Wenn Kunst Türen öffnet. Menschen mit Demenz im Museum 

Die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen bereichert das Leben auf vielfältige Weise und fördert Gesundheit und Wohlbefinden. Das gilt auch für Menschen mit Demenz. Dabei können sich neue Schnittstellen zwischen Kultur- und Gesundheitsbereich bilden.

Ein persönliches, aber kein soziales Schicksal: Die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen bereichert das Leben auf vielfältige Weise. Das gilt auch für Menschen mit Demenz. Neben zahlreichen Einschränkungen bestehen weiterhin Interessen, Wünsche und Ressourcen. Bei den Betroffenen löst der Verlust kognitiver Fähigkeiten oft Scham aus. Aus Angst, nicht mehr ernst genommen zu werden, ziehen sie sich häufig aus dem öffentlichen Leben zurück. Wenn Kulturangebote an vorhandene Kompetenzen von Menschen mit Demenz anknüpfen, bieten sie die Möglichkeit für Erfolgserlebnisse und Selbstbestätigung. Sie liefern neue Impulse und geben dem Leben ein Stück „Normalität“ zurück. 

Die Wichtigkeit des Museums als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung und diversitätsgerechten Handelns betont auch Susanne Wögerbauer, Hauptabteilungsleitung Kunstvermittlung im Belvedere: „Das Belvedere konnte als erstes Museum in Österreich zu Anfang des Jahres 2016 in Zusammenarbeit mit der Caritas Socialis ein langfristig bestehendes und immer weiter ausgebautes Führungsangebot entwickeln, das besonders sensibel auf die Bedürfnisse von Menschen mit dementiellen Erkrankungen eingeht. Mit unserem Angebot für Menschen mit Demenz wollen wir Zeichen setzen für das öffentliche Bewusstsein, denn das Thema geht uns alle an. Die Erkenntnis, dass an Demenz erkrankte Personen Kunst und Kultur genießen können, so wie jeder andere auch, hilft Vorurteile gegenüber der Krankheit sowie Stigmatisierungen der Betroffenen abzubauen.“ 

(c) Sarah Horvath, Belvedere Wien

 

Mit Kunst ein Stück mehr Lebensqualität gewinnen 

Das Pilotprojekt „Kunstbetrachtungen für Menschen mit Demenz“ im Belvedere wurde in Kooperation mit dem Alzheimer- Tageszentrum der Caritas Socialis entwickelt. Im Zuge der Vorbereitung auf das Projekt erwies sich der Besuch des Seminars „Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz“ von Jochen Schmauck-Langer als wertvoller Input. Schmauck-Langer, Geschäftsführer von (de)mentia+art, Kulturgeragoge und Kunstbegleiter für Menschen mit Demenz, über die bereits seit vielen Jahren bestehenden Kulturangebote für Menschen mit Demenz in Deutschland: „(de)mentia+art bietet seit 2011 in Zusammenarbeit mit dem Museumsdienst Köln in mittlerweile sechs großen städtischen Museen Führungen für Menschen mit Demenz an. Methodische Grundlage ist eine konsequent Teilhabe-orientierte Kommunikation und Vermittlung, die auf die Ressourcen der Betroffenen eingeht. Im Netzwerk Kulturelle Teilhabe und beim Einsatz von musikalischen Akzenten in der Begegnung mit Kunst ergeben sich immer wieder Synergieeffekte. Die Möglichkeit eines gemeinsamen Entdeckens, die strikte Teilhabe-Orientierung führt immer wieder zu erstaunlichen sozialen Erfahrungen im ästhetischen Raum – für alle Beteiligten.“ 

Die Weiterbildungsangebote fanden nach Wien auch schon in mehreren österreichischen Bundesländern statt. Zu den Seminaren sind neben KulturvermittlerInnen in Museen stets auch MitarbeiterInnen aus dem Alten-, Pflege- und SeniorInnenbereich eingeladen. Denn neben der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit dem Thema geht es in erster Linie um die Vernetzung aller Beteiligten. In Wien bieten neben dem Belvedere unter anderen auch das Kunsthistorische Museum, die Albertina und das Dom Museum Führungen für Menschen mit Demenz. Natürlich haben auch viele größere Museen in den Bundesländern ihre Vermittlungsprogramme um Angebote für Menschen mit Demenz erweitert. So liefern etwa das Vorarlberg Museum, das Tiroler Landesmuseum, das Salzburg Museum, das Oberösterreichische Landesmuseum und das Universalmuseum Joanneum in Graz auf ihren Internetseiten zahlreiche Informationen zu diesem Thema. 

Aber auch eigenständige, lokale Initiativen schlagen Brücken zu Menschen mit Demenz, wie etwa ein Projekt des Museums Arbeitswelt in Steyr mit der Volkshilfe Oberösterreich eindrucksvoll beweist. Vor allem regionale Museen, die sich mit alten Kulturtechniken auseinandersetzen, bieten sich an, um an längst vergangene Erfahrungen und Erlebnisse von Menschen mit Demenz anzuknüpfen – der finanzielle Aufwand ist vergleichsweise gering. Kontaktaufnahmen mit lokalen Betreuungs- oder Pflegeeinrichtungen ermöglichen es, Berührungsängste auf beiden Seiten abzubauen. 

 

Jenseits unserer Verstandeskultur 

Menschen mit Demenz können sich auf emotionale Art und Weise zur Gesellschaft äußern und an ihr teilhaben. Bei den Gästen der Kunstbetrachtungen im Museum handelt es sich meist um Betroffene in der mittleren Phase. In diesem Stadium werden kognitiv kaum noch neue Informationen aufgenommen. Trotz unterschiedlicher Einschränkungen bleiben viele Fähigkeiten aber noch lange erhalten. Oft kommt es zu einem unmittelbaren Ausdruck von Emotionen, der durch keine kognitiven Mechanismen mehr kontrolliert wird.


Das Angebot der gemeinsamen Kunstbetrachtung verfolgt das Ziel, noch vorhandene Erinnerungsinseln aufzuspüren, um an vergangene Erfahrungen und Gefühle anzuknüpfen. Erinnerungsinseln tauchen besonders häufig aus der Zeit zwischen dem zehnten und dem 25. Lebensjahr auf, die als Spanne für die prägendsten Erfahrungen gilt. 

Kulturangebote sollten an vorhandene Kompetenzen der Menschen mit Demenz anknüpfen

Teilhabe-orientierte Vermittlung im Museum 

Bei Bildbetrachtungen in entspannter Atmosphäre sind die Betroffenen nicht mit ihren Defiziten konfrontiert, sondern erleben ihre Fähigkeiten, wie etwa im Spiel mit der Fantasie. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht eine gezielte Auswahl an leicht zugänglichen Kunstwerken, die erkennbare Landschaften oder deren Personen eindeutige, nachvollziehbare Handlungen dar- stellen. Im Idealfall lässt sich das Bildmotiv mit Lebenselementen aus dem Alltag des Menschen mit Demenz in Beziehung bringen. Aber auch zeitgenössische Kunst bietet sich an, um Fragestellungen und Gespräche anzuregen. Unterstützt durch begleitende Materialien, die in vergangenen Zeiten eine Rolle gespielt haben, können die Werke in Ruhe mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Neben aufmerksamem Zuhören ist eine aufrichtige Wertschätzung aller Beiträge der TeilnehmerInnen selbstverständlich. Dass es sich bei all dem nicht um Wissensvermittlung handelt, versteht sich von selbst. Teilhabe-orientierte Vermittlung basiert auf Respekt, Wertschätzung und Empathie. 

Im geschützten Rahmen einer gemütlichen Runde vor einem Kunstwerk sitzend, werden die TeilnehmerInnen angeregt, eigene Gedanken, Empfindungen und Assoziationen einzubringen. Auch wenn die Erinnerung an konkrete Bilder schnell wieder verschwindet – es bleibt wohl ein Gefühl zurück. Die „Besonderheit“ eines Museumsbesuches ist meistens bewusst. Genau diese Mischung aus Neuem und Vertrautem ist es, die die Teilnehmenden ins Gespräch bringt. Bei der Betrachtung von Kunstwerken erleben Pflegende und Betroffene einander unter Umständen ganz neu und begegnen gemeinsam den Objekten mit einer anderen Sichtweise. 

 

Der rezeptive kunsttherapeutische Ansatz 

Die Rezeptive Kunsttherapie macht sich die besondere Kraft zunutze, die von Kunstwerken ausgehen kann. Selbst Kunstwerke, die unsere Außenwelt darstellen, geben nicht nur das bereits Bekannte wieder – sie bewahren jeder Interpretation gegenüber einen Rest von Geheimnis. Kunstbetrachtung muss nicht ausschließlich in ästhetischen Kategorien verlaufen, sondern kann vor allem Bezug auf das individuelle Leben des Menschen mit seiner inneren Welt von Gedanken und Assoziationen nehmen. Der rezeptive kunsttherapeutische Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass nicht nur der aktive Umgang mit gestalterischen Materialien einen therapeutischen Prozess initiiert, sondern auch die bewusste Auseinandersetzung mit Kunstwerken. Über Assoziationen wird die eigene Realität am Bild reflektiert und durch die „Wirklichkeit“ des Bildes zusätzlich erweitert. Die Beschäftigung mit bereits bestehenden Bildern bietet sich an, wenn aktives Malen und Gestalten nur mehr sehr eingeschränkt möglich sind. Diese Methode ermöglicht ein entspanntes Erleben von Autonomie in einer Zeit großer Abhängigkeit. 

Die Wahrnehmung kann also ein ausgesprochen aktiver Vorgang sein. Auch beim „gesunden“ Menschen findet die Wahrnehmung von Kunstwerken in erster Linie in emotionaler Form statt, wird aber oft von der intellektuellen Ebene überformt. Jenseits des abrufbaren Wissens um ein Kunstwerk oder eine/n KünstlerIn steht der/die „normale“ BetrachterIn oftmals ebenso sprachlos vor einem Gemälde. Vernachlässigt man den klassischen Bildungsauftrag und damit die herkömmliche Intention der Kunstvermittlung, ist der Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Demenz angesichts eines Kunstwerks gar nicht mehr so groß. 
 

Die nächste FORTBILDUNG ZU KULTUR UND DEMENZ findet im März 2020 in Klagenfurt statt. Darüber hinaus sind weitere Fortbildungen für regionale Museums- oder Pflegebereiche der Bundesländer nach Absprache möglich. 
Kontakt: @email, www.dementia-und-art.de 

 

 

Brigitte Hauptner ist Mal- und Gestaltungstherapeutin, Kunsthistorikerin und Kulturvermittlerin in Wien.

Fotos © Sarah Horvath, Belvedere Wien


IG Magazin 2019
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 „Kultur als Rezept“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
Das Magazin kann unter @email (5 €) bestellt werden. 

 

Ähnliche Artikel

5 vor 12. Es wird Zeit