Lasst alle Hoffnung fahren. Weil es keinen Sinn hat, auf Mainstreamberichterstattung zu warten.

Wir haben heute eine Situation, in der österreichische Medien, kommerzielle Private, der ORF und die Zeitungen einen ganzen Bereich, ein ganzes Feld des Österreichischen Kunst- und Kulturschaffens schlicht und einfach ignorieren.

Wir haben heute eine Situation, in der österreichische Medien, kommerzielle Private, der ORF und die Zeitungen einen ganzen Bereich, ein ganzes Feld des Österreichischen Kunst- und Kulturschaffens schlicht und einfach ignorieren. Während wir zum Beispiel praktisch alles über die Salzburger Festspiele und (auch aus dem Falter) über die Unterhosen von Charlotte Roche erfahren, was viele von uns wahrscheinlich nicht einmal wirklich wissen wollen, lesen, sehen und hören wir nichts oder genau genommen sehr wenig über das was sich abseits der Events, der Festivals, der großen Museen, der Landes – und Stadttheater usw. tut.

Natürlich. Dass die Kulturberichterstattung in den österreichischen Medien eine Katastrophe ist, ist nichts Neues. Nicht nur zahlreiche Kulturschaffende jammern seit Jahren über den Niedergang des Qualitätsjournalismus im Allgemeinen und des Kulturjournalismus im Besonderen. Neu ist vielleicht die Dimension ihres Niedergangs. Wohin der Trend nämlich nachweislich führt, hat der schrullige Schweizer Mediensoziologe Kurt Imhof am 14. Juni der versammelten Medienbranche am Beispiel der „Qualität der Informationsprogramme in Gegenwart und Zukunft“ in der Schweiz drastisch vor Augen geführt. Die Schlagworte des Vortrags genügen an dieser Stelle: „Empörungsbewirtschaftung“ „Personalisierung“ „Privatisierung“ „Konfliktilisierung“ „Skandalisierung“ „Human Interest“ „Boulevardisierung“.* Dass in diesen von Imhof skizzierten „neuen Aufmerksamkeitslandschaften“ die „Freie Kulturarbeit“ oder der „Dritte Sektor“ oder wie die IG Kultur in ihrer „Mission“ es heute bezeichnet: „emanzipatorische Kulturarbeit“ es zunehmend schwerer hat, Gehör zu finden, liegt auf der Hand.

Leistung und Gegenleistung
Zum vielzitierten „Kampf um Aufmerksamkeit“, den Medien und Politik gerne auch mit öffentlichen Geldern führen, kommt noch die banale Ökonomie: Kulturberichterstattung, wo sie überhaupt noch stattfindet, funktioniert heute fast überall nach dem Prinzip „Leistung und Gegenleistung“. Wer es sich nämlich leisten kann, schaltet Inserate und Veranstaltungstipps. Die Größeren unter den Kleinen finanzieren Sonderbeilagen, die sie auch selber schreiben dürfen, sollen oder müssen, je nachdem. Bezahlte redaktionelle Beiträge, die so gut wie nie als solche ausgewiesen werden, sind das Geschäft der kommerziellen Privatmedien und das Offene Geheimnis des ORF. Wo kein echtes Geld fließt, baut man mindestens auf Medienpartnerschaften & Kooperationen. Auf den Flyern, Plakaten und Rollups sind die Logos jener Medien platziert, die dann oft auch als einzige über ein Kulturereignis berichten. Ob sie das wollen, können, dürfen oder müssen ist vielleicht verhandelbar. Leistung und Gegenleistung.

Die Ignoranz, die manche Medien der „emanzipatorischen Kulturarbeit“ (für deren Förderung die öffentliche Hand immerhin jedes Jahre Millionen ausgibt) gegenüber an den Tag legen, lässt sich freilich nicht nur strukturell und wirtschaftlich erklären. Wie man es auch anlegen wollte und könnte. Es gibt einfach Dinge, die werden von der sogenannten „bürgerlichen Presse“ (und dem ORF) einfach und dauerhaft ignoriert. (Just der Boulevard ist dabei oft erstaunlich offen.) Wie immer muss man sich an dieser Stelle natürlich fragen: War denn früher alles anders und besser? Ich kann es nicht sagen. Auf jeden Fall (um wieder auf Kurt Imhof zu kommen) sieht alles danach aus, dass es mit den konventionellen Medien schlechter oder noch schlechter wird.

Und die Alternativen?
Nicht wenige Printmedien & Programmhefte, mit denen viele Initiativen früher einmal ihr Klientel („Zielgruppen“) bedienen konnten, sind schon vor Jahren der Reform des „Begünstigten Postzeitungstarifs“ zum Opfer gefallen. Übrig geblieben sind leider oft solche eher sperrigen Periodika wie in Oberösterreich die „KUPF Zeitung“ oder die „Kulturrisse“, die den herben Charme von ideologiegestählter Funktionärslektüre versprühen – schwer lesbare Printmedien in denen viel von „Hegemonie“ die Rede ist und deren Artikel häufig mit „Versuch über...“ oder „Exkurs zu ...“ beginnen. Dafür, eine zumindest theoretisch interessierte Öffentlichkeit für die Vorzüge der „emanzipatorischen Kulturarbeit“ zu begeistern, taugen sie jedenfalls nicht. Ich darf das übrigens behaupten. Denn ich habe schon mindestens 7 Beiträge für die Zeitung der KUPF geschrieben und ich erinnere mich an höchstens 2 oder 3 Reaktionen in den ganzen Jahren. Wie schon die Parteien tun sich auch die kulturpolitischen Bewegungen schwer in ihrer Rolle als Herausgeber. Wie geht’s weiter? Es ist, meine ich, ziemlich unvorstellbar, dass sich bei den herkömmlichen Printmedien aus Sicht der „emanzipatorischen Kulturarbeit“ noch etwas verbessern wird. Ausnahmen bestätigen die Tendenz nach Unten.

Man hat zwar einmal die „Zensur der Presse“ abgeschafft, aber die „Zensur durch die Presse“ besteht weiter. (frei nach Franz Blei) Die von Leuten wie Armin Thurnher immer wieder vorgebrachte Sehnsucht nach „weltoffenen und liberalen Verlegerpersönlichkeiten“ der guten alten Zeit, ist ein feuchter Traum und der Falter selbst, hin und her treibend zwischen Aufdeckungs-, Befindlichkeits- und „Spezl“-Journalismus ist übrigens auch nicht gerade das Sprachrohr der „emanzipatorischen Kulturarbeit“. Besonders die Hoffnung vieler Kulturschaffender (auch der nichtemanzipatorischen!), dass der ORF demnächst zum Beispiel vielleicht mit dem Kultur- und Informationsprogramm ORF 3 ihre lange Durststrecke endlich beenden würde, ist im besten Fall naiv. Schon gar keinen TV-Gebührenscent sollte man auf die kommerziellen Privaten setzen. Als „klares Signal für Kulturberichterstattung in Österreich“ und natürlich als Kampfansage an den ORF hat etwa ATV vor 2 Jahren ein eigenes Kulturmagazin gelauncht. „Higlights“ – der Titel des Formats ist freilich Programm. Der Sender wirbt mit „Publikumslieblingen“, „Stars“, „erfolgreichen Schriftstellern“ und „großen Außenseitern“.

Und wirkliche Alternativen?
Es gibt sie. Freie Radios und Community TV-Sender wie „okto“ in Wien oder „dorf tv“ in Oberösterreich. Immerhin 2 Millionen steuert der Bund über die RTR heuer zur Finanzierung bei – für 15 Radios und 2 TV-Sender. Kulturelle Inhalte bilden das programmliche Rückrat. Vor allem solche, die nirgendwo sonst medial gefeatured werden, Den nichtkommerziellen Sendern eilt – auch unter Kulturschaffenden – häufig leider ein sektiererischer Ruf voraus. Völlig zu Unrecht, wie beispielsweise eine breit angelegte Umfrage unter 1000 OberösterreicherInnen wieder einmal gezeigt hat. Demnach liegt das Grundpotential von dorf tv im oberösterreichischen Zentralraum statistisch bei rund 130.000 Personen über 15 Jahren, was rund 25% im Kernversorgungsgebiet entspricht. Überraschend viele vermissen nämlich „Meinungsvielfalt“, „Unabhängigkeit“, „Offenheit“ oder „Transparenz“ bei ORF- und Privatsendern, sind sozial, kulturell oder politisch interessiert und engagiert, erwarten sich mehr regionale Inhalte und Themen und vor allem „unabhängige und kritische Berichterstattung“. Die Studie zeigt: Viele stehen der herkömmlichen Medienlandschaft deutlich kritisch gegenüber, sehen ihre Anliegen, Inhalte und Interessen nicht vertreten und sind empfänglich und bereit für Alternativen. Ob ein Sender wie dorf tv sein Potential erreicht, hängt von unterschiedlichen Faktoren ob: Vom Sender selbst und den Fähigkeiten der Crew, von der Politik, ein solches Angebot zu fördern aber auch von den AkteurInnen der Zivilgesellschaft & der „emanzipatorischen Kulturarbeit“, ein solches Angebot als Chance zu verstehen und auch zu nutzen, die eigene Arbeit, das eigene „emanzipatorische“ Schaffen sichtbar, greifbar, spürbar zu machen. Eine andere Chance gibt es vorerst oft nicht. Und es ist wirklich an der Zeit, die lähmende Hoffnung auf Mainstreamberichterstattung fahren zu lassen.

* Imhof Vortrag PDF Download

Otto Tremetzberger arbeitet für nicht-kommerzielle Medien in Oberösterreich.

 

ALTERNATIVEN ZUM VERLUST DER KULTURPOLITIK:

Teil 26: Umverteilung ist eine Alternative. Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 25: Die engen Grenzen der Kunst. Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 24: Internationale Kulturpolitik zwischen Dialog, Selbstrepräsentation und Ausgrenzung. Von Franz Schmidjell
Teil 23: Kulturpolitik machen – für eine Verteilungsdebatte, jetzt! Von Juliane Alton
Teil 22: Umverteilung jetzt! Von Elisabeth Mayerhofer
Teil 21: Die Wissensgesellschaft und ihre freien Idioten. Von Andrea Roedig
Teil 20: Kunst irrt. Von Juliane Alton

Teil 19: Gipsy Dreams. Von Gilda-Nancy Horvath
Teil 18: Intervention zur Wienwoche. Von Ülkü Akbaba und Andreas Görg
Teil 17: Kulturpolitik für Menschen, nicht für Institutionen! Von Marty Huber
Teil 16: Mobilität statt Barrieren!. Von Petja Dimitrova
Teil 15: Alternativen zum Verlust der Kulturpolitik: Ein Zwischenresümee. Von Gabi Gerbasits

Teil 14: Von Schönheitsfehlern und Mißtönen abgesehen. Von Gerhard Ruiss
Teil 13: Lasst alle Hoffnung fahren. Von Otto Tremetzberger
Teil 12: Soziale Lage? Oder Wallfahren für Linke. Clemens Christl
Teil 11: Ein Lüfterl oder ein Brain-Storm? Gottfried Wagner
Teil 10: Panic on the Streets of London. Michaela Moser

Teil 9: Gefällige Demokratur oder demokratische Kultur? Stefan Haslinger
Teil 8: Räume der kulturellen Tat. Marty Huber
Teil 7: Transparenz in der Kulturverwaltung - a never ending story. Juliane Alton
Teil 6: Musiktheater als bürgerlicher Selbstbedienungsladen? Juliane Alton
Teil 5: Zwei ökonomische Argumente, warum man sich bei der Kultur nichts erspart und ein Plan B. Paul Stepan

Teil 4: Eine Kulturpolitik für Alle und von Allen. Ljubomir Bratić
Teil 3: Abschminken ist angesagt! Michael Wimmer
Teil 2: Keine Angst vor den freien Szenen? Elisabeth Mayerhofer
Teil 1: Fehlt da jemand? Stefan Haslinger
Teil 0: Geht's noch? Marty Huber

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