Das WUK: Von einer Hausbesetzung zum Kulturhaus

Eine Reihe von Hausbesetzungen führten ab den 70er Jahren tatsächlich zur Etablierung kultureller Zentren – unter anderem des WUK, das verhinderte, dass General Motors auf dem wunderschönen Areal eine Stätte errichten konnte. Der Jugend fehlt es an Entfaltungsmöglichkeiten und vor allem an Orten. Getrieben vom Protest gegen Wachstumslogik und rigorose Abrisspolitik, mangelnde Aufarbeitung der Nazi-Zeit und gegen die verkrustete Kultur wurde eine Entwicklung wurde in Gang gesetzt, die das politische Verständnis von Kultur grundlegend ändern sollte und den Grundstein dafür gelegt hat, wie wir sie heute verstehen. Wir haben mit Vincent Abbrederis, Geschäftsleiter des WUK, und mit Ute Fragner, Obfrau und Pionierin der ersten Stunde, über Entstehung und Entwicklung des WUK gesprochen. 
WUK Wien, Von der Hausbesetzung zum Kulturhaus

 

Patrick Kwasi: Vincent, was heißt WUK eigentlich und was gibt es bei euch alles?

Vincent Abbrederis: WUK heißt Werkstätten- und Kulturhaus. Es ist ein Mikrokosmos, ein tolles Haus. Ein wenig älter als die IG Kultur hat es schon einige Jahrzehnte am Buckel. Es ist ein großer Spielplatz für alle Menschen, für alle Generationen von klein bis groß, von 1 bis 99. Du findest eine Kindergruppe, Hort, Seniorenzentrum, Veranstaltungszentrum, ein soziokulturelles Zentrum, Ateliers und Werkstätten, eine Fotogalerie – hier kann man sehr viel seiner Lebenszeit sinnvoll und schön verbringen. 

 

Patrick Kwasi: Ute, wie bist du dazu gekommen, dich zu engagieren?

Ute Fragner: Ich bin faktisch am Tag 1 ins WUK gekommen. Da gab es den Verein bereits und am Tag zuvor wurde mit dem Fest das Haus in Besitz genommen. Ich habe gleich mit angepackt eine Werkstatt einzurichten und zu schauen, wie wir das organisieren können, das Haus zu beleben, ohne dass wir uns selbst überfordern oder an der Riesigkeit der Aufgabe scheitern. 

Ute Fragner, Obfrau WUK, Innenhof

Patrick Kwasi: Wie war das damals, wie war der Zeitgeist, der das ermöglicht hat? Welche Stimmung hat geherrscht und was hat euch damals bewegt?

Ute Fragner: Das WUK entstand zu einer Zeit, als es in Österreich eine Aufbruchstimmung gab. Wir hatten die Proteste um Zwentendorf gerade hinter uns. In Wien gab es die Vielfalt noch nicht, die wir heute kennen. Viele Menschen waren im Aufbruch und konnten mit Hochkultur wenig anfangen. Man musste also schon selbst tätig werden und entwickeln. Die Zeit war reif, dass in einer Stadt, die noch im Dornröschenschlaf befindlich war, eine andere Kultur entstehen konnte. Auch die Arena-Besetzung hatte gezeigt, dass ein irrer Bedarf vorhanden ist, dass sich die Menschen nicht nur in Nebenzimmern von Gasthäusern treffen, sondern auch ihren eigenen kulturellen Raum entwickeln wollen. 
Dass es politisch gehalten hat, liegt daran, dass es in Basel und Zürich überall gebrannt hat. Da hat die Politik die RetterInnen des WUK ans Werk gelassen, bevor man Randale auf der Straße hat. Es war auch noch nicht alles so streng wie in Deutschland durchreglementiert, da gab es zwar die RAF, aber selbst die Anti-AKW Bewegung ist dort in Richtung Terrorismus interpretiert worden. Da war ganz wenig möglich. In Österreich war das anders! Die Stimmung war nach der gewonnenen Abstimmung gegen das AKW-Zwentendorf und die Arena Besetzung eine andere. Eine Gruppierung bildete sich aus sehr unterschiedlichen Menschen und hatte so die Chance im Haus Fuß zu fassen und es zu retten. 

WUK, Werkstätten und Kulturhaus, Innenhof

Patrick Kwasi: Wie hast du die Szene damals wahrgenommen und die Leute, die aktiv waren?

Ute Fragner: Jede Zeit hat ihre Szene. Die 68er Bewegung war stark von der Auflehnung gegen die Wirtschaftsgläubigkeit und den Glauben an das permanente selbstzerstörerische Wirtschaftswachstum geprägt. Die Bewegung hat aber auch Ideen entwickelt, etwas Anderes machen zu wollen, quasi Sinn für das Leben zu stiften. Man wollte mehr erreichen, als Karriere im Beamtensystem und Anspruchsberechtigung für die Pension. Es war sehr viel Sinn- und Lösungssuche und auch Suche nach Menschlichkeit. Die Wurzeln liegen also in der 68er Bewegung, eigentlich als Antwort auf ein Nachkriegssystem, das sich überholt hatte. 

Damals war die Szene um die Arena, um das Rotstilzchen (Anm.: Ein Lokal, dass nach Schleifung des Jugendzentrums GaGa zu einem Treffpunkt der Hausbesetzungsszene wurde) sehr stark kulturell, als auch politisch und sozialpolitisch geprägt. Es war eine Gruppe von Menschen, die aus dem linken, stark an der Selbstverwaltungs- und Alternativenergiebewegung orientierten Bereich gekommen sind. Die Idee war immer, Veranstaltungen zu Themen, wie beispielsweise zu Alternativenergie auch in einer bestimmten Form zu machen. Die Probleme wurden nie als individuelles Scheitern gewertet, sondern als Scheitern des Systems. Das Systemversagen war damals so deutlich zu spüren und der Wunsch dem etwas entgegenzustellen bahnte sich einen Weg. Man wollte nicht nur kritisieren, sondern Lösungen entwickeln und zwar in einer ansprechenden und gut organisierten Weise. Es sollten Lösungen sein, die lebbar gemacht werden und das ganze System mitnehmen können. Ich bin sehr froh, dass davon so viel seinen Ausgang nehmen konnte. 

 

Patrick Kwasi: Wie ist das WUK dann eigentlich entstanden?

Vincent Abbrederis: Durch eine Besetzung! Eine spezielle, sozialdemokratisch geduldete Besetzung. 1979 ist das ehemalige Schule des TGM hier ausgezogen, das Haus stand für den Abbruch bereit, war innen schon auseinandergenommen worden. Eine Initiative, die sich im Ammerlingshaus gegründet hatte, nämlich der Verein offener Kultur- und Werkstättenhäuser, durfte das Objekt besichtigen und fand es so toll, dass sie geblieben sind. 

Ute Fragner: Der Gründungsmythos besagt, dass Studierendengruppen den Schlüssel ausgeborgt haben, weil sie irgendwelche Seminararbeiten machen wollten und dieser Schlüssel ist nie mehr zurückgekehrt!

 

Patrick Kwasi: War das so?

Ute Fragner: Ja, das war tatsächlich so! Es gab den Verein, der sich das Ziel gesetzt hat, neben der herrschenden Kultur etwas zu etablieren, wo sich andere kulturelle Felder entwickeln können. Der Verein hat nach einer Bleibe Ausschau gehalten und das ehemalige TGM hat sich angeboten. Es war ein idealer Ort, die Vorstellungen des Vereins zu verwirklichen. Unterschiedliche Proponenten, die im Verein organisiert waren, haben sich mit dem Ministerium in Verbindung gesetzt und offiziell verhandelt. De facto war es aber so, dass der Schlüssel mit Studierenden ins WUK gekommen ist und nie wieder zurückgegeben wurde.

Patrick Kwasi: Dann hattet ihr das Haus, aber wie lief die Anfangszeit?

Ute Fragner: In den ersten Jahren ging es ums Überleben! Das Haus war ja für den Abbruch vorbereitet und devastiert, damit sich eben niemand einnistet. Die Armaturen waren herausgerissen, die Elektrik desolat. Da zu arbeiten war eine extreme Herausforderung. Die ersten Jahre ist quasi nur renoviert und instandgesetzt worden. Aber wir haben mit viel Eigenarbeit umgesetzt, dass das möglich war! 

 

Patrick Kwasi: Und wie ist die Politik dann mit euch umgegangen?

Ute Fragner: Vonseiten der Politik war spürbar, dass man den Eindruck hatte, dass nun alle endlich auf einem Haufen waren und zum Glück damit beschäftigt sind, die Räume warm zu kriegen und ihr Ding aufzubauen. So ist es überschaubar, sie sind beschäftigt und es gibt keine Randale auf der Straße! Da war viel Skepsis vorhanden. Politik und Exekutive sind ja gar nicht ins Haus gegangen. Ich glaube, das Geheimnis des WUK war aber, dass es nicht nur „dagegen“ war, sondern aktiv Alternativen aufgezeigt hat. Die wurden auch ernst genommen, weil ein Entwicklungspotenzial deutlich spürbar war. 

 

Patrick Kwasi: Wenn heute etwas besetzt wird, kommt die Polizei mit Panzerwagen und Hubschrauber. Wäre es heute überhaupt noch denkbar, dass so etwas entsteht?

Ute Fragner: So wie das WUK entstanden ist, wäre es heute wohl nicht mehr möglich. Aber es wäre anders möglich! Der Bedarf ist sicherlich da, es bräuchte noch viele WUKs! Aber es ist eine andere Zeit und jede Zeit braucht ihre Antworten.
 
Vincent Abbrederis: Die Generationen sind pragmatischer geworden. Junge Menschen gehen mit einem ganz anderen Selbstverständnis an ihre Arbeit, entwickeln ihre Ideen auch in einem anderen Umfeld. Es ist auch restriktiver geworden. Räume wie das WUK findet man viel schwieriger. Hausbesetzungen sind heute völlig undenkbar, junge Menschen akzeptieren aber auch, dass man einen Raum mieten muss, um etwas umzusetzen. Das sind alles Veränderungsprozesse, die vorangetrieben wurden. 

Ute Fragner: Heute sehe ich zum Beispiel auch diese Wohngruppenbewegung wie Habitat, die Immobilien den Markt entzieht. Da gibt es eigentlich eine ähnliche Motivation, aber andere Werkzeuge. Es ist also auch heute, auf eine andere Art möglich. 

Vincent Abbrederis, Geschäftsführer WUK, Werkstätten und Kulturhaus

Patrick Kwasi: Wie hat sich das WUK verändert im Vergleich von damals zu heute?

Ute Fragner: Vieles ist gleichgeblieben, vieles hat sich aber auch verändert. Der Verein und seine Handlungsfelder sind gewachsen. Bei Bildung und Beratung waren erste Ansätze, dass ehemalige Berufsschullehrer und Jugendliche ohne Job im Haus Renovierungen machen, daraus entstanden dann Arbeitsmarktprojekte. Da gab es auch eine Professionalisierung, ebenso im Bereich der Kultur. Im Bereich der Autonomie gab es ein permanentes Anwachsen von Erfahrungen und damit eine Weiterentwicklung und dennoch sind die Bereiche immer noch so autonom wie vor 30 Jahren. 
Hätten sich nicht auch die Themen verändert, wäre wohl etwas falsch gelaufen. Ich habe das zunächst bei der Beratung wahrgenommen für Menschen, die Probleme am Arbeitsmarkt haben. Und im Kulturbereich sehe ich auch immer neue Gruppen, ob es nun Performing Art, Tanztheater oder im Bereich der bildenden Kunst ist. 

Vincent Abbrederis: Viele Initiativen und Forderungen, die in Richtung mehr Kunst in der Öffentlichkeit gehen, haben im WUK ihren Ausgang genommen, wie beispielsweise die Forderungen nach einem Theaterhaus für Kinder oder einem Tanzhaus. 

Ute Fragner: Wovon ich träume, ist, dass wir noch mehr in den virtuellen Bereich gehen und ein WUK 3.0 oder 4.0 entsteht, das gar nicht mehr nur auf seine Wände angewiesen ist, sondern sich auch noch auf einer ganz anderen Ebene abspielt. Das WUK muss Antwort sein, auf die gesellschaftliche Veränderung und auf die Themen in der Gesellschaft. Es wird nie enden, dass das WUK Antworten sucht. Auch zu einem Zeitpunkt, in dem die Frage vielleicht noch gar nicht so klar ist. 

 

 

 

Ute Fragner, Obfrau WUK, Werkstätten und Kulturhaus Ute Fragner ist seit der ersten Stunde beim WUK - Werkstätten und Kulturhaus in Wien und Obfrau des Vereins. 
Portrait Vincent Abbrederis, WUK Geschäftsführer Vincent Abbrederis ist seit 1989 Geschäftsleiter des WUK - Werkstätten und Kulturhaus in Wien. 

 

 

 

 

Beitrag als Podcast:

 


 

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