Nicht nur Maßnahmen, progressive Kulturpolitik JETZT!

Wir brauchen dringend eine dynamische und progressive Kulturpolitik, die nicht nur rasch und effektiv Maßnahmen gegen die negativen Auswirkungen der Krise trifft, sondern auch alte politische Versäumnisse und verpasste Möglichkeiten bezüglich der Regelung der Arbeitsverhältnisse in diesem Sektor richtig stellt.

Seit Anfang der Gesundheitskrise ist die Kulturbranche mit mannigfaltigen Unsicherheiten und Beschränkungen konfrontiert. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie griffen stark in die Produktion und in den Konsum kultureller Tätigkeiten ein; gleichzeitig betrafen sie Kulturschaffende (Kulturarbeiter*innen, Künstler*innen, (öffentliche) Kultureinrichtungen) asymmetrisch, vertieften damit die bereits bestehenden Ungleichheiten unter ihnen und bedrohten dadurch den Erhalt der vielfältigen Kulturlandschaft. Doch ihre existentielle Not steht allerdings in einem augenfälligen Gegensatz zu der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung des Kultursektors. Um nachhaltige kulturpolitische Ansätze herbeizuführen – sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der Art und Weise - soll zuerst geklärt werden, welche Tätigkeiten in diesen Bereich fallen und welche sozioökonomische Bedeutung ihnen zukommt. Dadurch wird deutlich, wieso wir dringend nicht nur rasche und effektive Antikrisenmaßnahmen sondern auch solide, krisenfestere Sicherungssysteme im Kulturbereich brauchen.

Das soziale Feld der Kultur umfasst diverse Interessengebiete. Kunst- und Kulturschaffende bestimmen das kulturelle Alltagsangebot, schaffen sozialen Zusammenhalt und Wohlbefinden, sichern landesweit die kulturelle Vielfalt und ermöglichen kulturelle Teilhabe. Für gewöhnlich denkt man bei Kulturarbeit in erster Linie an künstlerisches Schaffen. Doch Kulturarbeit ist zum Teil auch Bildungsarbeit. Darunter fällt etwa die professionelle Ausbildung für kreative Berufe oder die Kulturarbeit für und mit Laien (Akademien, Kulturvereine, etc.). Kulturinitiativen und -institutionen sind regionale oder lokale Kulturvermittler, die niederschwellig einen Raum für die Rezeption von und die Partizipation an Kunst und Kultur anbieten. Als Veranstalter sind sie unverzichtbar. Ihre Stärken liegen in der Unterstützung kultureller Anliegen vor Ort durch die Bereitstellung von Ressourcen (Proberäume, Produktionsstätten, etc.) und leisten einen wichtigen Beitrag zu lebenswerten Verhältnissen in einer Stadt oder eine Region. Gleichzeitig übernimmt die Kulturarbeit auch wichtige Sozialisierungsfunktionen, mit denen versucht wird, verschiedene Randgruppen, wie z.B. Senioren, Jugend, Kinder aus sozial benachteiligten Familien, ökonomisch benachteiligte Gruppen, ethnische Minderheiten, dauerhaft hospitalisierte Personen etc., an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Durch die Möglichkeit zur Partizipation bieten sie ihrem Publikum weit mehr als nur passiven Kulturgenuss. Kulturelle Teilhabe und soziale Einbindung, Emotionen und Empathie, Lebensgefühl des Menschseins bilden ein Gegengewicht zur, durch Wettbewerb und Individualismus fragmentierten Gesellschaft und fördern und stärken die demokratischen Prozesse, die durch die gegenwärtige Krise noch zusätzlich gefährdet sind.

Da auch die wirtschaftliche Bedeutung des kulturellen Feldes stetig wächst, wurde die Kulturarbeit in den letzten Jahrzehnten zu einem nicht mehr zu übersehenden Entwicklungsfaktor. Egal ob wir über städtische oder ländliche Regenerationsprozesse, über die Schaffung neuer Arbeitsplätze oder über wirtschaftliches Wachstum reden, Kultur spielt in all diesen Bereichen eine sichbare Rolle. Laut WIFO wird die ökonomische Bedeutung der Kulturwirtschaft in der österreichischen Volkswirtschaft insgesamt auf etwas unter 3% bemessen. Die direkten und indirekten Wertschöpfungseffekte des Kultursektors werden auf rund 9,8 Mrd. € geschätzt. Direkte Effekte hängen unmittelbar mit den Leistungen der dem Bereich der Kunst und Kultur zugeordneten Sektoren zusammen, während die indirekten Wirkungen Produktion und Wertschöpfung entlang der Zulieferkette des Kulturbereichs umfassen. Dabei ist anzumerken, dass der Kultursektor auch Bereiche umfasst, die nur unzureichend oder überhaupt nicht in den Statistiken der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung oder der Leistungs- und Strukturerhebung o. ä. erfasst werden können (wie z.B. die Arbeit der Kulturvereine).

Auch die Erwerbstätigenzahlen werfen ein Schlaglicht auf die Relevanz des Kulturbereichs. Ausweislich der Kulturstatistik von Statistik Austria arbeiteten im Kultursektor im Jahr 2018 rund 150.000 Erwerbstätige, was 4,6% der Gesamtbeschäftigung ist. Etwa 73% der Erwerbstätigen (104.300) im Kulturbereich sind unselbständig Beschäftigte, aber immerhin knapp 27% (38.500) sind den Zahlen der Statistik Austria zufolge selbständig. Im Vergleich mit der Gesamtwirtschaft, in der deren Anteil rund 10 Prozent beträgt, ist der Anteil an Selbstständigen im Kulturbereich außerordentlich – nämlich fast dreimal so groß. Die Beschäftigungsverhältnisse in diesem Bereich stellen seit Jahren einen politischen Konflikt dar. Das Hauptproblem der Arbeitsplätze im Kulturbereich, insbesondere bei Selbstständigen, ist die Auflösung von Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben, die fehlende soziale Absicherung und geringer Einkommenssicherheit mit denen Betroffene ihre Existenz nicht bestreiten können. Die aktuelle Krise hat die Arbeitsbedingungen für das kulturelle Prekariat noch verschärft und die immens hohen Ungleichheiten innerhalb des Kulturbereiches vertieft.

Aus diesem Grund brauchen wir dringend eine dynamische und progressive Kulturpolitik, die nicht nur rasch und effektiv Maßnahmen gegen die negativen Auswirkungen der Krise trifft, sondern auch alte politische Versäumnisse und verpasste Möglichkeiten bezüglich der Regelung der Arbeitsverhältnisse in diesem Sektor richtig stellt. Die Frage der gerechten Bezahlung im Kulturbereich betrifft bei weitem nicht nur die Interessen von „extravaganten Künstlerinnen und Künstlern“ oder „Kulturverliebten“. Wie bereits eingangs beschrieben wurde, überschreiten kulturelle Tätigkeiten die Grenzen des eigenen Feldes und tragen so zur allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung bei. Deshalb ist die Frage von gerechter Bezahlung gleichzeitig auch eine Frage der gesellschaftlichen Verteilung von Kulturgütern, der Teilhabe am kulturellen Feld und der Emanzipation allgemein, was die ursprüngliche Idee von gesellschaftlichen Umverteilungssystemen sein sollte.

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