Die Bretter, die das Geld bedeuten

Elke Strobl im Gespräch mit God’s entertainment Was kann das Theater heute noch bewegen? In Konkurrenz zum Fernsehleitspruch „größer, greller, geiler“ ist es heute oft kein Instrument der Reflexion und Ort der politischen Auseinandersetzung, sondern ein Treffpunkt der schnöden Gesellschaft und der Selbstverliebten. Ende des Jahres wollte die Theaterund Performance-Gruppe God’s Entertainment mit dem von ihnen kuratierten Festival Real Deal gegen die Kommerzialisierung von Kunst und Kultur protestieren.  In Zusammenarbeit mit der Installationskünstlerin Christina Kubisch, dem Performance-Netzwerk geheimagentur, Choreographin Ann Liv Young, Rapperin und Produzentin Lady Leshurr und vielen anderen stellten sie sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Wiener WUK die Frage, was passiert, wenn Kunst nur noch anhand der Wirtschaftlichkeit und als einseitiger Prozess für KonsumentInnen geschaffen wird. 
Gods Entertainment

Elke Strobl— Welche Funktion hat das Theater in unserer Gesellschaft? 

God’s Entertainment—Wenn ich mir vornehme, ins Theater zu gehen, dann denke ich kaum daran: Heute möchte ich mich politisch oder gesellschaftlich positionieren oder gar, dass mir der Abend unangenehm (nicht nur physisch) werden könnte. Die Funktion des meisten heutigen Theaterprogramms kann mit der Wirkung einer Heroinoder Opiumdosis verglichen werden. Da das Theater zu 99% von EgozentrikerInnen dirigiert wird, wird es seine Möglichkeit der politischen und gesellschaftlichen Bildung so schnell nicht wiederherstellen. 

Elke Strobl— Ende des Jahres habt ihr bei Real Deal-Festival der postspekulativen Kultur im WUK in Wien die Kommerzialisierung von Kunst und Kultur angeprangert – wie sieht denn diese Kommerzialisierung konkret aus? 

God’s Entertainment—Die Kommerzialisierung des Theaters macht aus einem Theater ein Geschäft. Ein Theater also, das Großteils gewinnorientiert ist und das den Gewinn im kommerziellen Programm sucht, um die KonsumentInnen schematisch zu befriedigen. Das Theater Globe Wien in der Marx Halle im dritten Bezirk ist ein gutes Beispiel dafür: Der gesamte Gewinn und die Kosten des Theaters sind mit den Kartenund Privatinvestmenteinnahmen abgedeckt. 
Real Deal! versucht diese Zustände zu problematisieren,
um einen Diskurs aufzubauen, in dem diese Arten der Spekulati-
on auf Gewinn transparent werden. In der spekulativen Kultur werden die Zustände erzeugt, die in so einem postspekulativen ∂ Format wie Real Deal! hinterfragt werden. Wir suchen nicht KonsumentInnen, sondern KomplizInnen dieser Zustände. 

Elke Strobl— Teil des Festivals war auch Im 9. Himmel, wo ihr schon vor den Performances auf Plakaten angekündigt habt, im WUK würden Penthäuser, Platz für Gewerbe und KünstlerInnen sowie Sozialwohnungen entstehen. Welche Reaktionen habt ihr euch davon erwartet und welche kamen denn tatsächlich von den Menschen und Medien? 

God’s Entertainment—Dieses fiktive Konzept kündigte eine Umwandlung des WUK in den Wohnund Kulturpark an und behauptet neben der zukünftigen gewerblichen und kulturellen Nutzung des Areals u.a. die Schaffung von sozialem Wohnbau, den Bau von luxuriösen Penthäusern und einer Tiefgarage unter dem Areal des WUK. 
Damit wollten wir die Themenfelder privater und öffentlicher Raum, Wohnraum in Wien, Raumbedarf für Kunst und Kultur, öffentliche und private Finanzierung, Investition und Spekulation hinterfragen. Das WUK sollte in diesem Zusammenhang nicht zuletzt exemplarisch zu verstehen sein, da wir eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit aktuell virulenten Fragen von Raumplanung und Stadtentwicklung und die damit verbundenen ökonomischen Rahmenbedingungen in Wien anstreben. 
Wir haben uns natürlich Reaktionen erwartet, die eine Umnutzung des WUK Wien befürworten oder ablehnen. Diesbezüglich hat es viele Reaktionen von NachbarInnen oder aber auch PolitikerInnen gegeben. Bezüglich der vermietbaren Flächen waren die meisten Personen an Penthouse-Wohnungen im Premiumsegment und Gewerbeflächen interessiert. Das Projekt wurde aber leider zu früh verraten, als dass es den gewünschten größeren Diskurs hätte auslösen können. 

Elke Strobl— Ihr kritisiert ja Theater, die nur darauf aus sind, KonsumentInnenwünsche zu bedienen und ihren Gewinn zu maximieren. Aber sollten Theater nicht auch da sein, um Menschen anzulocken? Denn die Alternative wäre ja eventuell, vor einem leeren Haus zu spielen – Kunst, die keiner sieht, existiert ja nur noch für sich selbst, in einem abgehobenen, leeren Raum ... 

God’s Entertainment—Diese Frage ist in einer erwarteten Haltung bereits beantwortet. Aber die erwähnte Alternative, vor einem leeren Haus zu spielen, widerspricht sich mit der Aufgabe der künstlerischen Arbeit, weil diese sich nicht rechnen darf oder braucht. Das sollte sie nicht, weil das nicht ihre Aufgabe ist. Wir glauben, das Risiko vor einem leeren Haus zu spielen, muss man auf sich nehmen, solange man sich abseits des Mainstreams befindet. Bezüglich der Frage: Sollte Theater nicht auch da sein, um Menschen anzulocken? Das macht es bereits, weil es schon längst vom konsumpolitischen Virus angesteckt ist. Und das Theaterpublikum will sich genauso in der Kulturindustrie wiederfinden, um sie zu melken bzw. gemolken zu werden: „Wenn ein globaler Popstar in die Menschenmenge ruft: ,I love you’, dann ist er völlig aufrichtig. Er liebt diese Massen, weil er sie melkt, und diese Massen lieben ihn, weil sie es offensichtlich genießen, gemolken zu werden.“ 

Elke Strobl— Ihr macht eure Performances zwar oft im öffentlichen Raum aber teilweise auch in kommerzialisierten Stätten. Warum zieht es euch auch immer wieder an Orte wie das WUK, und steht das nicht in Widerspruch zu dem, was ihr propagiert? 

God’s Entertainment—An öffentlichen Räumen wird das, was uns immer wieder gesagt wird, also das Theater sei eine Lüge und Illusion, eliminiert, außer es stellen sich TheaterfestivalintendantInnen selbst hin und verkünden: „Keine Angst, es ist nur Theater!“ Wir sind auch der Ansicht, dass man die Häuser bespielen muss, nur sollte man die nicht so nehmen, wie sie sind, sondern man sollte versuchen, sie zu ändern. Außerdem wollen wir natürlich auch die Häuser mit unserer finanziellen Förderung unterstützen, und man kann auch nicht immer im Freien spielen, vor allem weil es im Winter viel zu kalt ist. 

Elke Strobl— Was sind eure Forderungen – an die Gäste und an die Politik? 

God’s Entertainment—An die Gäste: Tomaten mitnehmen und Buh rufen, wenn es schlecht ist. Rausgehen und andere mit rausholen, wenn es langweilig ist. Fünfmal Applaus, wenn es gut ist. Das Theater als Zustand, als Ort der Auseinandersetzung wahrnehmen. 
An die Politik: Die Jurys und Posten stets mit objektiv agierenden Menschen besetzen. Einige JurorInnen der Vergangenheit waren nicht für diesen Job geschaffen. 

Elke Strobl— Euer Rat an junge, freie Kulturinitiativen? 

God’s Entertainment—Dem Zwang, aufgrund von Ego, Erfolg oder Geld oder Ähnlichem produzieren zu müssen, erst nach dem zehnjährigen Jubiläum der/des Kunstschaffenden oder der Gruppe nachzugeben. Dann bleibt man wenigstens zehn Jahre als Mensch einigermaßen cool, auch wenn die eigenen Projekte scheiße sein sollten. 

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