Kulturarbeit und Politischer Antirassismus

Antirassistisches Positionspapier der IG Kultur Österreich


Warum Politischer Antirassismus in der Kulturarbeit?

Ein zentrales Merkmal der politischen Kulturarbeit charakterisiert sich durch das Engagement für eine gleichberechtigte und sozio-kulturell diversifizierte Gesellschaft.

Antirassistisches Positionspapier der IG Kultur Österreich


Warum Politischer Antirassismus in der Kulturarbeit?

Ein zentrales Merkmal der politischen Kulturarbeit charakterisiert sich durch das Engagement für eine gleichberechtigte und sozio-kulturell diversifizierte Gesellschaft.

Hier gibt es einen engen Zusammenhang mit dem Konzept des Politischen Antirassismus, dem es um die Herstellung von gleichen gesellschaftlichen Bedingungen für diskriminierte, marginalisierte und ausgegrenzte Gruppen und Personen geht.

Aus der historischen Erfahrung der beispiellos rassistischen Verbrechen des Nationalsozialismus resultiert für Österreich eine besondere Verantwortung.

Zahlreiche Österreicherinnen und Österreicher waren am Genozid von Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti sowie an der Ermordung von politisch Andersdenkenden aktiv beteiligt. Die Etablierung einer demokratischen Kultur muss sich allen Kontinuitäten von Rassismus und Menschenverachtung entschlossen widersetzen.

Rassismus in der Gesellschaft kann nicht abseits von Diskriminierung gesehen werden. Diskriminierung bedeutet in politischer Hinsicht Ausschluss von bestimmten Rechten, in sozialer Hinsicht die Erfahrung von Vorurteilen und Ausgrenzungen.

Davon betroffen sind Menschen, die aufgrund ihrer ethnischen, sozialen oder religiösen Zugehörigkeit oder ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung erfahren. Dazu gehören unter anderem die gesetzlich anerkannten Volksgruppen, Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge, Frauen, Lesben, Schwule, Transgender sowie Menschen mit Behinderung.

Rassismus äußert sich in historisch gewachsenen Strukturen der Ungleichheit. Ihnen liegt das Interesse zugrunde, in Abgrenzung gegenüber explizit rassistisch definierten Merkmalen (z.B. aufgrund der Herkunft, Hautfarbe, Religion) eine kulturelle und ökonomische Hegemonie zu rechtfertigen und durchzusetzen.

Am deutlichsten wird dieses System der Ungleichheit in der so genannten Globalisierung. Die weltweite neoliberale Wirtschaftsmacht hat eine Polarisierung bewirkt, die immer größere Teile der Menschen betrifft.

Einerseits wird die freie Zirkulation des Kapitals, der Güter, des Konsums und der produktiven Prozesse weltweit gefördert, die Mobilität der Arbeitskräfte und die freie Zirkulation der Menschen sind jedoch massiven Einschränkungen ausgesetzt, sobald Armut und/oder Diskriminierung den Ausschlag dafür geben.

Vor diesem Hintergrund globaler Entwicklungen unterscheidet sich der Politische Antirassismus dezidiert von Konzepten eines psychologisierenden, moralisierenden und individualisierenden Antirassismus, die das Phänomen Rassismus anhand von Einzelursachen und der Verantwortung meist sozial benachteiligter Schichten zu erklären versuchen.

Rassismus muss als konstituierendes Kennzeichen eines gesellschaftlichen Systems der Ausgrenzung und Diskriminierung bekämpft werden. Nicht der Dialog mit den hegemonialen Kräften steht dabei im Vordergrund, sondern ein selbstbestimmter Empowerment-Prozess von politisch handelnden Subjekten, die nicht als Opfer gesehen werden wollen.


Die IG Kultur Österreich und der Politische Antirassismus

Der strukturelle Rassismus bildet in der Gesellschaft ein feindliches Umfeld der Ausgrenzung, die eine Selbstorganisation zur Folge haben muss. Gegenüber diesem feindlichen Umfeld darf sich politische Kulturarbeit gerade aufgrund ihrer Selbstdefinition nicht gleichgültig verhalten.

Politische Kulturarbeit ist schließlich grenzüberschreitend, durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft und entwickelt Gegenmodelle zu bestehenden Geschlechterkonstruktionen, nationalstaatlichen Modellen und sozialen Hierarchien.

Die IG Kultur Österreich schließt sich daher der Forderung nach Gleichheit und der Beseitigung aller Diskriminierung an.

Diese Position stimmt mit dem Ziel der Politisierung von Kulturarbeit und Kulturpolitik überein. Ein Ziel, das die IG Kultur in Anbetracht der immer stark werdenden Durchsetzung und Ausbreitung des Neoliberalismus, der monopolisierenden Wirtschaftsmacht, der Verdrängung der Politik und der Entsolidarisierung in der Gesellschaft noch stärker als bisher verfolgen will.


Die IG Kultur Österreich setzt sich für folgende Ziele ein:


Durchsetzung von antirassistischen politischen Forderungen

Neben einer umfassenden Antidiskriminierung auf gesetzlicher Ebene fordert die IG Kultur Österreich:
 

  • die Einrichtung einer WohnbürgerInnenschaft

  • allgemeines freies und gleiches Wahlrecht für alle

  • die Erweiterung des verfassungsrechtlichen Gleichheitsgebots auf alle Menschen, die in Österreich leben


Im Bereich der Kulturpolitik fordert die IG Kultur:
 

  • Zugang zu Förderungen, Stipendien und Preisen für alle in Österreich wohnhaften Menschen, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit

  • Paritätische Besetzung von Kulturbeiräten in der Höhe des Anteils von Migrantinnen und Migranten sowie der ethnischen Minoritäten an der Bevölkerung

  • nicht nur eine gleichberechtigte Förderung, sondern auch eine kulturpolitische und förderpolitische Bevorzugung von kultureller Betätigung von Migrantinnen und Migranten sowie der ethnischen Minoritäten

  • die Anerkennung und Förderung der kulturellen Beiträge von sozial benachteiligten Gruppen als Kulturarbeit und kritische Stellungnahme gegen die Einschränkung auf den Sozialbereich


Instanz bei Diskriminierung und Rassismus im Kulturbereich

Die IG Kultur Österreich versteht sich in diesem Sinne als eine Beratungs-, Interventions- und Anlaufstelle für Menschen und Gruppen, die im Kulturbereich mit rassistischer Diskriminierung konfrontiert sind (z.B. bei der Vergabe von Stipendien, Preisen und Förderungen).


Etablierung des Politischen Antirassismus als integraler Bestandteil der Kulturarbeit

Im Zusammenhang mit der Zielsetzung zur Politisierung der Kulturarbeit werden Ansätze des politischen Antirassismus stärker an Kulturinitiativen vermittelt.

Dies soll eine Sensibilisierung für Rassismus und die Betroffenen bewirken, die Veränderungen auf der Ebene der Schwerpunktsetzung, der Programmerstellung, der Definition von Zielgruppen (Minoritäten werden oft nicht als Publikum wahrgenommen) sowie der Teilnahme von diskriminierten Personen bei der Mitgestaltung in den Kulturinitiativen herbeiführen soll.


Beseitigung von Zugangsbarrieren

Die Frage nach der Schaffung bzw. nach der Erweiterung des Zugangs von Migrantinnen und Migranten sowie von Angehörigen ethnischer Minoritäten - sowohl als Produzierende als auch als Publikum - innerhalb des Kulturbereichs kann nicht isoliert von anderen gesellschaftlichen Bereichen betrachtet werden.

In diesem Sinn positioniert die IG Kultur Österreich ihre Arbeit in starker Verbindung mit der von anderen Organisationen und Gruppen, die sich in ihren jeweiligen Aktionsfeldern für die Schaffung von gleichen Bedingungen für diskriminierte, marginalisierte und ausgegrenzte Gruppen und Personen einsetzen. Hier geht es vor allem um eine politische Arbeit, die Veränderungen auf der Ebene der gesellschaftlichen Strukturen verfolgt.

Zentrale Strategien bilden Formen der Sichtbarmachung von Diskriminierung, Ausgrenzung und Ungleichheiten. Dazu sollen gezielt Allianzen mit Gruppen und Aktivitäten gebildet werden, die sich gegen hegemoniale Strukturen und Rassismus in der Gesellschaft richten.

Ressourcen und Organisationsstrukturen spielen bei der Realisierung dieser Strategien eine wichtige Rolle. Um hier mehr Gleichgewicht zu schaffen, ruft die IG Kultur Österreich alle Kulturinitiativen dazu auf, Personal, technisches Gerät, Räume und auch Finanzmittel vor allem Projekten zur Verfügung zu stellen, die sich den Zielsetzungen des Politischen Antirassismus widmen.

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