Mobilität – Lust oder Laster, Residencies – Investition oder Gewinn 

Artists-in-residence-Programme sind in Mode gekommen, aller Orten entstehen neue Programme. Für KünstlerInnen bietet die Teilnahme an solchen Residence-Programmen immer öfter Gelegenheit, internationale Erfahrungen zu sammeln. Residencies versprechen nicht nur Zeit zur Reflexion und neue Impulse, Residencies schaffen Credibilität und werden zu einem Nachweis internationaler Akzeptanz. Außerdem hilft die Teilnahme so manches Mal, prekäre Momente in einem KünstlerInnenleben zu überbrücken.  Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass Residence-Programme nicht nur für die daran teilnehmenden KünstlerInnen wichtig und hilfreich sein können, sondern dass diese auch eine essentielle Belebung und Bereicherung des örtlichen Kulturlebens darstellen. Residence-Programme versprechen Weltoffenheit, unterstreichen das kulturelle Engagement der Kommunen und tragen so zu dem erwünschten Imagewechsel bei. 

Aber nicht nur Kommunen und öffentliche Körperschaften entdecken Residence-Programme als eine wichtige kulturpolitische Maßnahme, immer öfter finden sich auch beeindruckende Beispiele von Unternehmen, deren kulturelles Engagement im Aufbau und Betreiben von Residence-Programmen seinen Ausdruck findet. 
Also, könnte man meinen – wunderbar, keine Probleme weit und breit, alle sind glücklich, und erfolgreiche Synergien sind mit relativ einfachen und bescheidenen Mitteln herzustellen (jedes Stadttheater, jede Kunsthalle, jedes Festival kostet um ein Vielfaches mehr). 
Was Residence-Programme für KünstlerInnen bringen können, darf in diesem Forum als bekannt vorausgesetzt werden, was und warum Residence-Programme für Kommunen, für die Öffentlichkeit so interessant macht, ist schon wesentlich weniger bewusst. 
Deshalb möchte ich auch dem beitrag von Residence-Programmen zur kulturellen Standortentwicklung hier mehr Augenmerk schenken. Dazu seien einige internationale Beispiele vorgestellt: Als sich die ungarische Stadt Pécs anschickte, ihr Programm als europäische Kulturhauptstadt zu entwickeln, nutzte ein dort lebender Schriftsteller die Gelegenheit, den Grundstein für ein Writer-in-Residence-Programm zu legen. Ein Residence-Programm zur Vorbereitung eines Kulturhaupstadtprogramms, um zum einen die örtliche Szene aufzumischen und zum anderen Pécs auf der internationalen kulturellen Landkarte zu verorten. Die schon zwei Jahre zuvor anreisenden AutorInnen hinterließen kurze Texte zu und über Pécs und ihre Zeit dorteben. Pünktlich zum Hauptstadtjahr konnte eine Anthologie erscheinen, die Pécs in einem bis dahin unbekannten literarischen Licht zeigte. Das Programm endete nicht mit dem Hauptstadtjahr, sondern läuft seitdem überaus erfolgreich und erschloss sich auch andere Kunstsparten – es wurde zu einem wichtigen Motor im kulturellen Leben der Stadt und ist daraus nicht mehr wegzudenken. Gleiches kann auch von einer Initiative berichtet werden, die sich nicht im Glanze eines europäischen Projekts sonnen konnte, sondern sehr viel bescheidener begann – es entstanden neue Writer-in-Residence-Programme im Südosten Europas, die von Traduki, einem europäischen Netzwerk für Literatur und Bücher, an dem Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Kosovo, Kroatien, Liechtenstein, Mazedonien, Montenegro, Österreich, Rumänien, die Schweiz, Serbien und Slowenien beteiligt sind, unterstützt und ermutigt wurden. 


Die Initiative ging jeweils von Vereinen, Verlagen, literarischen Netzwerken und/oder einzelnen SchriftstellerInnen aus, Residence-Programme in einer Region aufzubauen, in der solche weitgehend unbekannt waren. Split, Sarajevo, Belgrad, Skopje, Pristina, Tirana waren die ersten Städte, in die SchriftstellerInnen eingeladen wurden. Dies entwickelte sich nach den Jahren der Krisen und Konflikte zu einem wichtigen Beitrag für einen interregionalen Dialog, aber auch im einzelnen zur örtlichen kulturellen Belebung. Wie entscheidend und ermutigend diese ersten kleinen Residence-Programme waren, zeigt, dass immer neue Städte sich diesem Netzwerk anschließen. In nur wenigen Jahren hat diese Initiative einen hohen regionalen wie überregionalen Mehrwert geschaffen. 
Beide Beispiele zeigen anschaulich, wie sehr Residence-Programme kulturpolitisch wirksam werden können und welche wichtigen, unterschiedlichen Beiträge diese zu leisten vermögen. 
Das heißt aber nicht, dass Residence-Programme nur an Orten interessant sind, deren kulturelle Infrastruktur noch Entwicklungsbedarf hat – auch in Städten mit einem reichen kulturellen Angebot, ermöglichen Residence-Programme einen neuen gesellschaftlichen Diskurs und schaffen neue Begegnungsräume. Der Verein KulturKontakt Austria hat mit seinem Artists-in-Residence-Programm eine Brücken zu den Schulen geschlagen: Artists-go-to-school verschafft den KünstlerInnen interessante und ungewöhnliche Einblicke in das gesellschaftliche Leben des Gastlandes und in den Alltag. Den SchülerInnen und LehrerInnen gibt es die Möglichkeit zu einem Dialog mit VertreterInnen anderer Kulturen und Sprachwelten, nicht selten mit solchen aus den Herkunftsländern vieler SchülerInnen. So bieten sich ihnen neue Identifikationsmöglichkeiten, dieses Zusammentreffen trägt bei zu einem neuen kulturellen (Selbst)Bewusstsein. Über diese gemeinsame Erfahrung kann auch das Verständnis für einander unter den SchülerInnen verbessert werden. 
Selbstverständlich aber ist der Erfolg für beide Seiten – den Gastgebern wie den KünstlerInnen – nicht. Erfolgreich sind solche Programme, wenn bestimmte Parameter berücksichtigt werden. 

Was muss also an Voraussetzungen geschaffen werden, um solches zu erreichen? Was ist notwendig an materieller Infrastruktur und finanzieller Ausstattung? Genauso wichtig sind aber auch die Haltung und die Bereitschaft, sich auf diese Begegnungen mit dem jeweils Fremden voll und ganz einzulassen. GastgeberInnen haben angemessene Wohnund Arbeitsmöglichkeiten bereitzustellen. Es ist für eine umfassende Betreuung der Gäste zu sorgen – die Qualität eines Residence-Programmes steht und fällt nicht mit der Höhe des Stipendiums, sondern mit der Qualität der Betreuung (wobei damit nicht die Notwendigkeit eines Stipendiums klein geredet werden soll). 
Die eingeladenen KünstlerInnen müssen die Möglichkeit haben, ihre Arbeiten zu präsentieren und öffentlich zu machen, es braucht Unterstützung bei der Kontaktsuche und der persönlichen Vernetzungsarbeit. 
Für die Anerkennung eines Residence-Programmes sind Ausschreibung, aber auch ein transparentes Auswahlverfahren unerlässlich.
Aber auch die KünstlerInnen haben ihren Beitrag zu leisten – nicht jedes Residence-Programm ist (selbst wenn der Ort verführerisch sein mag und schon immer besucht werden wollte) das richtige. Es gilt vorab zu prüfen, was geboten wird und was nicht, es gilt genauso zu prüfen, was ich bereit bin einzubringen in diesen Dialog. Residence-Programme bedeuten für alle Beteiligten Beziehungsarbeit. Blauäugig also sollte man in keines dieser Programme stolpern, je besser vorbereitet man in eine Residency geht, umso erfolgreicher wird diese sein. Artist-in-Residence-Programme sind ein interessanter und nicht zu unterschätzendes kulturpolitisches Instrument. Die Bandbreite ist unendlich groß, und für jeden Standort lassen sich interessante Angebote entwickeln. Residence-Programme müssen ernst genommen und mit Seriosität und großer Umsicht betrieben werden, ein Residence-Programm darf nicht zu einer kulturtouristischen Maßnahme verkommen und darf nicht mit einer Art von Standortwerbung verwechselt werden. 

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