Johanna Vuolasto: Zugang zu Kunst und Kultur als Menschenrecht

In Finnland ist Kunst und Kultur in das Sozial- und Gesundheitswesen implementiert. Dafür mussten verschiedene Sektoren und vier Ministerien an einem Strang ziehen. Da Zugang zu Kunst und Kultur Gesundheit und Wohlbefinden stärkt und Depression und Demenzerkrankungen erwiesen lindert, leitet Johanna Vuolasto daraus ein „kulturelles Bürger*innenrecht“ ab. Ein Interview.
Kunst Kultur als Menschenrecht Kulturelle Rechte Foto: Anastasia Dulgier

Patrick Kwasi: Sie schreiben in ihrem Artikel, dass Kunst und Kultur in Finnland Teil des Gesundheits- und Sozialwesens sind. Wie ist es dazu gekommen? 

Johanna Vuolasto: Das war ein langer Weg, aber diese sektorübergreifende Zusammenarbeit überdauert nun schon zwei Regierungsperioden. Implementiert wurde es in Zusammenarbeit von vier Ministerien. Eines der Schlüsselprojekte der vergangenen Regierung war es, Kunst als Regelmaßnahme des Sozial- und Gesundheitswesens zu implementieren. Das wollte man umsetzen, weil man wusste, dass Kunst Gesundheit und Wohlbefinden fördert. 


Kwasi: Wie hat das geklappt?

Vuolasto: Es wurde daran gearbeitet, neue Möglichkeiten dadurch zu bieten, Kunst und Kultur ins Gesundheits- und Sozialwesen zu integrieren, es als Mittel zu betrachten, das Gesundheit und Wohlbefinden fördert. Der wichtigste Schritt war es, die Ziele und Agenden der einzelnen öffentlichen Stellen zu erkennen, die man dafür braucht. Man muss lernen, die Sprache der jeweils anderen zu sprechen. Ein Beispiel: Das Ministerium für Bildung und Kultur legt den Fokus darauf, die kulturellen Rechte der Bürger*innen zu realisieren. Finanzministerium, Städte und Gemeinden wollten Vitalität, aber auch bürgerliche Partizipation sicherstellen. Für das Arts Promotion Centre Finnland (Taike), das dem Ministerium für Bildung und Kultur unterstellt ist, ging es zentral darum, neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Kunstschaffende zu finden und eine kunstfreundliche Kultur zu fördern. Darüber muss man sich verständigen.  


Kwasi: Welche Effekte hat man sich davon versprochen?

Vuolasto:  Das Schlüsselprojekt, das iniziiert wurde, wollte das Konzept verbreiten, Akteur*innen aktivieren, neue Netzwerke kreieren und die Aktivitäten sichtbar machen. Die Zusammenarbeit zwischen den Agierenden des Sozial- und Gesundheitswesens sowie des Kunst- und Kultursektors konnte gesteigert werden und hat an verschiedenen Orten in Finnland ein gewisses Momentum kreiert, welches im Gegenzug das Verständnis für Kunst und Kultur, aber auch die Nachfrage im Sozial- und Gesundheitswesen dafür gesteigert hat. 
Am Ende des Programms haben die Ministerien für Soziales und Gesundheit sowie Bildung und Kultur in einer gemeinsamen Aussendung Empfehlungen für Länder und Gemeinden abgegeben, welche die Integration von Kunst in das Sozial- und Gesundheitswesen betrafen. Es handelte sich um ein Papier für politische und operative Führungspersonen von Ländern und Gemeinden, aber auch für Beamte, die in die Sache involviert sind. 


Kwasi: Sie ziehen in ihrem Artikel Schlüsse für ein Recht jedes Menschen auf Zugang zu Kunst. Was meinen Sie damit?

Vuolasto: Menschen, die sich in künstlerischen und kulturellen Aktivitäten engagieren fühlen sich weniger marginalisiert, haben einen besseren Selbstbezug und leiden seltener an Demenz als die Kontrollgruppen aus den Studien. Es gibt einen Zusammenhang zwischen kulturellem Kapital und sozialer Inklusion, Wohlbefinden, Zufriedenheit und Bedeutsamkeit des eigenen Lebens. Deshalb ist es wichtig, sicherzustellen, dass die kulturellen Rechte der Bürger*innen gesichert sind. 

Dieses Jahr wurde in Finnland ein Modellversuch unternommen, die Menschenrechte an Kunst und Kultur am „1% Prozent Prinzip“ zu exemplifizieren: Ein Prozent der wöchentlichen Zeit kommt auf ca. 100 Minuten. Das Ziel ist es, die kulturellen Rechte der Menschen zu wahren und Ungleichheit zu reduzieren, denn sogar jene Menschen, deren Teilhabe einer Hilfestellung bedarf, sollten die Möglichkeit haben, genau diese 100 Minuten pro Woche in Kunst und Kultur investieren zu können. 
Schließlich muss man sagen: Kunst ist Kunst – auch noch im Krankenhaus. Und wir brauchen Kunst, um uns wie Menschen zu fühlen. 


 

Johanna Vuolasto, TAIKE (Arts+Health)

 

Johanna Vuolasto ist Sachverständige und Koordinatorin des Programms zur Förderung von Kunst und Wohlbefinden am Finnischen Zentrum für Kunstförderung (TAIKE). 

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