Wofür lohnt es sich?

Um die Problematik der Abwanderung von kulturpolitisch interessierten Jugendlichen zu bearbeiten, müssen freie Kulturinitiativen Angebote und Räume schaffen, für die es sich zu bleiben lohnt bzw. die das Zurückkommen vorstellbar machen. Dafür muss die jüngere Generation zum Mitdenken und Mittun aktiviert werden.
byerta Schuster

Viele Jugendliche am Land wachsen auf, ohne jemals nur die Möglichkeit gehabt zu haben, ein Punk Konzert, ein Theaterstück oder eine Lesung in ihrer Gemeinde besuchen zu können. Das liegt daran, dass es extrem schwer ist außerhalb der Ballungsgebiete Kulturräume zu schaffen, die nicht der Traditions- und Eventkultur zugrechnet werden. Wenn ich im Folgenden von freien Kulturinitiativen bzw. der freien Szene spreche, meine ich damit Projekte und Räume, die unabhängig, partizipativ und nicht gewinnorientiert arbeiten.

Neben einem interessanten Kulturangebot am Land ist auch die Art und Weise, wie diese Veranstaltungen organisiert und durchgeführt werden, entscheidend. Die freie Szene kann durch ihre inklusiven Formen der Kulturarbeit Jugendliche dabei fördern, Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und Kultur, am Land aber auch generell, hat eine wichtige gesellschaftspolitische Bedeutung, da diese Impulse zur Beschäftigung mit aktuellen und historischen Ereignissen, philosophischen Fragen und dem Alltag geben. Zeitgenössische Kunst und Kultur können zur Hinterfragung des Alltäglichen, Normalen, eh schon Gewussten und Bekannten, anregen. Die Arbeit freier Kulturinitiativen im regionalen Gebieten trägt damit maßgeblich zur politischen Sozialisierung (insbesondere der Jugendlichen) bei.

Ein gravierendes Problem der ländlichen Kulturarbeit ist jedoch gerade die Abwanderung der Jugend. Dafür gibt es mannigfaltige Gründe. Erstens gibt es in vielen Räumen eine ältere Generation an Kulturschaffenden, die nicht genug Handlungsspielräume für die Jüngeren aufmacht. Zweitens hängt die Problematik eng mit der unzureichenden Finanzierung der freien Kulturszene und den fehlenden Zukunftsaussichten im ländlichen Raum zusammen. Selbst wenn es gelingt, neue junge Menschen für ein Projekt zu gewinnen, ziehen diese häufig aus ihrem jeweiligen Heimatort weg, wenn sie anfangen zu studieren, oder sich einen Job suchen. Der motivierte Nachwuchs hat somit weder die Chance neue Orte/Projekte zu entwickeln, noch an der Ausgestaltung der bereits bestehenden mitzuwirken.

Um die Problematik der Abwanderung von kulturpolitisch interessierten Jugendlichen zu bearbeiten und damit diesen frustrierenden Kreislauf zu durchbrechen, müssen freie Kulturinitiativen Angebote und Räume schaffen, für die es sich zu bleiben lohnt, bzw. die das Zurückkommen vorstellbar machen. Dafür muss die jüngere Generation zum Mitdenken und Mittun aktiviert werden. Durch das Engagement vieler verschiedener Menschen innerhalb dieser Kulturräume können diese lokal wirksam werden, die Gesellschaft vor Ort verändern und damit ein besseres Leben für alle erwirken.

Kultur kann mehr als reine Unterhaltung sein

Freie Kulturinitiativen schaffen offenen Räume, die nicht von vornherein bestimmte Gruppen von Menschen ausschließen. Typische Ausschlusskriterien sind Geld/Einkommen, Geschlecht, Herkunft und kulturelle Zugehörigkeit. Innerhalb der freien Kulturszene wird versucht, diesen Ausschlussmechanismen etwas entgegen zu setzen. Durch Spenden-Konzepte anstatt von Fixpreisen können ökonomische Ungleichheiten bearbeitet werden. Ein diverses Programm sowie das aktive Miteinbeziehen von gesellschaftlich benachteiligten Gruppen können ebenfalls dazu beitragen, diese Räume inklusiver zu gestalten. Dadurch können kulturelle Räume auch zu Community- und somit zu sozialen Räumen werden, die eine erstmalige Vernetzung und ein Kennenlernen ermöglichen sowie den Austausch untereinander fördern.

Jenseits der üblichen Konsum- und Marktlogik

In vielen Kulturräumen innerhalb der freien Szene herrscht kein Konsum- und/oder Kaufzwang, und es wird versucht, auf die Bedürfnisse der Besucher*innen einzugehen und so eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen können.1 Dadurch, dass diese Räumen eben nicht gewinnorientiert sind, enthalten sie eine immanent politische Komponente. Nicht Unterhaltung und Konsum stehen im Mittelpunkt dieser Kulturprojekte, sondern eine Form von soziokultureller Arbeit, die das Miteinander stärkt und somit das Bewusstsein für eine solidarische, inklusive und demokratische Gesellschaft schärft.

Um diese Projekte zu entwickeln und um sie zu erhalten, braucht es nachhaltige, kontinuierliche und professionelle Kulturarbeit. Zurzeit basiert die Kulturarbeit am Land zu großen Teilen auf ehrenamtlicher und unbezahlter Arbeit. Das liegt einerseits an einem Versäumnis der lokalen Fördergeber*innen und der Politik, Kulturarbeit und künstlerische Arbeit als Arbeit anzuerkennen. Andererseits hängt dies mit der Tradition des ehrenamtlichen Engagements am Land generell zusammen. Viele Vereine, Organisationen und Gruppen, wie die freiwillige Feuerwehr, die Rettung, die Landjugend, etliche Sport- und Musikvereine usw., sind von ehrenamtlicher und unentgeltlicher Arbeit abhängig. Doch während einige dieser Beispiele neben den zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen auch bezahlte Stellen haben, ist dies bei der Arbeit in der freien Kulturszene am Land oft nicht der Fall. Es bräuchte jedoch unbedingt eine stärkere Unterstützung der Struktur der freien Szene, denn nur Kultureinrichtungen, die über ein Mindestmaß an gesicherter Infrastruktur verfügen (wie z.B. Räumlichkeiten, eine Basisausstattung an technischem Equipment oder eine bezahlte Koordination) können überhaupt gewährleisten, dass sich Menschen kontinuierlich und ehrenamtlich in diesen einbringen können.

Die äußerst prekäre ökonomische Situation für Kulturarbeiter*innen am Land muss dringend geändert werden.2 Unter den derzeitigen Umständen kann es weder eine nachhaltige Kulturarbeit noch eine Planungssicherheit geben, da die meisten Förderungen nur von Jahr zu Jahr oder von Projekt zu Projekt vergeben werden. Dies ist ein weiterer Umstand dafür, dass es für jüngere Generationen schwer ist Eingang in die freie Kulturszene am Land zu finden, da das Betreiben von alternativen Kulturräumen häufig mit großen finanziellen Risiken verbunden ist. Doch trotz der finanziellen und strukturellen Herausforderungen, die diese Form der Arbeit in der freien Kulturszene mit sich bringt, braucht es gerade am Land und in den weniger urbanen Gegenden Österreichs dringend Kunst und Kultur abseits von Tradition und Massenkultur.

1 Dieser Punkt ist gerade jetzt in Zeiten der Corona Pandemie relevant. Denn während in vielen Institution entweder Maßnahmen vernachlässigt werden, da diese dem Geschäft schaden könnten, oder in anderen die jeweils geltenden Maßnahmen mit einer Aggressivität und Härte durchgesetzt werden, die eher abschreckend als beruhigend wirkt, versuchen kritische Kulturinitiativen den Besucher*innen zu erklären, warum die jeweiligen Regeln zu befolgen sind und gehen dabei idealerweise auf die Ängste und Sorgen ihrer Besucher*innen ein.

2 Siehe hierzu die derzeit laufende Fairpay Kampagne der IG Kultur in allen Bundesländern.

 

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