Querbeet - Gelebte Soziokultur

Ein EU-Projekt regional nachhaltig zu verankern ist nicht einfach. Das erfolgreiche EU-Projekt querbeet in Salzburg mit vielen partizipativen und niederschwelligen Kunst- und Bildungsprojekten hat es geschafft. Hier mehr dazu.

Das Leader-Projekt querbeet, initiiert von Ideengeberinnen Andrea Folie und Katrin Reiter, ist gelebte Soziokultur im Land Salzburg. Dass das erfolgreiche EU-Projekt mit vielen partizipativen und niederschwelligen Kunst- und Bildungsprojekten nach drei Jahren Laufzeit nicht nur regional weitergeführt wird, sondern auch in einer weiteren Region durchstartete, hat gute Gründe.

Zwei Jahre haben Kulturmanagerin Folie und Projektentwicklerin Reiter ehrenamtlich für ihren Verein IKULT (interkulturelle Konzepte und Projekte) gearbeitet, ein dichtes Netzwerk aufgebaut, mit vielen Menschen viele Gespräche geführt und vor allem eines dabei bewahrt: Geduld. „Unsere Vision war und ist partizipative Regionalentwicklung interkulturell und digital quer durch Gemeinden, Ehrenamt, Vereine und Bildungs- und Kultureinrichtungen im gesamten Bundesland Salzburg umzusetzen“, erzählt Katrin Reiter von den querbeet-Anfängen. „Für uns war wesentlich, dass wir von Beginn an Ermutiger*innen und Türöffner*innen hatten, allen voran Martin Wiedemair (Salzburger Erwachsenenbildung), Richard Breschar (Salzburger Bildungswerk / Gemeindeentwicklung) und Diana Schmiderer (Leaderregion Saalachtal). Durch den Dachverband Salzburger Kulturstätten ergab sich die Verbindung zu vielen Künstlerinnen und Künstlern. 2016 haben wir den Zukunftspreis des Landes Salzburg gewonnen und eine Leader-Finanzierung gesichert, damit konnten wir professionell losarbeiten.“ Mittlerweile hat querbeet insgesamt drei Arbeitsplätze beim Salzburger Bildungswerk (Gemeindeentwicklung) und eine kontinuierliche Projektentwicklung beim Verein IKULT geschaffen und viele Kunstschaffende und Bildungsexpert*innen sowie Multiplikator*innen aus den Bereichen Tourismus, Wirtschaft und Politik in unzähligen Projekten mit Menschen aus insgesamt 18 Salzburger Gemeinden zusammengebracht.

 

Lokale Hero*innen 

Für die Arbeit in den Gemeinden kommen lokale Hero*innen ins Spiel: Im Pinzgau war es Hermann Hollaus und nun ist es Sabine Hauser vom Loferer Verein binoggl, die als Koordinator*innen vor Ort Land und Leute kennen und die Projekte direkt betreuen. Im Pongau bringt Maria Fankhauser, die nach einer Meisterfloristikausbildung Recht und Wirtschaft studiert hat, partizipative Kunst- und Kulturprojekte unter anderem in das Gasteinertal oder die Sonnenterasse (Schwarzach, St. Veit und Goldegg): „Für mich ist der Aspekt der kulturellen Teilhabe ein integrativer Bestandteil unserer Arbeit!“

Alle querbeet-Mitarbeiter*innen bringen eine wesentliche, zum nachhaltigen Erfolg beitragende, menschliche Qualität mit: Sie hören gut zu, hören gut hin. Interessiert daran, welche soziokulturellen und künstlerischen Aktivitäten den einzelnen Gemeinden wirklich dienlich sind, beginnen die Gespräche beim Bürgermeister und landen in Projektgruppen, bei denen bis zu 20 Personen ihre Netzwerke spielen lassen. Und das wiederum lockt eine ganze Schar an Besucher*innen und Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Backgrounds an.

 

Kuppelgespräche und Co. 

Besonders beliebt in beiden Regionen sind die sogenannten Kuppelgespräche: Eine wunderbare Holzkuppel, in Kooperation mit european public sphere, bringt dabei die Anliegen der Gemeinden unter ein schützendes Dach. Hier diskutieren Gemeindemitglieder beispielsweise mit Landesrätin Klambauer oder Georg Pfeifer, Leiter des Verbindungsbüros des EU-Parlaments in Wien, über den Wert der EU für die Regionen. Dialog heißt natürlich, dass jede Meinung zählt und gehört wird, also kommen hier auch Menschen ohne Amt und Würden zu Wort – anregend, vielseitig, konfrontativ.

Im Anne Frank Projekt wurden Jugendliche aus zehn Salzburger Schulen zu Ausstellungs-Guides ausgebildet. Im partizipativen Projekt von Aaron Peterer führen die Schüler*innen durch die von ihnen mitentwickelte Ausstellung: „Lass mich ich selbst sein“ – auch dieses Projekt war im Saalfeldener Nexus genau so erfolgreich wie in den Pongauer Gemeinden Bad Hofgastein, Bischofshofen oder Radstadt.

Anne Frank Ausstellung in Schwarzach im Pongau © querbeet
Anne Frank Ausstellung in Schwarzach im Pongau © querbeet

 


Mit Schauspielerin Charlotte Krempl stieß querbeet auf eine professionelle Theatermacherin direkt in Bad Hofgastein und startete wöchentliche Theaterworkshops. querbeet geht nun gemeinsam mit ihr in die zweite Runde, Stückentwicklungen und autobiografisches Theater inklusive – die Teilnehmenden berühren mit ihren Geschichten und profitieren enorm. Eine klare Win-win-Situation, denn durch die erfolgreichen Theaterabende bekommt auch die Künstlerin weitere Anfragen aus der Gegend. Man ist daran interessiert, die Methode autobiografisches Theater zu verwenden, um persönliche Geschichten im professionellen Theaterrahmen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

 

Auf die Bedürfnisse reagieren 

Im Pinzgau reagierte querbeet mit Theater und Film. Bashir Khordaji, Theatermacher aus Syrien und selbst Geflüchteter, erarbeitete in Kooperation mit Theater bodiendsole, dem kollektiv KOLLINSKI und 30 Asylantragsstellern mehrere Theaterabende, die den Teilnehmenden aber auch den freiwilligen Helfer*innen dazu dienten, Traumata auf künstlerische Art und Weise aufzuarbeiten. Filmemacher Orwa Mohammed realisierte mit der Unterstützung von Hans Fuchs einen berührenden Dokumentarfilm, der querbeet im Pinzgau drei Jahre lang begleitete. Die so genannte „Flüchtlingskrise“ ist mittlerweile wieder abgeflaut. „Im Pongau sind derzeit andere Themen wichtig, besonders stolz sind wir beispielsweise auf die Revitalisierung des Klostergartens in Werfen!“, so Fankhauser. Kurz zur Geschichte um das alte Kloster: Die Gemeinde konnte sich den Kauf des Klosters nicht leisten, also nahm sich eine aktive Glaubensgemeinschaft aus der Stadt Salzburg des verlassenen Gebäudes an, öffnete jedoch die Pforten des Klosters aus personellen Ressourcengründen nicht mehr. querbeet ist es gelungen, dort den alten Klostergarten gemeinsam mit den Menschen aus der Gegend und den neuen Besitzer*innen zu revitalisieren und zumindest für ein paar Stunden wieder öffentlich zugänglich zu machen.

Klostergarten in Werfen © querbeet
Klostergarten in Werfen © querbeet

 

Ein wesentliches Steckenpferd von querbeet ist das Thema Digitalisierung: „Wir nutzen die digitalen Möglichkeiten, um auch online Dialogräume zu schaffen, damit sich die Gemeinden, die teilweise mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind, problemlos untereinander austauschen können“, so Katrin Reiter. „Was uns darüber hinaus auch wichtig ist, ist die internationale Vernetzung“, und so reisten die Projektinitiatorinnen Reiter und Folie 2018 nach Andros, Griechenland, und referierten dort über Digitalisierung in der partizipativen Bildungs- und Kulturarbeit.

 

Aus dem Land heraus 

Nicht immer ist es einfach, ein EU-gefördertes Projekt nachhaltig in einer Region zu verankern. Das rege Kunstschaffen im europäischen Kontext kann sich sehen lassen im Land Salzburg: „Von 220 Projekten fördert Leader in den Salzburger Regionen derzeit 30 reine Kulturprojekte, das soziokulturelle Projekt querbeet ist der Abteilung Gesellschaft und Generationen zugeordnet“, so Petra Bahar, Sachbearbeiterin Leader im Land Salzburg. Für EU-Projekte und auch in der Kulturförderung des Landes Salzburgs sieht man solche Projekte gern: Spartenübergreifende Projekte, Projekte die andere Publikumsschichten als das rein kunstaffine erreichen, Projekte wie querbeet, die Soziales und Kulturelles verbinden und auf Interkulturalität, Interaktion und Partizipation bauen. Reine Kulturprojekte mit Aufführung hier, Konzert dort sind hierzulande – wie wohl auch sonst in Österreich in der regionalen Entwicklung – nicht mehr gefragt. Da braucht man sich nur die Erfolgsgeschichte der Regionale in Oberösterreich oder des Theaterlandes Steiermark anschauen, die nicht nur mehrere Sparten, sondern auch viele partizipative Projekte im Programm haben. Auch im KEP (Kulturentwicklungsplan des Landes Salzburgs) werden Partizipation, kulturelle Teilhabe und Kooperation gefordert – Künstler*innen sind dazu eingeladen, sich zu öffnen, sich vielfältig zu vernetzen – Kunst im eigenen, stillen Kämmerlein zu produzieren ist definitiv passé. Das Projekt querbeet zeigt nur eine von vielen Möglichkeit auf, wie man Kunst und Kultur aus dem Land heraus entwickeln kann: Zeit und Zuhören zeichnen querbeet aus, nur so können sich die Menschen verbinden und wirklich begegnen!

querbeet in Zahlen:  
700 Gestalter*innen 
– 50 partizipative Projekte
 – 40 Ausstellungs-Guides 
– 18 aktive Gemeinden 
– 14 Vernetzungstreffen
 – 12 Auftakt- und Ideenworkshops 
– 12 Fördergeber*innen 
– 5 Jahre gemeinsame Arbeit 
– 3 Jahresprogramme für Schüler*innen
 – 3 Auszeichnungen– 
2 Regionen

https://ikult.network/

 

Susanne Lipinski ist seit September 2019 als Assistenz der Geschäftsführung für den Dachverband Salzburger Kulturstätten tätig. 2017 hat sie das kollektiv KOLLINSKI gegründet, mit dem sie spartenübergreifende Theaterprojekte über Themen wie Gleichberechtigung oder Fremdheit an ungewöhnliche Orte bringt.

Coverfoto: Kuppelgespräche in Bischofshofen © querbeet

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