Zum Begriff
der Roma-Kunst 

Mit dem Paukenschlag des Roma-Pavillons „Paradise Lost“ auf der 52. Biennale von Venedig im Jahr 2007 wurde die Kunst von Roma und Romnia endgültig aus dem Ghetto der ethnografischen Kunstsammlungen bzw. der Outsider-Art befreit und in den Kontext des westlichen Kunstsystems hinein reklamiert. Zu sehen war eine politische Kunst, die mit zeitgenössischen Methoden die Erfahrungen von Flucht und Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung zum Thema machte. Gleichzeitig etablierte sich, als Zeichen eines ethnischen Selbstbewusstseins, der Begriff „Roma-Kunst“, der allerdings auch hier auch schon mit einem gewissen Vorbehalt verwendet wurde. Aus diesem ersten Pavillon folgten zwar noch weitere Ausstellungen, ein regulärer Pavillon der Roma/Romnia konnte sich leider nicht auf der Biennale von Venedig etablieren. Doch konnte sich mit dieser Initialzündung ein künstlerischer Aktivismus etablieren, der inzwischen auf vielen Ausstellungen weltweit Sichtbarkeit und Wirksamkeit erlangt hat und der von einer neuen, jungen Generation von KünstlerInnen fortgesetzt wird. 

Und gleichzeitig gilt immer noch, was Gabi Jiménez, unter anderem Künstler dieses ersten Roma-Pavillons, sagt: „Wir Roma-KünstlerInnen werden auf die Peripherie des Kunstraums beschränkt.“ (Gabi Jiménez in: „Have a look into my life!, Selbstdarstellung der Roma in der zeitgenössischen Kunst, hrsg. v. Delaine Le Bas, Ursula Glaeser, Astrid Kury, Drava: Klagenfurt-Wien 2014. Keine Paginierung!) Dezidiert als Rom Kunst zu machen, heißt daher für ihn immer noch, Raum einzufordern und gegen diese Ausgrenzung anzugehen. In dieser Form der „Roma-Kunst“ geht es also nicht darum, eine traditionelle, ethnisch definierte Volkskunst in zeitgenössische Ausdrucksformen zu transformieren. Laut Jiménez wäre das nur die Fortsetzung einer aus Fremdbildern gespeisten Folklore. 

Sein öffentliches Bekenntnis zu seiner ethnischen Identität ist nötig, um der Einforderung von Raum in den Systemen der Mehrheitsgesellschaft Nachdruck zu verleihen. Sie ist andererseits nicht nötig, um seine Kunst zu beschreiben. Vielmehr ist es so, dass auf die Selbstdefinition wieder die Fremdzuschreibungen folgen, gegen die man eigentlich angeht: „Ich bin ein malender und bildhauernder Künstler, der sich als ‚Zigeuner’ erkennen muss“ (wie oben). Ein wesentliches Thema der zeitgenössischen Kunst von Roma/Romnia ist daher, die Klischees des Roma-Seins zu konterkarieren, also sich von jeder Form der oben erwähnten Folklore energisch zu distanzieren. 

Natürlich ist es den KünstlerInnen ein Anliegen, dass ihre Kunst
vor allem als solche betrachtet wird und nicht alleine als Metho-
de des Widerstands. Der österreichisch-slowakische Künstler Robert Gabris macht als junger Rom politische Kunst zu Minderheitenfragen. Gleichzeitig will er einfach gute Kunst machen und besteht auf einer künstlerischen Freiheit abseits von seiner ethnischen Zugehörigkeit. In der Person selbst sind diese Bereiche selbstverständlich nicht getrennt, aber die prekäre gesellschaftliche Position sowohl als Künstler wie auch als Rom verlangt eine stete Reflexion jedes öffentlich gesetzten Schritts, weil damit immer auch eine gewisse Vorbildund Vorreiterwirkung verbunden ist. „Kunst ist meine Existenz und die Essenz meines Seins“, sagt Robert Gabris. „Ich, so wie viele andere junge Roma, befinde mich in einem Prozess der Suche nach der eigenen Identität. Nur wenige von uns haben die Möglichkeit, sich zu finden und zu erkennen, wer sie sind“ (wie oben). 

Die Lage der größten Minderheit Europas ist immer noch so dramatisch, dass l’art pour l’art keine Option sein kann für Roma/ Romnia, sobald sie eine Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen können, betont die ungarische Filmemacherin Katalin Bársony: „Wenn ein Künstler sich zum ersten Mal dem Publikum präsentiert, dann wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass die Menschen in ihm den Roma-Künstler sehen. Er hat keine Wahl; er muss über seine Identität sprechen. Wir alle müssen erkennen, dass wir nicht ausschließlich Künstler sein können. Wie können nicht nur kreativ tätig sein, einfach deshalb, weil es viel zu wenige Intellektuelle unter den Roma gibt, viel zu wenig Ärzte, Akademiker und Künstler, sodass alle jene, die eine Öffentlichkeit erreichen, die Verpflichtung haben, für eine positivere Wahrnehmung unseres Volks zu kämpfen. Sie haben die Verpflichtung, ein Beispiel zu setzen und der jüngeren Generation einen Weg zu zeigen.“ (Katalin Bársony in: Ursula Glaeser, Astrid Kury (Hg.), ROMALE! Persönliches über Aufbruch, Kunst und Aktivismus, Drava: Klagenfurt-Wien 2011, S. 23.) 

Und es ist leider auch eine Tatsache, dass nur über ein offensives Thematisieren der Ausgrenzungsmechanismen überhaupt die Barrieren zu den Räumen der Mehrheitsgesellschaft überwunden werden können, betont der französische Bildhauer und Maler Gabi Jiménez: „Ich denke, der Großteil der Künstler wird zu Aktivisten, weil es schwierig ist, sich als konventioneller Künstler durchzusetzen. Die Diskriminierung gibt es auch in der Welt der Kunst, und selbstverständlich sind die ersten Opfer, ganz entsprechen dem Bild der Gesellschaft, die Gitans! Roma-Künstler werden Aktivisten, weil die Sachlage sie dazu zwingt.“ (Gabi Jiménez, in: ebenda, S. 29) Entsprechend kämpferisch bringt Jiménez auch seine künstlerischen Ambitionen zum Ausdruck: „Bin ich Franzose? Bin ich Zigeuner? Beides? Bin ich ein menschliches Wesen? Ein Untermensch vielleicht? (...) Ich bin ein Krieger. Ich bin Teil der Armee der Fahrenden, der Gitans, der Roma. Ich bin ein Rebell, ein Guerilla-Söldner, dessen mörderischen Waffen die Pinsel, die Stifte, die Finger, die Gedanken, die Aufschreie, die Reaktionen sind. Meine Schlachtfelder sind die Ausstellungsräume und die Medien. Das ist für mich Kunst. Ebenso wie Picasso, der sagte, dass Kunst nicht um der Dekoration der Wohnungen willen gemacht werde, sondern ein Akt des Engagements sei, eine kriegerische Handlung.“ (Gabi Jiménez in: Have a look into my life!, Selbstdarstellung der Roma in der zeitgenössischen Kunst, hrsg. v. Delaine Le Bas, Ursula Glaeser, Astrid Kury, Drava: Klagenfurt-Wien 2014. Keine Paginierung!) Auf der anderen Seite ist dieses aktivistische Kunstschaffen ein Kommunikationsangebot an die Mehrheitsgesellschaft. Die finnische Künstlerin und Autorin Kiba Lumberg ist Romni und sieht sich gerade nicht als Roma-Künstlerin: „Ich lehne alle kulturell codierten Regeln und Bräuche ab. Ich will die Dinge nicht nur von einer eingeschränkten Perspektive aus betrachten.“ Dennoch ist sie überzeugt, dass mithilfe von Kunst Probleme auf eine eingängige Weise anschaulich gemacht werden können – als Bewusstseinsbildungsarbeit für die Anliegen der Roma/Romnia: „Ich glaube, Kunst ist eine eigene Sprache, die mit und zwischen den Menschen funktioniert.“ (Kiba Lumberg in: „Have a look into my life!) 

Und auch Alfred Ullrich, deutsch-österreichischer Performance-Künstler und Druckgrafiker, ist überzeugt, dass „gerade auf dem Gebiet der bildenden Kunst die zwangsläufige Auseinandersetzung mit der Vorstellungwelt der Gadže dazu führt, ‚Rezeptionsschnittpunkte’ zu produzieren, die sowohl von Roma als auch von Gadže wahrgenommen werden können. Das Ziel ist der Dialog.“ (Alfred Ullrich, Romale! S. 73) 

Alle KünstlerInnen mit Roma-Hintergrund, die ich aus meiner kuratorischen Tätigkeit kenne, sehen, wie es der rumänische Maler George Vasilescu es formuliert, die Kunst als „mächtige und gewaltfreie Strategie“, „um eine Veränderung zu bewirken“. (George Vasilescu in: Have a look into my life!) Der künstlerische Aktivismus der Roma/Romnia zielt einerseits darauf, „Missstände zu benennen und sichtbar zu machen“ und andererseits eine „Binnenperspektive“ zu eröffnen, „die die Wahrnehmung auf diese Gruppen hoffentlich langfristig verändern wird“, wie der bosnisch-deutsche Fotograf Nino Pušija die Ambitionen für seine fotografischen Langzeitdokumentationen der Marginalisierten Europas beschreibt. (Nino Pušija in: Have a look into my life!) Es geht darum, ein besseres Verständnis durch die Beschreibung einer Innenperspektive zu bewirken und damit auch „den herablassenden Blick auf diese Lebensweise“ zu konterkarieren, wie es die französische Bildhauerin Marina Rosselle versucht. Wichtig ist dabei, nicht nur eine Veränderung in der Mehrheitsgesellschaft zu bewirken, sondern das Selbstbewusstsein der jungen Roma und Romnia zu stärken: „Die Kunst kann den jungen Roma in einer sensiblen Weise helfen, Wissen und Verständnis über die Welt zu erlangen.“ (Marina Rosselle in: Have a look into my life!) Und alle sehen sich selbst in erster Linie als Künstlerinnen und Künstler, deren eine Facette ihrer Identität, die so vielschichtig ist wie die aller anderen Menschen, eben von ihrer Herkunft geprägt ist und den damit einhergehenden Erfahrungen, die sich über Generationen in tiefste Wahrnehmungsschichten eingeprägt haben. 

Der Begriff „Roma-Kunst“ macht klar, wer spricht, in einer Situation, wo Roma/Romnia nicht selbstverständlich Gehör finden in der Mehrheitsgesellschaft, wo kulturelle Selbstdefinition in den Medien der Mehrheitsgesellschaft sich erst langsam durchsetzt und wo kulturelle Räume für Roma/Romnia noch kaum vorhanden sind. Somit ist „Roma-Kunst“ kein künstlerischer, sondern ein politischer Terminus. Es ist ein temporärer Begriff des künstlerischen Aktivismus, der eine Übergangszeit markiert, die von der Hoffnung getragen ist, dass es zu einer Zeit der gegenseitigen Akzeptanz, des Respekts und der Anerkennung kommen wird. Denn dann wird es unnötig sein, von „Roma-Kunst“ zu sprechen. 

Die KünstlerInnen, die ihre ethnische Identität, ihr Roma-Sein zum Gegenstand einer zwischen Kunst und Aktivismus angesiedelten Lebens-Arbeit machen, beschreiten einen mutigen Weg. Sie thematisieren die physische und strukturelle Gewalt, denen Roma/Romnia seit Jahrhunderten bis heute ausgesetzt sind, in einer künstlerischen Verdichtung, so dass die zugrundeliegenden Strukturen von Verfolgung und Ausgrenzung in den Vordergrund rücken. Das Ergebnis ist für uns alle, die wir uns in einer Epoche von Flucht und Migration, von wachsendem Nationalismus und zunehmender Ungleichheit befinden, von größter Bedeutung. Die westliche Kunstwelt wiederum steht vor der Herausforderung, die im Kunstsystem selbst verborgenen hegemonialen Konzepte aufzuarbeiten, die trotz der steten Auseinandersetzung der KünstlerInnen und KuratorInnen mit den verschiedenen Formen von Gesellschaftskritik aufgrund ihrer Systemimmanenz langfristig wirksam bleiben. Gerade die Beiträge der bisher Ausgeschlossenen spielen hierbei eine eminente Rolle, indem sie von verschiedenen Blickwinkeln zeigen, wie Ausgrenzung grundsätzlich „funktioniert“. Die inzwischen berühmteste Künstlerin im Bereich des künstlerischen Aktivismus der Roma, Delaine Le Bas, betont, dass immer noch der „weiße, westliche Blick“ bestimme, was Kunst sei und sein dürfe. Diese „kolonialistische, paternalisierende, ethnografische Art, uns zu beschreiben, muss jetzt ein Ende finden. Wir können für uns selbst sprechen, und uns selbst präsentieren, so wie wir es wollen.“ (Delaine Le Bas, Vorwort in: Have a look into my life!) – Kunst auf dem Weg zu einer selbstdefinierten kulturellen Identität, fern von den Untiefen der Assimilation. 

Die Gefahr dieses Übergangszeit-Begriffs „Roma-Kunst“ allerdings ist, dass die KünstlerInnen erst wieder in eine Nische gedrängt werden: Ist man erst einmal als „Roma-Künstler“ in Ausstellungen präsent, wird eine Distanzierung von diesem Label in weiterer Zukunft schwierig. Denn es folgen immer wieder neue Ausstellungseinladungen zu diesem Thema, sodass sich die Festschreibung verstärkt. Hier abzuwägen und sich künstlerische Freiheit und Selbstbestimmung zu erhalten, um in verschiedenen Kontexten Präsenz zu haben, wird für die neue junge Generation von KünstlerInnen nicht einfach sein – aber es scheint, dass sich diese neue Generation nicht mehr einschränken lassen wird.

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