Gefällige Demokratur oder demokratische Kultur?

Anlässlich der Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2011 sagte Frau Bundesministerin Schmied in ihrer Ansprache folgendes: „Es ist Zeit, dass wir uns bei allen marktwirtschaftlichen Prinzipien auf die Grundwerte unserer Kultur, auf Solidarität und Teilhabe besinnen und dass wir entschlossen für diese Werte eintreten.

Anlässlich der Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2011 sagte Frau Bundesministerin Schmied in ihrer Ansprache folgendes: „Es ist Zeit, dass wir uns bei allen marktwirtschaftlichen Prinzipien auf die Grundwerte unserer Kultur, auf Solidarität und Teilhabe besinnen und dass wir entschlossen für diese Werte eintreten. Auf einer breiten politisch-ökonomischen Ebene werden wir dieses Umdenken aber nur schaffen, wenn wir einen Pakt mit der nächsten Generation eingehen.

Vorerst wäre schon zu hinterfragen, ob Solidarität und Teilhabe auch wirklich Grundwerte hierzulande sind, bzw. wessen Grundwerte sie darstellen. Die Frage des „Wer spricht?“ stellt sich in diesem Zusammenhang einmal mehr. Noch mehr stellt sich die Frage, wer denn diese Werte definiert und eine Wertenorm entwirft, deren sich alle zu „unterwerfen“ haben.

Bitte nicht falsch verstehen: Solidarität und Teilhabe sind entscheidende Parameter für eine demokratische Gesellschaft. Doch den Worten muss auch Substanz verliehen werden, um sie nicht zu Worthülsen verkümmern zu lassen.

Solidarität verstehen wir als gelebte Verbundenheit und als das Herbeiführen von Veränderungen, die diese Verbundenheit stärken“, hat die IG Kultur Österreich in ihrer Vision stehen. Es geht um die Aktivierung des Begriffs im Gegensatz zum gängigen Verständnis von Solidarität als ein Nach-Außen-Verlagern oder Delegieren von Unterstützung. Solidarisch sind wir alle schnell, weil damit per se noch keine Handlung verbunden ist. Aber das Handeln ist es, welches erst dazu führt auch Veränderungen zu bewirken.

Auch Teilhabe, als hübscher Begriff, birgt ein ähnliches „Gefahrenpotential“ in sich. Wie in der Rede von Frau BM Schmied, ist es ein Begriff, der schön klingt, der aber auch dazu dient, reale Ungleichheiten zu kaschieren und sich über Missstände hinweg zu schwindeln.

Denn echte Teilhabe heißt, dass der Zugang zur Ressourcen gleich aufgeteilt ist, heißt dass eine Debatte über Verteilungsgerechtigkeit geführt wird.

Wenn es kulturpolitisches Ziel ist, diese „Werte“ im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern, dann ist das lobenswert, doch die konkreten Maßnahmen dazu müssen geschaffen werden. Von Verteilungsgerechtigkeit kann z.B. im Kulturbudget des Bundes nicht gesprochen werden, wenn – wie Juliane Alton ausführte „den Ausgaben des BMUKK für die Bundestheater (142 Millionen) nur etwa 91 Millionen für die Förderung aller anderen Anbieter innerhalb der Kunstsektion gegenüber stehen.“ Der Zugang zu Ressourcen müsste sich auch über einen Zugang (eine Zugangsmöglichkeit) für im bürgerlichen Kulturbetrieb unterrepräsentierte Gruppen zu den Angeboten finden.

Was zu Teil zwei des Redeauszugs von BM Schmied führt, dem Pakt mit der nächsten Generation. Wenn die nächste Generation einmal pauschal mit dem Begriff Jugend übersetzt werden kann, zeigt sich, dass das kulturpolitische Verständnis des BMUKK den realen Bedingungen hinterher hinkt. Konzepte und Programme, die vorgelegt werden, zielen auf den Schulbereich ab, zielen auf institutionalisierte Jugendeinrichtungen ab, oder setzen zumeist voraus, dass eine Organisationsform vorhanden ist, die eine gewisse Legitimation mit sich bringt.

Doch Jugendkultur funktioniert nicht so, bzw. hat sie wahrscheinlich nie so funktioniert. Wenn es um zukunftsfähige Entwicklungen gehen soll, dann müssen Möglichkeitsräume geöffnet werden. Sowohl topologische als auch logische Räume, in denen experimentiert und gestaltet werden kann. Räume, die zulassen, ohne strikte Regelungen und ständiger Betreuung. Das zuzulassen erfordert Mut und ein großes Maß an Weitblick.

In beiden Fällen muss Kulturpolitik, die von ihr so gern zitierte Freiheit nicht nur auf die inhaltliche Ausrichtung künstlerisch-kultureller Produktion legen, sondern sich auch damit beschäftigen wie diese Freiheit in Bezug auf Ressourcen und Strukturen gewährleistet werden kann.

Stefan Haslinger, Geschäftsführer der KUPF, Obmann der IG Kultur Österreich und Botschafter der Europäischen Jahres der Freiwilligenarbeit 2011.

ALTERNATIVEN ZUM VERLUST DER KULTURPOLITIK:

Teil 26: Umverteilung ist eine Alternative. Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 25: Die engen Grenzen der Kunst. Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 24: Internationale Kulturpolitik zwischen Dialog, Selbstrepräsentation und Ausgrenzung. Von Franz Schmidjell
Teil 23: Kulturpolitik machen – für eine Verteilungsdebatte, jetzt! Von Juliane Alton
Teil 22: Umverteilung jetzt! Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 21: Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten. Von Andrea Roedig
Teil 20: Kunst irrt. Von Juliane Alton

Teil 19: Gipsy Dreams. Von Gilda-Nancy Horvath
Teil 18: Intervention zur Wienwoche. Von Ülkü Akbaba und Andreas Görg
Teil 17: Kulturpolitik für Menschen, nicht für Institutionen! Von Marty Huber
Teil 16: Mobilität statt Barrieren!. Von Petja Dimitrova
Teil 15: Alternativen zum Verlust der Kulturpolitik: Ein Zwischenresümee. Von Gabi Gerbasits

Teil 14: Von Schönheitsfehlern und Mißtönen abgesehen. Von Gerhard Ruiss
Teil 13: Lasst alle Hoffnung fahren. Von Otto Tremetzberger
Teil 12: Soziale Lage? Oder Wallfahren für Linke. Clemens Christl
Teil 11: Ein Lüfterl oder ein Brain-Storm? Gottfried Wagner
Teil 10: Panic on the Streets of London. Michaela Moser

Teil 9: Gefällige Demokratur oder demokratische Kultur? Stefan Haslinger
Teil 8: Räume der kulturellen Tat. Marty Huber
Teil 7: Transparenz in der Kulturverwaltung - a never ending story. Juliane Alton
Teil 6: Musiktheater als bürgerlicher Selbstbedienungsladen? Juliane Alton
Teil 5: Zwei ökonomische Argumente, warum man sich bei der Kultur nichts erspart und ein Plan B. Paul Stepan

Teil 4: Eine Kulturpolitik für Alle und von Allen. Ljubomir Bratić
Teil 3: Abschminken ist angesagt! Michael Wimmer
Teil 2: Keine Angst vor den freien Szenen? Elisabeth Mayerhofer
Teil 1: Fehlt da jemand? Stefan Haslinger
Teil 0: Geht's noch? Marty Huber

 

 

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