„Schillernde“ Kulturarbeit im Südwesten

In einer mehrteiligen Reportage ergründet die IG Kultur Steiermark im heurigen Jahr die zeitgenössische Kulturarbeit in den steirischen Regionen. Für den ersten Teil haben wir uns im Südwesten, also in den Bezirken Deutschlandsberg und Leibnitz, umgesehen. Dazu haben wir eine Umfrage unter den Kulturvereinen gemacht und Gespräche mit Kulturschaffenden geführt.
Foto © Enterprise Z, Kultur- & Eventverein zur Realisation von intermedialen Projekten im und für den öffentlichen Raum/ Klanghaus Untergreith

Beim Gedanken an die südwestliche Steiermark kommt vielen wohl zuerst der Wein oder das nussig schmeckende Kürbiskernöl in den Sinn. Doch neben den beiden Berühmtheiten verbergen sich in der Kulturlandschaft noch weitere Schmankerl. Ein Blick auf die Website des Schilcherlandes zeigt eine hohe Dichte und eine große Vielfalt an Kulturinitiativen. Fast in allen Gemeinden des Bezirkes Deutschlandsberg lässt sich zeitgenössisches Kunst- und Kulturschaffen beobachten. Die Bandbreite reicht von Ausstellungen bildender Künstler*innen in der Rondell Gallery in Bad Schwanberg, diversen Museen wie dem Feuerwehrmuseum in Groß St. Florian, über Theaterproduktion im theaterzentrum Deutschlandsberg und Wies bis hin zu Lesungen von bekannten Burgschauspieler*innen im Greith-Haus in St. Ulrich in Greith und dem Veranstaltungslokal bluegarage in Frauental.

Starke Frauen“ in Eibiswald

In der Gemeinde Eibiswald an der Grenze zu Slowenien starteten die beiden Künstler*innen Jasmin Holzmann-Kiefer und Siegi Kleindienst zusammen mit Louis Kiefer 2018 die Initiative „Starke Frauen“. Anlass dafür war der Weltfrauentag am 08. März, der bis dahin in der Region kaum präsent war. Das Vereinsleben und die Organisation von Veranstaltungen werden nach wie vor hauptsächlich von Männern dominiert. „Wir als Frauen wollten selbst organisieren und Frauen eine Plattform geben“, erklärt Holzmann-Kiefer. Nach einjähriger Vorbereitungszeit war es dann so weit: In Kooperation mit dem Kultur- und Museumsverein Eibiswald wurde die Konzertreihe „Female Voicepower“ an mehreren Abenden und Orten in der Südweststeiermark gespielt, sowie die mehrwöchige Kunstausstellung „Frauenbilder“ gezeigt. Dabei ist den beiden Initiatorinnen ein niederschwelliger Zugang wichtig. „Wir wollen der breiten Bevölkerung diese Art von Musik und vor allem die bildende Kunst näherbringen“, so Siegi Kleindienst über die Intention ihres Vorhabens. Angesprochen werden Menschen aus allen Berufsgruppen und sozialen Schichten. Das Publikum sei in dieser Hinsicht auch diverser, als es oft in der Stadt der Fall sei.

Mitmachen!

In der Nachbargemeinde Wies setzt die Kulturinitiative Kürbis schon seit Jahrzehnten erfolgreich auf ein partizipatives Kulturprogramm. „Wir gehen aktiv auf Leute in der Region zu und versuchen sie einzubinden und mit ihnen gemeinsam Projekte zu erarbeiten“, erklärt Cornelia Waltl, die für die Projektkoordination beim Kürbis zuständig ist. Bei Theaterproduktionen stehen beispielsweise vor allem semi-professionelle Schauspieler*innen aus den umliegenden Gemeinden auf der Bühne. Auch bereits aus der Region Abgewanderte könnten dafür gewonnen werden und kämen gerne für Proben und Projekte in ihre Heimatgemeinde zurück. Ein Gewinn für beide Seiten. Vielen von ihnen wurde das Theater oder die bildende Kunst bereits in ihrer Schulzeit nähergebracht. Workshops mit bildenden Künstler*innen für die Schüler*innen der örtlichen Mittelschule oder Theaterwerkstätten in den Sommerferien sind nicht ohne Grund ein fester Bestandteil der Tätigkeit der Kulturinitiative. Die Einbindung der lokalen Bevölkerung ins Kulturschaffen würde darüber hinaus auch für eine hohe Akzeptanz und Reichweite der Vereinstätigkeit sorgen, so Waltl. Mehr noch: Für sie sei es sogar das „Um und Auf“ für nachhaltige Kulturarbeit.

Der festen Überzeugung, dass die Kunst zu den Menschen hingehen muss und im 21. Jhdt. nicht mehr in abgeschlossenen Zirkeln stattfinden kann, ist man auch im Klanghaus in Untergreith. Dort kuratiert die renommierte Komponistin und E-Violinistin Mia Zabelka gemeinsam mit der Klangkünstlerin und E-Bassistin Zahra Mani inmitten von malerischen Weingärten Klangkunst Performances auf hohem internationalem Niveau. „Es ist wichtig, dass das nichts Aufgesetztes ist, sondern das wir eingebunden sind in die örtliche Struktur“, bekräftigt die Musikerin. Das spiegelt sich auch im Programm des Klanghauses wider. Es werden die örtliche Blasmusikkappelle und der Theaterverein genauso wie in der Region ansässige Künstler*innen integriert. Die Menschen seien hier offen für neue, abstrakte Kunstformen oder würden versuchen, für sich einen Zugang zu finden. Das liege auch an der schönen Atmosphäre der Veranstaltungen, die durch die kulinarische Begleitung und den direkten Austausch mit den Künstler*innen entsteht. Wenn diese sich im Anschluss noch unter das Publikum mischen, entsteht ein Begegnungsraum. „Auch für die Künstler*innen ist es sehr spannend, ein ungefiltertes Feedback zu bekommen“, so Zabelka. Bei der Teilnahme an Workshops mit den Artists in Residence oder beim Ausprobieren der interaktiv gestalteten Klanginstallationen können die Besucher*innen schließlich ganz die Seiten wechseln. Vermittelt wird aber nicht nur Kunst, sondern auch Medienbildung. Eigens dafür eigeladene Künstler*innen bringen den Kindern und Jugendlichen aus der Umgebung den kreativen, aber auch kritische Umgang mit neuen Medien näher. Die dabei entstandenen Werke aus Sparten wie Musik, Klangkunst oder Video werden dann im Rahmen einer Veranstaltung dem Publikum präsentiert.

Impulsgeber in der Region

Die Kulturvereine liefern wichtige Impulse für die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung und die Bewusstseinsbildung in der Region. So beteiligten sich die Initiative „Starke Frauen“ beispielswiese an der UN-Kampagne „Orange the world“ gegen Gewalt an Frauen. Mit einem Impulsabend im Lerchhaus in Eibiswald wurde versucht, die Bevölkerung auf dieses nach wie vor oft tabuisierte Thema aufmerksam zu machen. Der randvoll gefüllte Saal habe gezeigt, dass sehr wohl auch am Land Interesse dafür bestehe, so die beiden Veranstalterinnen. Siegi Kleindienst könne sich vorstellen, in Zukunft auch Themen wie das Aussterben der Ortskerne in den Grenzlandgemeinden oder den geplanten Kraftwerksbau an der Schwarzen Sulm in Kunstprojekte einfließen zu lassen. Die Künstler*innen sollten dann dazu etwas „spezifisch Politisches, Gesellschaftskritisches machen“, sagt sie. Über das diskursanregende Potential von Kunst, vor allem im öffentlichen Raum, weiß auch Cornelia Waltl zu berichten. Es habe schon so manche Installation oder das eine oder andere Kunstwerk für Aufregung gesorgt – auch in den sozialen Netzwerken.

Vernetztes Schilcherland

Auffällig ist an der Region die gute Vernetzung der Kulturinitiativen untereinander. Das war aber nicht immer so. „Früher hat jede Kulturinitiative im Bezirk ihr eigenes Programm gemacht und es gab abseits von persönlichen Beziehungen wenig Austausch“, erinnert sich Kleindienst. Geändert hat sich das, als 2017 im Rahmen eines Leaderprojektes von den Tourismusverbänden der Region zusammen mit Karl Posch, dem Manager von Kürbis Wies, die Netzwerkgruppe Kunst.Kultur.Schilcherland“ ins Leben gerufen wurde. Aktuell zählt das Netzwerk 22 Mitglieder, die sich regelmäßig zum gegenseitigen Kennenlernen, dem Austausch von Erfahrungen und dem Planen von gemeinsamen Aktivitäten treffen. „Früher hatte jede Kulturinitiative im Bezirk ihr eigenes Programm gemacht und erst durch das Netzwerk haben sich die Initiativen und die Leute besser kennengelernt“, stellt Siegi Kleindienst mit Blick auf die Vergangenheit fest. Darüber hinaus verschaffe das Netzwerk den Anliegen der Vereine mehr Gewicht. Man werde besser wahrgenommen, weil es ein Bedürfnis von mehreren sei, unterstreicht Cornelia Waltl die über den touristischen Zweck hinausragende Bedeutung.

Im Fokus stehen momentan die übersichtliche Bewerbung von Veranstaltungen in einem Kulturkalender auf der Website des Schilcherlandes und die Ausrichtung des Festivals „schillern – Die kulturelle Landpartie“, das jedoch Corona bedingt erneut verschoben werden musste. Das Festivalprogramm wird von den teilnehmenden Kulturinitiativen eigenständig gestaltet und von den Tourismusverbänden beworben. Mit kulinarischer Abendbegleitung sollen Übernachtungsgäste angelockt werden. In weiterer Zukunft sind auch Kulturtouren durch das Schilcherland mit Kurzpräsentationen der Initiativen geplant. Das vorhandene kulturelle Potential der Region wird so für den Tourismus aktiviert, ohne es dabei zu sehr vereinnahmen zu wollen.

Prekäre Kulturarbeit

Eine Befragung der Kulturinitiativen in der Region zeigt, dass Kulturarbeit meistens ehrenamtlich und unentgeltlich geleistet wird. Mit Ausnahme einiger weniger Kulturinitiativen gibt es keine Anstellungsverhältnisse, wodurch es an professionellen Strukturen als Träger für ehrenamtliche Tätigkeiten fehlt. Vor allem das Ansuchen und Abrechnen von Förderungen nehme für die Kulturschaffenden viel Zeit in Anspruch. Siegi Kleindienst kritisiert auch die mangelnde Beratung für noch wenig erfahrene Antragsteller*innen durch die Kulturabteilung des Landes Steiermark und generell das fehlende Verständnis für die künstlerische Tätigkeit im ländlichen Raum. Ein Konzept für den Betrieb eines Kunstautomaten mit bildenden Künstler*innen aus der Region sei mit der Begründung, dass diese nicht berühmt genug seien, abgelehnt worden. Bei Siegi Kleindienst sei so der Eindruck entstanden, dass Künstler*innen ohne abgeschlossenes Studium, Preise und Auszeichnungen oder internationalen Ausstellungen von den Fördergeber*innen pauschal als unprofessionelle Hobbyartisten eingestuft werden. „Auch für die Gemeinde Eibiswald war es sehr enttäuschend, dass es für den ‚Kunstomat‘ keine Landesförderung gab“, sagt Holzmann-Kiefer. Denn diese unterstützt die Kulturarbeit der „Starken Frauen“ tatkräftig durch die Bereitstellung von Infrastruktur und anlassbezogen mit kleinen Geldbeträgen sowie den Kunst- und Museumsverein mit einer jährlichen Förderung. Die Gemeinde könne das Kunstprojekt von Siegi Kleindienst und Jasmin Holzmann Kiefer aber unmöglich allein finanzieren. Generell sei die Förderhöhe für einzelne Projekte oder Vereine immer Verhandlungssache und variiere stark. Mehrjährige Förderverträge, ein eigens ausgewiesenes Kulturbudget und vom Gemeinderat festgelegte, verbindliche Förderrichtlinien wie in der Stadt Graz gibt es in kleinen Gemeinden nämlich nicht.

Kultur als Wohlfühlfaktor

Nur rund 30 Autominuten weiter östlich, in der Weinstadt Leibnitz, ist zeitgenössische Kunst- und Kultur sehr wohl ein fester Bestandteil der städtischen Budgetplanung. „In der Stadtpolitik wird genauso wie an Straßen auch an ein gutes Kulturprogramm gedacht“, wie Helga Sams, Vizebürgermeisterin und Obfrau des Vereins LeibnitzKULT, berichtet. Kultur wird als ein wichtiger Faktor für das Lebensgefühl in der Stadt wahrgenommen. Das werde auch von den vielen Neo-Leibnitzer*innen geschätzt, die sich durch den Anschluss am gesellschaftlichen Treiben schneller heimisch fühlen würden.

Ein wichtiger Grundstein dafür wurde im Jahr 2012 gelegt, als Helga Sams in ihrer Funktion als Gemeinderätin Politiker*innen, Kulturschaffende und alle kulturaffinen Bürger*innen zur Erarbeitung eines Kulturleitbildes eingeladen hat. In diesem partizipativen Prozess wurden sieben Leitsätze entwickelt, die aktuell evaluiert werden, und die Arbeitsgrundlage für LeibnitzKULT bilden. Der Kulturverein gestaltet im Auftrag der Stadtgemeinde das Kulturprogram. Zu diesem Zweck werden mehrere Spielstätten wie das Alte Kino, der Marenzikeller oder das Schloss Seggau mit Jazz und klassischer Musik bespielt. In der Galerie Marenzi werden vor allem fotographische Arbeiten gezeigt.

Selbstverständlich wird auch hier der Kunst- und Kulturgenuss mit der Kulinarik in Verbindung gebracht. Eine große Stärke der Region sei es eben, zum Kulturprogramm noch etwas „dazugeben zu können“, so Dagmar Brauchart, Büroleitung von LeibnitzKULT. Beim jährlichen Jazzfestival könne man das gut beobachten. Die Leute würden zwar in erster Linie wegen der Musik kommen, aber das ganze Ambiente, der Herbst in der Südsteiermark und die Weinverkostungen mit lokalen Produzent*innen seien ein großes, zusätzliches Zugpferd.

Beim Blick in die Südweststeiermark zeigt sich eine schillernde Kulturlandschaft, die bestens vernetzt ist, niederschwellige und partizipative Kulturformate entwickelt und wichtig für das Lebensgefühl in der Gemeinde bzw. Region ist. Die Kooperation mit den Tourismusverbänden, der Kulinarik und das Festival „schillern“ scheinen eine gelungene Gratwanderung zwischen gegenseitiger Ergänzung und Vereinnahmung zu sein. Vorangetrieben wird all das zum überwiegenden Teil von vielen ehrenamtlichen Kulturarbeiter*innen. Seitens der steirischen Kulturpolitik sehen sich einige mit undurchsichtigen bürokratischen Vorgängen und Vorurteilen über die Qualität künstlerischer Produktionen konfrontiert. Die Potentiale regionaler Kulturarbeit werden dabei von den Verantwortlichen aufgrund ihres verengten Blickwinkels glatt übersehen – ein Jammer!

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