Vom 1. März zum 1. Mai … Ein Strategiegespräch zu Fragen der Allianzenbildung

Am 1. März dieses Jahres fand in Wien der erste Transnationale Migrant_innenstreik statt (für die Hintergründe siehe den Artikel zum Thema in dieser Ausgabe). Am 1. Mai 2011 wird Wien nach zweijähriger Pause auch wieder zum Austragungsort für eine MayDay-Parade.

Am 1. März dieses Jahres fand in Wien der erste Transnationale Migrant_innenstreik statt (für die Hintergründe siehe den Artikel zum Thema in dieser Ausgabe). Am 1. Mai 2011 wird Wien nach zweijähriger Pause auch wieder zum Austragungsort für eine MayDay-Parade. Die Kulturrisse (KR) baten mit Ilker Ataç und Lisa Sigl zwei in die jeweiligen Vorbereitungen involvierte AktivistInnen zum Strategiegespräch und diskutierten mit ihnen Fragen der Allianzenbildung, Nachwirkungen der Uniproteste und das Konzept der Wissensarbeit.

 

KR: Sowohl beim Transnationalen Migrant_innenstreik als auch beim MayDay wurde bzw. wird der Anspruch formuliert, breite Allianzenbildungsprozesse initiieren zu wollen. Es soll also gelingen, über soziale Grenzen hinweg Menschen anzusprechen und zu mobilisieren, deren Gemeinsamkeit darin besteht, (auf je spezifische Weise) von Prekarisierung bzw. Rassismus betroffen zu sein. Könnt ihr erläutern, welche Überlegungen hinter diesem Anspruch stehen?

Ilker: Die Initiative für den Transnationalen Migrant_innenstreik geht zurück auf eine Mobilisierung von MigrantInnen, die 2006 in den USA begonnen hat und in den vergangenen zwei Jahren unter dem Label „Ein Tag ohne uns“ in unterschiedlichen europäischen Ländern übernommen wurde. Unter diesem Motto sollte die Frage in den Raum gestellt werden, was passieren würde, wenn MigrantInnen nicht arbeiten, nicht konsumieren, am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen würden. Die Idee bestand also darin, über diese Sichtbarmachung auf rassistische Gesetzgebungen und Alltagsrassismen, auf schlechte Arbeitsbedingungen und die im Allgemeinen prekäre Lage von MigrantInnen aufmerksam zu machen. Insofern ging es um so etwas wie die breitere Politisierung und Artikulierung eines migrantischen Subjekts, indem bspw. im Aufruftext versucht wurde, ein migrantisches „Wir“ zu konstruieren. Zugleich sollte dieses migrantische Subjekt aber nicht ethnisiert werden, wie das im Alltag sehr stark passiert. Es war also das Ziel, durch die Konstruktion eines „Wir“ eine Politisierung zu schaffen, die aber gerade nicht – wie es ja auch im Aufruftext hieß – zu einer Trennung zwischen „Wir“ und „Ihr“ führen sollte.

Lisa: Die erste MayDay-Parade fand 2001 in Mailand statt, und das Konzept verbreitete sich in der Folge rasch über Europa und darüber hinaus. Auch in Wien gingen zwischen 2005 und 2008 am Nachmittag des 1. Maies ja bereits vier Paraden über die Bühne. Der Anspruch von MayDay ist es dabei zuerst einmal, einen möglichst breiten Prekarisierungs-Begriff zu etablieren und einen Raum zu schaffen, in dem die unterschiedlichen von Prekarisierung Betroffenen ihre Forderungen gemeinsam artikulieren und versuchen können, diese Forderungen zusammen zu bringen. Das impliziert den Hinweis darauf, dass es Prekarisierung nicht bloß bezogen auf Arbeitsverhältnisse gibt, sondern dass hier ein umfassenderer Blick auf Fragen der Wohnverhältnisse, des Aufenthaltsstatus usw. von Nöten ist.

KR: Sowohl was die zentrale Kundgebung am 1. März anbelangte, als auch was die MayDay-Paraden vergangener Jahre betrifft, wurde jedoch vielfach die Kritik artikuliert, dass gerade dieser Anspruch sozialer Heterogenität weitgehend uneingelöst geblieben ist. Woran ist das eures Erachtens gelegen, und seht ihr Lösungsstrategien für dieses Problem?

Ilker: Was den 1. März anbelangt, muss ich dieser Einschätzung zumindest zum Teil widersprechen: Einerseits gab es nämlich an diesem Tag eine Reihe von dezentralen Aktionen und Betriebsversammlungen, bei denen das nicht so war. Andererseits waren an der Vorbereitung ja bspw. nicht nur NGOs aus dem migrantischen Bereich, sondern auch SOMs (Selbstorganisationen von MigrantInnen) oder politische Organisationen v. a. aus der türkischen, kurdischen und lateinamerikanischen Community beteiligt, deren Angehörige vielfach auch ArbeiterInnen sind. In bestimmten Kontexten wie bspw. dem der Betriebsversammlungen spielten diese eine wichtige Rolle. Was die zentrale Kundgebung am Abend des 1. Märzes am Viktor-Adler-Markt anbelangt – und da reden wir über ein spezifisches Format –, stimmt die Einschätzung aber möglicherweise. Über die Frage der Mobilisierung im Kontext des 1. Märzes müssen wir aber natürlich noch grundsätzlich sprechen. Das hat v. a. damit zu tun, dass das alles sehr kurzfristig geplant und erst am 10. Januar entschieden wurde, den Aktionstag zu machen. Entsprechend gab es einfach zu wenige Ressourcen für eine profunde Basisarbeit, die solche Mobilisierungen tragen kann. Umso mehr freuen wir uns auf die Basisarbeit für das nächste Jahr.

Lisa: Ich würde dieser Einschätzung zustimmen und bin der Meinung, dass das im MayDay-Kontext bislang zu wenig problematisiert wird, auch wenn es Anstöße zur Reflexion durchaus gegeben hat. Grundsätzlich glaube ich, dass das daran liegt, dass im deutschsprachigen Kontext erst einmal der Prekarisierungs-Begriff etabliert werden musste. Und da ist es natürlich noch mal ein anderer Kraftaufwand, diesen Begriff zu verbreitern und politische Strategien zu entwickeln, die den angesprochenen Homogenisierungstendenzen entgegen wirken. D. h., es bedarf hier einer viel längeren Diskussion und intensiverer Anstrengungen auch über die Parade am 1. Mai hinaus. Dabei habe ich die Hoffnung, dass mit den Organisierungs- und Vernetzungsbemühungen rund um den 1. März Ansätze für die Bildung breiterer Allianzen in diesem Zusammenhang geschaffen wurden.

KR: Auch die Vorbereitungsnetzwerke waren bzw. sind in beiden Fällen ja sozial eher homogen und – um einen aktuell viel diskutierten Begriff aufzugreifen – klar von WissensarbeiterInnen dominiert. Woran liegt das, und wird das eures Erachtens – die ihr ja beide selbst WissensarbeiterInnen seid – in den jeweiligen Netzwerken (ausreichend) problematisiert?

Lisa: Also ich würde auch dem zustimmen, habe aber keine wirkliche Lösung dafür, außer dass ich mir denke, dass das als Anspruch einfach ernster genommen werden muss und längerfristig Strategien entwickelt werden müssen. Das war und ist in dem Zeitrahmen, in dem die Paraden-Organisation heuer passiert, nicht wirklich möglich. Auf den laufenden Plena wird das deshalb auch sicher zu wenig problematisiert. Obwohl es natürlich ein Problembewusstsein gibt und Leute aus dem MayDay-Plenum gerade auch deshalb die Vernetzung mit dem Migrant_innen-Streik-Plenum gesucht haben. Aber man könnte da sicher noch viel mehr tun.

Ilker: Also ich muss der von dir angesprochenen Homogenitäts-These auch in Bezug auf die Plena widersprechen. Bei diesen war in erster Linie auffallend, dass wir eine sehr starke Fluktuation hatten. Also es gab da ja einzelne mit 40 bis 60 TeilnehmerInnen, sogar zum letzten Plenum sind noch 20 neue Menschen gekommen. Das zeigt schon sehr deutlich die Notwendigkeit – und das Interesse an – einer breiten Allianz, was antirassistische Arbeit betrifft. Das waren auch nicht allein die „üblichen Verdächtigen“ vertreten. Bei der Reflexionsrunde kam zum Beispiel eine Person auf uns zu und meinte: „Ich bin Ihr Erfolg, ich kenne niemanden da, die Aktion hat mich angesprochen, und ich will es mir jetzt anschauen.“ Darüber hinaus bewegen wir uns auf mehrdeutigem Boden: Wie schafft man zugleich, die im Feld aktiven Gruppen, aber auch Initiativen darüber hinaus einzubinden, damit ein Wissenstransfer in beide Richtungen möglich ist? Und wer fühlt sich überhaupt von welchen Anliegen angesprochen? Vielleicht gerieten – angesichts der zentral angelegten Aktion und der angestrebten Medienarbeit – diesmal mehr WissensarbeiterInnen in den Vordergrund. Insgesamt haben wir aber fürs erste eine für den deutschsprachigen Kontext ungewöhnliche und vielversprechende Mischung zustande gebracht.

KR: Lisa, du bist ja auch im Vorstand der IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen aktiv. Kannst du kurz erläutern, was ihr unter dem Begriff „Wissensarbeit“ versteht – und inwiefern es euch damit gelingt, Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen anzusprechen?

Lisa: Für mich ist der Begriff der WissensarbeiterInnen in erster Linie ein Experiment, um auszutesten, auf welchen Ebenen solche Allianzen gebildet werden können. Begonnen haben diese Organisierungsbemühungen dabei noch mit dem Begriff der WissenschafterInnen, wovon wir mit der Zeit aus verschiedenen Gründen abgekommen sind. Einer davon ist, dass WissenschafterInnen zumindest in den Köpfen stark mit der Institution Universität verlinkt sind, was für die tatsächlichen Biografien der Leute nur noch zum Teil zutrifft. Ein zweiter Grund, den Begriff der WissensarbeiterInnen zu verwenden, war die Idee, eine Allianzenbildung zwischen Studierenden und Lehrenden/Forschenden zu schaffen, weil bspw. während der Uniproteste die Verbindungen zwischen den Studierenden- und den Lehrenden-/Forschenden-Plena recht lose waren und man sich schwer damit tat, zusammenzuarbeiten. Drittens ist die Dichotomie Studierende vs. Lehrende/Forschende in vielen Fällen künstlich, weil viele ja gleichzeitig beides sind. Der Begriff „Wissensarbeit“ hat es seither zumindest geschafft, dahingehend Diskussionen anzustoßen, dass wir – was die Tätigkeit der Wissensproduktion anbelangt – innerhalb neoliberaler Umstrukturierungen ähnlichen Angriffen ausgesetzt sind und daher zumindest potenziell ähnliche Interessen vertreten. Gleichzeitig gibt es die berechtigte Kritik, dass ein auf die Tätigkeit bezogener Wissensarbeits-Begriff existierende Macht- und Hierarchiegefälle verschleiert. Eine breitere Reflexion darüber, ob der Begriff einer Allianzenbildung tatsächlich förderlich sein kann, steht aber sicherlich noch aus.

KR: Ihr wart ja auch beide im Kontext der Squatting Teachers bei den Bildungsprotesten im Jahr 2009 aktiv. Habt ihr den Eindruck, dass diese Proteste – sei es in personeller oder anderer Hinsicht – in 1. März- bzw. 1. Mai-Kontexten Nachwirkungen haben?

Ilker: In den ersten Plena hatte ich den Eindruck, dass – obwohl es diese relativ breite Zusammensetzung von Gruppen gab und die Leute sich zumeist nicht persönlich kannten – rasch gut funktionierende Organisationsformen entwickelt wurden. Da würde ich sagen, dass das schon zum Teil ein Verdienst der Uniproteste ist, die ja gerade auch in diesen großen Plena viel mit autonom organisierten Arbeitsgruppen o.Ä. experimentiert haben. Ich könnte allerdings nicht sagen, dass es in personeller Hinsicht große Kontinuitäten gab, obwohl einzelne Leute natürlich auch dort engagiert waren und Erfahrungen gesammelt haben. Das gilt etwa für die AG Migration und Antirassismus, die sich im Rahmen der Proteste an der Akademie der bildenden Künste gegründet hat. Im Gegensatz dazu sind die antirassistischen Strukturen an der Uni Wien aber einfach auch nicht so stark, wie man annehmen würde. Das kann man etwa daran erkennen, dass die antirassistischen Forderungen in den Uniprotesten nicht selbstverständlich und häufig sogar stark umstritten waren. Die SchülerInnen sind in diesem Bereich interessanterweise ja viel aktiver, nicht zuletzt wegen den Abschiebungen von MitschülerInnen, die hier in den letzten Jahren immer wieder zu Protesten geführt haben.

Lisa: In den MayDay-Plena ist das anders. Das Thema der Wissensarbeit ist dort nicht zuletzt deshalb so zentral, weil sich viele Leute in der Zeit der Uniproteste kennengelernt bzw. dort ihre Netzwerke verstärkt haben. Eine der involvierten Initiativen – das linke Hochschulnetzwerk – ist etwa unmittelbar in diesem Kontext entstanden. Andere wie etwa die IG Externe LektorInnen und WissensarbeiterInnen haben sich durch die Proteste verändert, u .a. weil Leute aus dem Umfeld der Squatting Teachers in den Vorstand gegangen sind und versucht haben, dort auch neue Themen auf die Agenda zu setzen; also bspw. stärker in Richtung Prekarisierung zu argumentieren. Insgesamt würde ich also sagen, dass die Proteste massive Auswirkungen auf die heurige MayDay-Vorbereitung haben.

KR: Die Idee für den 1. März-Aktionstag entstand aus der Initiative „Ausschluss Basta!“ heraus, die einen völlig anderen Ansatz verfolgte, nämlich eine Intervention in die sogenannte „Integrationsdebatte“ qua bürgerlichen Medien. Nichtsdestotrotz gelang es, mittels dieser u. a. im Standard publizierten Stellungnahme Leute aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen zu erreichen. Wie erklärst du dir, dass auf diesem Weg eine solche Verbreiterung möglich war?

Ilker: Die an „Ausschluss Basta!“ Beteiligten verstehen sich als Aktivist_innen. Es wurde uns vorgeworfen, wir wären alles Upperclass-Intellektuelle, die von der Realität der Migration keine Ahnung hätten und deswegen ein Ende der Integrationsdebatte fordern würden. Diejenigen, die das behaupteten, haben im Gegenzug für sich in Anspruch genommen, zu wissen, was da läuft. Das stimmt aber so natürlich nicht, u. a. weil das ja der Versuch einer kollektiven Textproduktion war, in die vom Beruf her WissensarbeiterInnen stark involviert waren, in deren Rahmen aber auch ein intensiver Austausch mit unterschiedlichen Bewegungen stattgefunden hat. Dabei ging es einerseits zwar schon darum, über eine bürgerliche Tageszeitung in die öffentliche Debatte zu intervenieren, andererseits war es aber auch die Idee, damit eine Vernetzung zu initiieren; also darauf hinzuzielen, dass der Text als gemeinsamer Nenner einer Bewegung funktionieren kann. Und das hat dann ja auch insofern stattgefunden, als wir mit dem Statement beispielsweise NGOs, SOMs, Betriebsräte im migrantischen Bereich erreichen konnten. Und im Rahmen einer Veranstaltung im Anschluss an die „Ausschluss Basta!“-Initiative ist dann ja auch die Idee für den Aktionstag am 1. März entstanden. Deshalb kann man in diesem Fall sagen, dass der Text tatsächlich einen Prozess der Allianzenbildung initiieren konnte.

KR: Seht ihr Anknüpfungspunkte zwischen den beiden Initiativen am 1. März bzw. am 1. Mai? Wie steht es eures Erachtens also um das Potenzial, dass sich diese Kämpfe wechselseitig stärken und die hier begonnenen Debatten dort aufgegriffen und vertieft werden?

Ilker: Also im Kontext des 1. März-Plenums war viel davon die Rede, dass der 1. Mai der nächste Termin in einem Prozess sein wird. Es gibt bereits erste Ideen, wie man sich am 1. Mai einbringen kann. Das war also von Anfang an ein Thema, allein schon, weil wir viel über den Begriff des MigrantInnen-Streiks diskutiert haben und Arbeitsverhältnisse im Zentrum vieler Debatten standen.

Lisa: Ja, ich würde sagen, im MayDay-Plenum gibt es den starken Wunsch, dass das passieren wird – und es ist schön zu hören, dass das auch im 1. März-Plenum so diskutiert wurde. Wobei die daran anschließende Hoffnung natürlich wäre, dass die gemeinsame Organisation einer Parade am 1. Mai in der Folge einen Unterschied für die politische Praxis während des gesamten Jahres bedeuten wird.

 

Links

1. März
Mayday Wien
Ausschluss Basta

 

Moderation: Markus Griesser (mit Dank an Daniela Koweindl für die Unterstützung bei der Vorbereitung)

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