbeiterInnen Jugoslawiens auch in der Emigration ihren Sieg über den Faschismus feiern konnten, andererseits sie auch unter Kontrolle des jugoslawischen Staates hielten. Eingeübte Rituale der kollektiven Erinnerung verschwinden und mit ihnen etwas, das eigentlich im Sinne von Erinnerungspolitiken ausführlicher zu problematisieren wäre: dass niemand mehr den Sieg über den Faschismus feiern kann. Im Prinzip zerbröckelt jede Erinnerung an den glorreichen Sieg über Hitlers Deutschland, es wird in den Schulbüchern am Balkan ein Revisionismus betrieben, der im serbischen Fall die Tschetniks als Widerstandskämpfer beschreibt. 

Einige Stimmen meinen, das Ziel eines solchen Revisionismus wäre, einem politischen Subjekt, der Revolution, die Zukunftsfähigkeit zu nehmen, indem ihm die Vergangenheit untersagt wird, genauer gesagt in dem es aus dem Kanon entfernt wird. Interessanterweise hatten wir im Lokal trotzdem eine ethnisch gemischte Gästestruktur. Zwar waren die meisten Stammkunden stolze und patriotische bosnische Serben, aber es durften alle kommen. Oft gab es auch Anfeindungen auf Basis von ethnischen Spannungen, und gar nicht selten gab es Erlebnisse der anderen Art, wo schwerst Betrunkene ihren vom Krieg malträtierten Körper entblößten, um das Personal davon zu überzeugen, dass sie sich für ihren Einsatz für das Vaterland noch ein weiteres Bier verdient hätten. 

Freud schrieb einmal, Gewalt sei das, was nach dem Sprechen kommt, was mit Sprache nicht ausgedrückt werden kann. Es ist nicht unbedingt so, dass wir uns als Projekt dieses Thema ausgesucht hätten, das Thema konnte von uns nicht länger ignoriert werden. Ab einem gewissen Punkt wurde uns klar, dass es unmöglich ist, weiter zu arbeiten, ohne diesen Zustand, die Kriegserfahrung, den Untergang der Gesellschaft, also diesen traumatischen Verlust der Gesellschaftsfähigkeit, die Transformation von Gesellschaft in kleinere Gemeinschaften ethnischer Völker und Nationen zu adressieren. 

Eine große Herausforderung war auch nur, die Sprache zu finden, in der eine Konfrontation mit diesem Ist-Zustand überhaupt zu führen ist, vor allem auch in unserem Fall, wo durch die Durchmischung der Gäste und ArbeiterInnen so viele unterschiedliche Dialekte und Sprachen gesprochen worden sind, um es weniger kryptisch auszudrücken, Sprache, die permanent kommuniziert, ob jemand zur Täteroder Opferseite gehört. Sprache, die mit jedem Wort preis gibt, ob jemand zu einer gebildeten Schicht gehört oder eben nicht. 

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon begonnen, erste Interviews mit Veteranen in Wien4 zu führen, und durch die Resultate dieser Zusammenarbeit waren wir ermutigt, diesen Prozess weiterzugehen. Über die ersten von uns durchgeführten Interviews, die sich auch in der Community herumsprachen, war es
oft so, dass auch Veteranen zu uns kamen, die auf unterschiedlichen Seiten gekämpft hatten. In jedem Nachfolgeland ist die Situation unterschiedlich, aber auffallend ist, dass niemand einen Sieg feiern kann. 

Durch unsere Arbeit und später auch die Arbeit unserer Partnerorganisationen, wie zum Beispiel „The Ignorant Schoolmaster and his Committees“5 und der aus einer von Veteranen selbstorganisierten Initiative Zentrum für Kriegstrauma, konnten wir es schaffen, Gruppenabende zu organisieren. Mindestens fünf Personen, die am Anfang dieses Textes Teil der selbstdeklarierten homophoben Hochzeitscrashern waren, kamen zu dem Abend und sprachen zum ersten Mal über ihre Erlebnisse. 

Gute Freunde, die einander gestanden, dass sie den anderen vor lauter Neid über ihre rechtzeitige Flucht nach Österreich gehasst haben. Dieselben Freunde, die dem anderen zur Flucht und zur Integration hierher verholfen haben. Die schlichte Anwesenheit von Organisationen aus Serbien, die noch dazu von einer Frau mit fünfjährigem Fronteinsatz organisiert wurde, war für unsere Arbeit ein unglaublicher Schub. Selbstverständlich in alle Richtungen, weil die nächsten zwei Wochen fast jeder unserer Teilnehmer im Café in haarsträubende Konflikte involviert war. 

Wir begriffen, dass unsere Kombination Galerie und Barbetrieb eine Routine ermöglicht hat, in dem Sinn, dass die Bar ein routinierter Raum ist. Ein Raum, in dem Männer weinen dürfen, ein Raum, der auch durch einen kollektiven Mechanismus in Gang setzen wird, wenn der emotionale Wahnsinn beginnen will, um sich zu schlagen oder freudianisch geschlagen werden will oder muss. So sollte auch unser Theater werden. Aufgrund von mangelnder Unterstützung mussten wir die Bar einstellen. Unser Ansatz in der Arbeit mit den serbischen Organisationen war, dass diese VeteranenInnen und wir, die AntikriegsaktivistInnen, jene waren, die glaubhaft bezeugen konnten, dass dieser Krieg, der vom serbischen Staat verleugnet wird, stattgefunden hat. Krieg ist auch eine Klassenfrage. Unter den gefallenen Soldaten auf serbischer Seite sind kaum Akademiker, Künstler oder Intellektuelle. Über 90% wurden mit Zwang mobilisiert und in den Medien auch in Serbien als freiwillige Patrioten stilisiert. AntikriegsaktivistInnen wurden als Verräter und vom Westen gekaufte Feiglinge dargestellt. Auf beiden Seiten entfalteten diese plausiblen Darstellungen ihre Wirkung und sicherten die Herrschaft des Regimes, indem Arbeiter zu Serben gemacht wurden, damit sie als solche aus den Fabriken an die Front geschickt werden konnten, um in ihrer Abwesenheit ihnen ihre Fabriken zuerst abzuwirtschaften und dann wegnehmen zu können. 

Ein weiterer Punkt war, abzusichern, dass es die Möglichkeit gibt, die Schuld in Geld und nicht mit dem Leben der nächsten Generation zu begleichen. Trotz des Verlustes unseres Barbetriebes blieben uns unsere Gäste und ArbeiterInnen. Die über drei Jahre an täglicher Arbeit, die Themen, die Möglichkeit, sich einzubringen haben uns die Zusammenarbeit gesichert. Es ist fast genau so, oder so ähnlich, wie manche Marxisten argumentieren würden, dass wir Arbeit geschaffen haben, im Sinne von einem gesellschaftlichen kreativen Prozess, der ein Phänomen ist. Dort, wo die Kellnerin bei den Festwochen zum Star werden kann und unsere Amateurperformerin erzählt, wie ihr Mann kaputtgegangen ist, als er in Bosnien Köpfe abschneiden war und die Veteranen in unserem Reenactment der schwulen Hochzeit mitspielen. 

Ist der letzte Satz ein bisschen zu deftig oder heftig? So sind unsere Produktionsbedingungen, und so ist auch unsere Stadt. Zweihundertfünzigtausend Menschen mit ex-jugoslawischem Hintergrund leben hier, und ihre Geschichte ist auch die Geschichte der Stadt Wien. Auch ohne Unterstützung der Theaterabteilung konnte das Stück „Austrocalypse Now!“ einige Male in Wien gezeigt werden. Das Stück ist aus über 300 Interviews entstanden und wäre ohne die Unterstützung selbiger Stadt Wien und auch der Republik Österreich auch wieder nicht zustande gekommen. Bisher wurde es im Hundsturm Volkstheater, der VHS Ottakring, im Zentrum für kulturelle Dekontamination Beograd, Dom Omladine Apollo Pancevo und der brunnenpassage Wien gezeigt. Für mich war jede Aufführung eine unglaubliche Tortur, und keine einzige Aufführung fand ohne Publikumsgespräch statt. Ich bin froh und traurig zugleich, dass es höchstwahrscheinlich nie wieder in Wien zu sehen sein wird. Andere Arbeiten schon.

 

www.boem.postism.org 

 


  • 1 Der Trailer zum Stück: www.boem.postism.org/ austrocalypse-now-trailer

  • 2 Videotrailer zur Appendix Show: www.facebook.com/verein. boem/videos/939894119404466

  • 3 Die Umgebaute Jukebox aktualisiert von uns mit
einem Karaokeprogramm im Performanceeinsatz Prolokaraoke: vimeo.com/70420706
4 Zu sehen auf vimeo: „Veterans withouta War“: vimeo.com/57854611
5 The Ignorant Schoolmaster and his Committees: www.uciteljneznalica.org 


 

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