Information ist Wertschätzung - Presseaussendung vom 01.10.2020

Vorarlberger Kulturinitiativen und Kunstschaffende äußern sich zu Arbeitsbedingungen, mangelndem Informationsfluss und wertvollen Begegnungen mit dankbarem Publikum

In Reaktion auf die neuen und kurzfristig in Kraft getretenen Verordnungen, die die Arbeits- und Planungsbedingungen im Kultursektor nochmals erschweren, lud die IG Kultur Vorarlberg am Dienstagabend zu einem Kulturstammtisch in den Löwensaal nach Hohenems. 26 autonome Kulturinitiativen und Kulturakteur*innen beteiligten sich an der Veranstaltung, die der Information, dem Netzwerk und einem Ausblick diente. In dem von Johny Ritter moderierten zweistündigen Austausch wurden einerseits offene Fragen besprochen als auch Herausforderungen und Möglichkeiten erörtert.

Information schafft Bewegungsspielraum
Neben großer Verunsicherung und einer zunehmenden Aussichtslosigkeit, Veranstaltungen planen und umzusetzen zu können, wurde ein erhöhtes Bedürfnis nach Information geäußert. “Wir bemühen uns im ständigen Austausch mit der Landesregierung um rechtsverbindliche Auskünfte, die ein Minimum an Bewegungsspielraum schaffen, wenn aber der Zeitraum zwischen Ankündigung, Verordnung und Übersetzung in die Kulturpraxis immer kürzer wird und der einzige Ausweg in Veranstaltungsabsagen liegt, verstrickt sich das zu einem Dilemma für Kultur und Gesellschaft“, sagt Mirjam Steinbock, Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg. „Information ist Wertschätzung“, formuliert Iris Biatel-Lerbscher von der Kammgarn Hard den dringenden Bedarf nach adäquaten Arbeitsbedingungen. Eine gemeinsame Plattform, auf der die relevanten Informationen und aktuellen Unterstützungsmöglichkeiten kommuniziert werden, wird von allen Beteiligten gefordert. Margarete Broger, Obfrau der IG Kultur Vorarlberg und des Trägervereins vom Frauenmuseum Hittisau, fordert außerdem kostenfreie COVID-19-Testungen im Kulturbereich: „So wie es im Tourismus bereits seit längerem gehandhabt wird“, informiert sie.

Entscheidungsprozesse zugunsten des Publikums
Ein bis zwei Veranstaltungen wöchentlich würden laut Heike Kaufmann coronabedingt abgesagt werden, entweder aufgrund von Reisebeschränkungen oder wegen Tourverschiebungen von Seiten der Künstler*innen. „Wiederholtes und dynamisches Umplanen gehören mittlerweile zum wesentlichen Teil der Kulturarbeit“, so die Geschäftsführerin des Spielboden Dornbirn. „Der Personalaufwand ist aktuell dreimal so hoch“, bestätigt auch Niklas Koch vom Spielboden die erschwerten Bedingungen im Vorarlberger Kulturbetrieb, der sich seit letzter Woche durch die neuen Verordnungen mit Sperrstundenregelung 22 Uhr, deutlich geschrumpften Publikumsobergrenzen und Reisebeschränkungen im Risikogebiet Vorarlberg zusätzlich existenziell getroffen sieht. Mit „learning by doing“ reagiert die Kammgarn Hard auf die erneut restriktiven Maßnahmen: „Wir optimieren nach jeder Veranstaltung. Wirtschaftlich verantwortungsbewusster wäre es, wenn wir geschlossen halten würden. Unsere Entscheidung fiel jedoch zugunsten unseres Publikums aus, das wir als sehr dankbar erleben“, betonen Iris Biatel-Lerbscher und Fabian Zandl. Das Halten eines vor allem jungen Publikums ist auch das Ziel des Dornbirner Artistikvereins Zack&Poing. Dessen Leiter Sebastian Gerer setzt auf Engagement und Austausch: „Wir haben mit viel Eigeninitiative weitergearbeitet, weil wir der Meinung waren, dass etwas passieren muss. Unsere Angebote reichen von Zoom-Veranstaltungen bis zum Bespielen von Grünflächen neben der Zirkushalle, was vor allem für Kinder und Jugendliche wichtig ist. Die Verordnungen sind teilweise widersprüchlich und nicht nachvollziehbar - mir fehlt der Dialog.“

Bedarf an Investitionen und neuen Formaten
Neben Kultureinrichtungen zeigen sich auch Künstler*innen und jene Kulturarbeiter*innen, die hinter den Kulissen aktiv sind, von der instabilen Planungssituation betroffen: "Aktuell bekomme ich nirgendwo einen Vertrag, nur mündliche Zusagen“, informiert Silvia Salzmann, Choreografin und Vorstandsmitglied von netzwerkTanz Vorarlberg. „Das erschwert meine Arbeit. Meine Aufgabe ist jetzt, neue Formate zu finden.“ Einig sind sich die Anwesenden, dass es finanzieller Ressourcen und Investitionen bedarf, um den Kultursektor schadlos zu halten. Darüber hinaus wurde auch die Ausarbeitung kooperativer Modelle und das Bündeln von Kräften als Chance gesehen, um zukunftsfit zu werden. Für Anika Reichwald, Sammlungsleiterin im Jüdischen Museum Hohenems, könnte eine Abbildung der Entwicklungen in den vergangenen Wochen und Monaten von großer gesellschaftlicher Relevanz sein: „Unklarheit, Unsicherheit und Unwissenheit sind Themen, mit denen wir alle konfrontiert sind, die uns verbinden – und gegen die wir gemeinsam versuchen anzugehen.“

Geflecht von Kulturinitiativen, Kulturschaffenden und Kommunen stärken
Einmal mehr zeigte das Treffen, dass Kulturschaffende besonders in Krisenzeiten den Kulturauftrag wahrnehmen und erfüllen. „Der offene und wertschätzende Austausch ist enorm bereichernd, um Lösungen aus dieser zunehmend bewegungsunfähigen Situation zu suchen und unserer Gesellschaft einen Lichtblick zu bieten“, erläutert Mirjam Steinbock und betont in diesem Zusammenhang die partnerschaftliche und intensive Zusammenarbeit mit den Kulturämtern in Bregenz, Lustenau, Dornbirn, Hohenems und Feldkirch: „Die stärkt das Geflecht zwischen Kulturinitiativen, Kommunen und Kulturschaffenden.“ Elisa Rosegger vom Kulturreferat Hohenems ergänzt: „Wir arbeiten derzeit an neuen Ideen. Wichtig ist uns, dass Projekte trotz erschwerter Bedingungen umgesetzt werden, die Künstlerinnen und Künstler gefördert werden und Kultur sichtbar bleibt.“ Für Oktober planen die am Kulturstammtisch Beteiligten bereits ein weiteres Treffen, um konkrete Formate und neue Ausrichtungen auszuarbeiten.



Rückfragen:
Mirjam Steinbock, Geschäftsführung IG Kultur Vorarlberg
0664 4600291 |
@email | www.igkultur-vbg.at

Pressefotos von ©Niklas Koch im Downloadbereich unten.
Bildnachweis:
IGKultur_Stammtisch©NiklasKoch_1.jpg: v.l.n.r. Fabian Zandl, Ingrid Biatel-Lerbscher (beide Kammgarn Hard, Brigitte Herrmann, Silvia Salzmann (beide netzwerkTanz Vorarlberg)
IGKultur_Stammtisch©NiklasKoch_2.jpg: v.l.n.r. Margarete Broger und Mirjam Steinbock (beide IG Kultur Vorarlberg)

Artikelfoto: ©Niklas Koch

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