Sind wir noch zu retten? Die Geschichte der freien Kultur und seiner Vertretung.

30 Jahre feiern einige Interessensvertretungen für Kunst und Kultur in diesem Corona Jahr – zum Beispiel die IG Kultur, aber auch die Landesorganisationen IG Kultur Wien und IG KIKK in Kärnten. Aber die meisten anderen zählen ähnlich viele Kerzen auf ihrer Torte. Die Geschichte der Organisationen ist Teil der Geschichte der freien Kultur, die wiederum Teil der Geschichte sozialer und politischer Bewegungen war und ist. Gerald Raunig sagt in seiner Keynote am Symposium „30 Jahre (S)Zähne zeigen“ der IG Kultur Wien deshalb auch, dass der genaue Geburtstag irgendwann 1990 gar nicht so relevant ist, der Ursprung liegt in den Jahrzehnten davor.


Geschichte IG Kultur, Interessensvertretung, Freie Szene

Konkreter wird es spätestens mit der 68er Bewegung. In den 80ern wird die Entwicklung „bürokratisch verortbar“ wie Raunig es nennt. Wenig später sprechen wir schon von einer Szene, die sich professionalisiert und für ihre Interessen lobbyiert. 
Was „ihre“ Interessen sind, ist oft gar nicht so leicht festzumachen, ist der Bereich doch genauso heterogen wie gerne mit internen Grabenkämpfen beschäftigt.
Was Jugendbewegung, Studiproteste und Ausläufer der Antiatombewegung war, mündete in Hausbesetzungen und Protestaktionen, getrieben von einer Lücke, einem Mangel an Räumen und Entfaltungsmöglichkeiten, eine Ablehnung verkrusteter Strukturen und mangelnder Aufarbeitung der Nazizeit, Kritik an der Wachstumslogik und problematischen Stadtplanung. Kaum auszudenken, wie unsere Städte heute aussehen würden: Ohne diese Bewegungen wäre der Wiener Naschmarkt heute eine Autobahn, es gäbe kein WUK, keine Arena, keine KAPU und sicherlich keine freie Szene, wie wir sie heute kennen. Die damit entstehenden Visionsräume manifestieren sich in den erkämpften Räumen, später in Vereinen und schließlich in Verbänden und Dachverbänden. 

Damals haben sie verhindert, dass unsere Städte zu Rastern an Wohn und Kaufsilos werden, sich heruntergekommene alte Fabrikhallen für Konzerträume und Ateliers erkämpft, die sie noch selbst revitalisieren mussten. Heute sind sie unsere kulturellen Nahversorger, Begegnungszonen, Experimentierlabors für eine neue Gesellschaft. Dafür ist der Sektor heute aber auch ganz schön viel mehr mit dem Schreiben von Anträgen als mit dem von Protesttafeln beschäftigt. Das bedeutet auch etwas. 



Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Kulturarbeit stattfinden, haben sich in dieser Geschichte stark verändert, auch in den letzten 30 Jahren nicht weniger drastisch, als in jenen davor, auch wenn Internationalisierung und Professionalisierung eine weniger imposante Wahrnehmung genießen, wie Hausbesetzungen. Alle, die wir darin arbeiten, uns bewegen, uns begegnen, haben uns mit verändert. Darüber nachzudenken, was das bedeutet, kann uns vielleicht dabei helfen, zu überlegen, wo wir damit hinwollen

 

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