Lebensmittel, die man nicht essen kann

Betroffenen von Armut fehlt es nicht nur an Geld. Damit einher gehen ganz andere Dinge, wie Einsamkeit, Ohnmacht und Beschämung, was verloren geht sind auch Lebensqualität, Wohlbefinden, Anerkennung und letztlich auch Gesundheit.

Armut: was stärkt, was schwächt 

Samstagnachmittag im Treffpunkt in der Sozialberatungsstelle. Gut zwanzig Frauen und Männer kommen hier monatlich zu einem Austausch zusammen. Als Thema steht heute die Frage nach dem guten Leben auf dem Programm. Für Maria zum Beispiel gehören gute Bus- und Bahnverbindungen unbedingt dazu, weil sie sonst nicht mobil genug wäre und kaum mehr Freiräume hätte. Anna kann sich ein gutes Leben nicht ohne Musik vorstellen, Peter fallen zu allererst Bücher ein. Hakan zieht den Kulturpass aus seiner Tasche, den er braucht, „damit die Welt größer wird“. Margot ist ein Platz zum Wohlfühlen besonders wichtig, Irene weist auf die Leichtigkeit hin, für Baruch sind sinnvolle Arbeit und gerechter Lohn unverzichtbar. Schnell wird klar, dass es mit einer Sache meist nicht getan ist und dass zu einem guten Leben Vielerlei und Unterschiedliches gehören. 

Dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Geld, sondern auch um die von Lebensqualität, Wohlbefinden, Chancen, Anerkennung, Gesundheit oder Lebenserwartung. Das Fehlen einer Komponente kann nicht durch ein „Mehr“ einer anderen Komponente wettgemacht werden. Weil Bildung, Essen, Gesundheitsversorgung gerade in ihrer Kombination wichtig sind und Deals à la „Ihr bekommt ein Dach über den Kopf, dafür gibt es keine Redefreiheit“ oder „Ihr bekommt jetzt ein wenig Geld, dafür verliert ihr eure Selbstbestimmung“ nicht dem guten Leben dienen. Es geht um die Verteilung materieller Ressourcen, aber immer auch um die von Lebensqualität, Wohlbefinden, Chancen, Anerkennung, Gesundheit oder Lebenserwartung. Hakan hat den Kulturpass genannt, Anna die Musik. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er lebt auch von guten Beziehungen, tiefen Erfahrungen, Auseinandersetzung und Freundschaften. Kunst und Kultur können Überlebensmittel sein, die helfen, den Atem nicht zu verlieren, sagt Anna. Denn es geht jedenfalls darum, was Menschen haben – aber immer auch, was sie tun und sein können. 

Lebensmittel sind etwas zum Essen. Es gibt aber auch Lebensmittel, die wir nicht essen können und trotzdem zum Leben brauchen. Besonders Menschen, die es schwer haben, sind darauf angewiesen. Die Resilienzforschung, die sich damit beschäftigt, was Menschen „widerstandsfähig“ macht, gerade in schwierigen und belastenden Situationen, hat eine Reihe von solch stärkenden Faktoren gefunden. 

 

Es sind vor allem drei „Lebens-Mittel“, die stärken:

  • Erstens: Freundschaften. Soziale Netze, belastbare Beziehungen stärken. Das Gegenteil schwächt: Einsamkeit und Isolation.
     
  • Das zweite Lebensmittel ist Selbstwirksamkeit. Das Gegenteil davon ist Ohnmacht – das schwächt. Kann man selber noch irgendetwas bewirken, ergibt Handeln überhaupt einen Sinn? Die Erfahrung schwindender Selbstwirksamkeit zeigt Wirkung. Das sind angesammelte Entmutigungserfahrungen.
     
  • Das dritte Lebensmittel ist Anerkennung. Anerkennung und Respekt stärken. Das Gegenteil ist Beschämung. Das wirkt wie Gift. Beschämung geht unter die Haut: Die stärksten Wirkungen äußern sich in erhöhtem Stress und höheren Raten psychischer Erkrankungen. Beschämung schneidet ins Herz: Die stärksten Zusammenhänge finden sich mit Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Je öfter, je länger und je stärker die Verachtung, desto schädlicher für die Gesundheit. 


Armutsbetroffene müssen viel zu oft Situationen der Einsamkeit, der Ohnmacht und der Beschämung erleben. Wer sozial Benachteiligte zu Sündenböcken erklärt, wer Leute am Sozialamt bloßstellt, wer Zwangsinstrumente gegen Arbeitssuchende einsetzt, wer mit erobernder Fürsorge Hilfesuchende entmündigt, der vergiftet diese „Lebensmittel“. Wer aus der Armut helfen will, muss Menschen stärken. Mit den drei Lebensmitteln, die man nicht essen kann: mit Freundschaften, Selbstwirksamkeit und Anerkennung. 

Der Eintritt ein Gedicht. Der Zugang ein Lied. Der Türöffner eine Kurzgeschichte. Abends wird zum Treff in die Wiener Notstelle s`Häferl geladen, dem Wirtshaus für Leute, die es eng haben und am Limit leben. Gekommen sind Anneliese, die mit ihrer Mindestpension mehr schlecht als recht durchkommt, da ist Kurt, den der Arbeitsmarkt ausgespuckt hat wie ein ungenießbares Stück Fleisch, gekommen ist Lisa, die mit Krankheit und dem Alltag kämpft. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Anneliese liest ihre vor einigen Tagen verfasste Kurzgeschichte über eine verflossene Liebe vor, Kurt gibt Stanzln aus seiner früheren Arbeit zum Besten, Lisa wagt sich an ein Gedicht, das ihr in der Straßenbahn eingefallen ist. Alle sind sie sonst als unbrauchbar abgestempelt worden, vom Arbeitsmarkt als chancenlos tituliert, in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht. Doch hier im Häferl wird das wie zu einer „Inventur der verborgenen Talente“, all die entwerteten Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen werden gehoben, sichtbar und hörbar. 
 

Genau hier müsse eine Erneuerung der Demokratie ansetzen: bei jenen, deren Leben im Dunkeln bleibt, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind.


Der Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon argumentiert, dass „nicht wahrgenommen werden ausgeschlossen sein bedeutet.“ Deshalb sei heute die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft verbunden mit dem Wunsch nach Anerkennung. Und genau hier müsse eine Erneuerung der Demokratie ansetzen: bei jenen, deren Leben im Dunkeln bleibt, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind. In Paris gründete Rosanvallon ein „Parlament der Unsichtbaren“, das dazu dient, all die Geschichten und Lebensbiographien von Menschen zu erzählen, die sonst im Dunkeln geblieben wären: von Jugendlichen, die es schwer haben, von Arbeiterinnen im Niedriglohnsektor, vom alten Mann am Land. „Die Autobahn ist wieder belebt, heute. Und jeder weiß, wohin sie führt. Ich sitze hier unten im Licht des Lagerfeuers. Und warte auf den Geist von Tom Joad.“ Das sind die ersten Strophen in einem Song von Bruce Springsteen. Der Sänger greift die Geschichte von Tom Joad auf. Tom Joad ist der Hauptcharakter in John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ über die große Depression und Arbeitslosigkeit in den USA der Zwischenkriegszeit. Ein gut dotierter öffentlicher Fonds förderte damals SchriftstellerInnen, Singer-SongwriterInnen, FilmemacherInnen und FotografInnen darin, die leisen Stimmen, den gewöhnlichen Alltag und die missachteten Existenzen in den Blick zu bekommen. Sie erzählten Geschichten, von denen niemand erzählt. Sie machten den Alltag derer sichtbar, die nicht im Licht stehen. Sie verstärkten die Stimmen, die gewöhnlich überhört werden. 
 

Armut ist nicht nur ein Verlust an Einkommen. Armut ist stets verbunden mit einem Verlust an Anerkennung, Gesundheit und Freiheit. Es geht um die Gewalt, der jene ausgesetzt sind, deren Leben im Dunkeln bleibt, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind. Im Häferl stellen Anneliese, Kurt und Lisa ihre Geschichte(n) dagegen. 

 

Martin Schenk ist Sozialexperte sowie stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich und Mitbegründer der „Armutskonferenz“. 

Coverfoto © Dan Meyers


IG Magazin 2019
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 „Kultur als Rezept“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
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