ArtLeaks - Whistleblower im Kampf gegen die Ausbeutung von Kunstarbeiter*Innen

Mit dem Aufstieg der Kultur- und Kreativwirtschaft wächst auch die Aufmerksamkeit für Arbeitsverhältnisse, bis bislang kaum beachtet wurden. Galten Berufe wie Autor*in, Künstler*in oder Musiker*in früher noch als elitär und ungewöhnlich, werden sie heute als normale Karriereoptionen dargestellt. Der steigende Beitrag der Kultur- und Kreativwirtschaft zur wirtschaftlichen Entwicklung und die Anzahl an Jobs, die der Sektor vermeintlich bietet, verstellt vielen Politiker*innen und Regierungen den Blick auf die Arbeitsbedingungen im Kreativbereich. Sie fragen nicht: Welche Art von Arbeitsplätzen werden im Kultur- und Kreativbereich geschaffen?

Es herrscht die Annahme, kreative Arbeit muss „per se“ fortschrittlich und progressiv sein. Kreatives Arbeit ist jedoch immer mehr durch „individualisiertes“ Arbeiten gekennzeichnet, durch eine Industries, die die Tugenden der Selbstorganisation, des einzigartigen Talents und der personalisierten, performativen Arbeitsweisen beschwört. Das macht es schwer, die dem System eingeschriebene Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, die tief in den Produktionsweisen verwurzelt sind, zu verstehen. Die Fragmentierung und Vereinzelung der Produzent*innen, vor allem im Kunstfeld, erschwert die Organisation kollektiven Widerstands zusätzlich. 

Die transnationale Plattform ArtLeaks will dies ändern. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, „die ungerechten Arbeits- und Produktionsbedingungen in Kunst und Kultur sichtbar zu machen und Druck auf die Institutionen, Manager*innen und Politiker*innen im Feld auszuüben“. Ich habe mit zwei der Gründungsmitglieder der Plattform, Corina L. Apostol ( Kuratorin und Kunsthistorikerin aus New York City) und Vladan Jeremi? (Künstler aus Belgrad) über die Bedingungen in der Kunstwelt und die Strategien von ArtLeaks, um die bestehenden Ungerechtigkeiten in diesem Feld zu bekämpfen, gesprochen. 

Lidija K. Radojevic: In euren ersten Aktionen als ArtLeaks habt ihr Fallbeispiele veröffentlicht, die aufzeigen, wie Arbeitsrechte in der Kunstwelt verletzt werden. Warum? 
ArtLeaks: Die Fälle sind wichtig für den politischen Fokus des Projekts. ArtLeaks entstand 2010 genau in diesem Zusammenhang: Wir haben die ersten Fallbeispiele gesammelt und in die Medien gebracht, um uns gegen die Demütigung und schlechte Behandlung von Kunstarbeiter*innen in Rumänien zu wehren. Konkret ging es in dem Fall um Künstler*innen, die bei der Bukarest Biennale ausgebeutet und zensuriert wurden, weil die Hauptorganisator*innen ihre grundlegenden Arbeitsrechte nicht respektiert haben. Daraus hat sich eine Kerngruppe entwickelt, die weitergemacht hat und ehrenamtlich ungerechte Praktiken gesammelt und aufgedeckt hat und sich immer eingehender mit spezifischen Fallbeispielen beschäftigt hat. 
Einzelne Fälle, mit denen wir uns intensiv auseinandergesetzt haben, waren entscheidend, da wir kleine Erfolge über die bestehenden Machverhältnisse erzielen konnten. Das ist wichtig, denn Arbeiter*innen, die ihren Fall öffentlich machen, werden massiv unter Druck gesetzt. Einer der kompliziertesten und grundlegendsten Fälle, die ArtLeaks veröffentlicht hat, war der Fall von Prof. Suzana Milevska. Wir konnten sie in ihrem Recht unterstützen, weiterhin an der Akademie der bildenden Künste Wien unterrichten zu können. 

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Lidija K. Radojevic: Was war eure ursprüngliche politische Agenda?  
ArtLeaks: Von Anfang an hat ArtLeaks gefragt: Was bedeutet es, den virtuellen Raum und den Raum für kulturelle Produktion wieder für sich zu erobern? Was bedeutet es, den gewohnten Gang der Dinge, das „Business as usual“ in Auktionshäusern, großen Galerien aufzubrechen oder gar etwa korrupte staatliche Einrichtungen zu kapern? Welche Art künstlerischer Ausbildung gibt es außerhalb der privaten Akademien? Und kann diese Ausbildung reale soziale Alternativen, neue Denkräume und Praktiken für engagierte Kunst schaffen, Möglichkeiten für widerständige politische Subjektivität eröffnen? 
Es sind ähnliche Fragen, wie jene, die sich auch die Aktivist*innen der Occupy-Bewegung gestellt haben, die mit ihren Aktionen den öffentlichen Raum sowohl online als auch in Städten rund um den Erdball verändern wollten, aber mir der Kurzlebigkeit ihrer Aktionen konfrontiert waren. Welche Strategien brauchen Kunstarbeiter*innen heutzutage, um sowohl den kulturellen als auch den gesellschaftlichen Raum nachhaltig zu verändern?
Es scheint heutzutage wichtige denn je, unsere Aktivitäten im digitalen und realen Raum hervorzuheben und die Möglichkeitsfenster und Alternativen, die die Proteste der Kunstarbeiter*innen in den letzten Jahren eröffnet haben, zu vernetzen und zu festigen. 
Der post-marxistische Theoriehintergrund ist dabei wichtig, weil er ArtLeaks einbettet, nicht nur als Teil des „Whistleblower Trends“, sondern auch als eine Organisation, die sich selbst im aktuellen Konflikt zwischen Arbeit und Kapitel positioniert. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass der Kunstsektor nicht von den ökonomischen Prozessen im entwickelten globalisierten Kapitalismus zu trennen ist. 

Lidija K. Radojevic: Welche Strategien und Werkzeuge habt ihr entwickelt, um Eure politischen Ziele zu erreichen? 
ArtLeaks: Einerseits Aufrufe zur Nicht-Teilnahme bzw. Zurückziehen der Teilnahme, andererseits Appelle für eine neue Kunstwelt. Zusätzlich will ArtLeaks aufzuzeigen, wie Kunstarbeiter*innen auf vielfältigste Art und Weise versuchen, zu sozialen Transformationsprozesse beizutragen, als auch Ideen zu entwickeln, was dies bedeuten könnte. Das ist unsere übergeordnete Agenda. Wir wollen diese Bemühungen unterstützen. Mit unseren Publikationen, Workshops und Lernausstellungen wollen wir das Verständnis von früheren Bemühungen erneuern, die wichtige bewusstseinsbildende Erfahrungen und Organisationsmodelle bieten. 

Lidija K. Radojevic: Welche früheren Bemühungen meint ihr damit? An welche historischen Entwicklungen und politischen Positionen wollt ihr anknüpfen?
ArtLeaks: Künstler*innen-Vereinigungen, Verbände und Gemeinschaften hinterfragen bereits seit dem 19. Jahrhundert die Politik der Kunstproduktion. Einige dieser selbst-organisierten Gruppen haben sich für Künstler*innenrechte und die Rückeroberung von Kulturinstitutionen, die sich mit Macht und Kapital arrangiert haben, eingesetzt und ihre Kritik in Form von Protesten und öffentlichen Interventionen artikuliert. Zentral für ihre Argumentation war der Versuch, den historisch wiederkehrenden Begriff der „Kunstarbeiter*in“ zu etablieren, um das Machtverhältnis zwischen Auftraggeber*innen und Künstler*innen in Richtung Produktion und Verbreitung von Kunst und Kultur zu verschieben. Wir lassen uns zum Beispiel inspirieren von den Bemühungen von Gustave Courbet und der Pariser Kommune, Gustav Metzgers Kunststreik, Lee Lozanos „General Strike Piece“, den unermüdlichen Aktivitäten von „The Art Worker’s Coalition“, die sich für eine Öffnung der Museen einsetzte, oder als jüngeres Beispiel das Bürger*innen-Forum für zeitgenössische Kunst (Obywatelskie Forum Sztuki Wspó?czesnej - OFSW), die einen eintägigen Kunststreik organisierten – ein Tag ohne Kunst und Kultur. 
Ähnlich wie diese Initiativen, will ArtLeaks die öffentliche Diskussion über Kultur beeinflussen, auf symbolischer wie auf politischer Ebene, aber auch die ökonomische Position von Künstler*innen und Kulturproduzent*innen innerhalb der öffentlichen Institutionen und sozialen Hierarchien verändern. 

Lidija K. Radojevic: Wo setzt die praktische und politische Arbeit von ArtLeaks an? Wie organisiert ihr eure Arbeit?
ArtLeaks: Das politische Auftreten von ArtLeaks ist geprägt und verbunden mit dem Aufkommen der Anti-Austeritätsbewegungen nach der globalen Finanzkrise und der Politisierung von Studierenden und Kunstarbeiter*innen in den verschiedensten Ecken dieser Welt. Von Anfang stand ArtLeaks dabei im Austausch mit anderen sich formierenden Organisationen von Kulturarbeiter*innen, wie etwa die „Precarious Workers Brigade“, „Haben und Brauchen“, „W.A.G.E.“, etc. Am Anfang hatten wir nicht das Bedürfnis, uns mit etablierten Kunst-Gewerkschaften zu verbünden, weil wir unsere Arbeit als taktische Intervention in den Medien und nicht als eine Sektor-orientierte Position verstanden. Unsere Organisationsstruktur und unsere Absichten unterscheiden sich von typischen Kunstorganisationen. Eine Struktur war und ist bis heute nur sehr limitiert vorhanden. Jene, die sich von Anfang an dafür engagieren, leben weder in derselben Stadt noch im selben Land. Die Arbeit von ArtLeaks erfolgt online, wo schnelle Reaktion und Vertrauen entscheidend sind, um unseren Einsatz für die Wahrheit über die Produktionsbedingungen und unsere kontinuierliche Publikation von Fallbeispielen weiterführen zu können. Das Vertrauen wurde durch mehrere anfängliche Treffen gestärkt, bei denen wir uns auf Grundprinzipien und Arbeitsmodus festgelegt haben. ArtLeaks Versammlungen wurden in Berlin, Belgrad und Moskau organisiert, gefolgt von zahlreichen Veranstaltungen wie Ausstellungen, Büchermessen, Seminaren und Workshops, bei denen wir unsere Arbeit präsentieren und kontinuierlich verbessern.

Lidija K. Radojevic: Für wen setzt ihr Euch ein? 
ArtLeaks: ArtLeaks zieht keine scharfen Trennlinien zwischen Kulturarbeiter*innen, etwa nach institutioneller Zugehörigkeit, rechtlichem Status oder Kunstsparte. Für uns ist jede/r Arbeiter*in, der/die an der Produktion, Verbreitung und Vermittlung eines Kunstprodukts mitwirkt, ein/e Kunstarbeiter*in. 
Auch finden wir die Kategorie der Klasse und der Klassenbeziehungen wichtig, wenn wir über Kunstarbeiter*innen reden. Wir stützen uns dabei auf die Klassendefinition von Marx, wonach Klasse sowohl von objektiven als auch subjektiven Faktoren determiniert wird. Nachdem Klasse durch den Prozess des Klassenkampfes produziert wird, sind Kunstarbeiter*innen all jene, die ankämpfen gegen: aktuell hegemoniale Positionen, Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit Kulturarbeit, Unterdrückung durch ein unehrliches Management oder offenkundige Zensur, offene Verstöße von Arbeitsrechten, gegen die Akzeptanz von prekären Bedingungen in der Kulturarbeit als Normalzustand, und nicht zuletzt gegen die Vereinnahmung politisch engagierter Kunst, Kultur und Theorie von Institutionen, die selbst in ein enges Netz von Kapital und Macht eingebettet sind. 

Lidija K. Radojevic: Wie sieht es mit einer breiteren Allianz in diesem Arbeitskampf aus?
ArtLeaks: Der wachsende Widerstand hat klar einen internationalen Charakter. Er setzt sich für eine andere Art des Kunstschaffens, des Führens von Institutionen und damit des Politikmachens ein. ArtLeaks beansprucht einen digitalen Raum in diesem Widerstand, wo Kunstarbeiter*innen ihre Bestrebungen auch in diesen Kreislauf des Kampfes übersetzen können. In unseren jüngsten Publikationen haben wir begonnen, uns aktiv damit auseinanderzusetzten, wie wir diese Kämpfe koordinieren könnten und gefragt, wie eine internationale Gewerkschaft von KunstarbeiterInnen möglicherweise funktionieren könnte. Obwohl unsere Aktivitäten und die von gleichgesinnten Gruppen wie W.A.G.E., „Precarious Workers’ Brigade“, „Wages For Wages Against“ und andere aktivistische Initiativen heute mehr Aufmerksamkeit erfahren, finden die meisten Kämpfe, die Kunstarbeiter*innen führen, noch immer isoliert, punktuell und auf der lokalen/regionalen Ebene statt. Wir werden weiterhin mit unseren Online-Kanälen und Aktivitäten im öffentlichen Raum daran arbeiten, dass ein größerer, internationaler Rahmen möglich und denkbar wird, der Widerstand und Solidarität bieten kann.


Fotos: ©ArtLeaks

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 
Es gibt auch eine englische Langfassung des Artikels bei ArtLeaks. 

 

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