Lassen Sie uns zusammen arbeiten, nicht gegeneinander, Frau Landesrätin!

Offener Brief der IG Kultur Vorarlberg an Landesrätin Barbara Schöbi-Fink, in Reaktion auf die Kulturdebatte im Vorarlberger Landtag am 6. Juli 2023 und auf Strategien zur Schließung des Fair Pay-Gaps.
Update:  Eine Reaktion über ein Email der Landesrätin erreichte uns am 21. August. Mehr dazu ganz unten im Artikel.

Sehr geehrte Frau Landesstatthalterin Dr.in Barbara Schöbi-Fink,

in der Vorarlberger Landtagssitzung am Donnerstag, 6. Juli 2023, wurde unter Tagesordnungspunkt 161 das Thema Kulturbudget und Fair Pay für die freie Kunst- und Kulturszene debattiert - basierend auf einem Selbständigen Antrag von NEOS und SPÖ. Die Parteien schlugen dem Landtag zur Abstimmung vor, sowohl ein ausreichendes Basisbudget für die freie Kulturszene und nachträglich bereinigte wie zukünftig jährliche Valorisierungen vorzunehmen als auch das notwendige Budget für den Landesanteil zur tatsächlichen Schließung des Fair Pay-Gaps für Kunst- und Kulturakteur*innen zu berücksichtigen. Leider konnte eine Einstimmigkeit nur für den letzten Punkt in einem neuen Antrag erwirkt werden, was die Befürchtung nahelegt, dass zusätzliche finanziellen Ressourcen entweder für Teuerungen oder für Fair Pay verwendet werden können, jedoch nicht für beides.

Die umfassende Kulturdebatte beinhaltete auch die von der Landesregierung in Auftrag gegebene Studie zu den Lebens- und Einkommensverhältnissen Kunstschaffender in Vorarlberg, welche auf erschütternde Art und Weise belegt, wie es um diese bestellt ist: Die Hälfte davon ist – obwohl akademisch ausgebildet und etabliert – armutsgefährdet. Wir von der IG Kultur Vorarlberg wurden als Expertin von den Studienautor*innen befragt und konnten im Zuge dessen auch auf die Lage von Kulturakteur*innen hinweisen, die in der Leitung, Organisation, Vermittlung, Technik und weiteren Berufen des Kulturveranstaltungssektors arbeiten. Jene, die jedoch unberücksichtigt bleiben in der vorliegenden Studie. Ein Fakt, auf den wir mehrfach hinwiesen. Es gibt bis dato keine validen und zugänglichen Daten von angestellten und engagierten Mitarbeiter*innen in Kultureinrichtungen, was ein unvollständiges Bild prekärer Arbeitsbedingungen im Vorarlberger Kunst- und Kulturbereich gibt. Die Landesregierung, resp. Sie als Kulturlandesrätin, wiesen unsere Angebote der Mitarbeit und Beteiligung an Arbeitsgruppen konsequent mit dem Argument zurück, dass der Fair Pay-Gap und die Situation in den Kultureinrichtungen in Einzelgesprächen mit der Kulturabteilung und/oder über Schätzungen erfolgen würde. Von Transparenz, wie im Fairness-Codex als wichtiger Punkt erwähnt, fehlt hierbei jegliche Spur.

Beim Thema Prekariat in Kunst und Kultur den Bereich der Arbeitgeber*innen auszuklammern, ist eine politische Entscheidung, die wir zwar nicht nachvollziehen können, aber schlichtweg hinnehmen müssen. Was wir jedoch nicht akzeptieren können und wogegen wir uns vehement wehren, ist eine öffentliche Diffamierung des freien Kulturveranstaltungssektors.

Am 6. Juli berichteten Sie öffentlich im Vorarlberger Landtag von einer Begebenheit2: „Ich sage Ihnen kurz eine Anekdote, die mir immer noch in Erinnerung ist und die mich sehr hellhörig gemacht hat. Dieser kurze Dialog ist zwei Jahre her, von einem Kulturveranstalter, ich muss ihn nicht nennen: ‚Fair Pay. Ja, wir zahlen schon fair, die Techniker, die Künstler*innen nicht.‘ Das hat mich sehr hellhörig gemacht, weil diese Verantwortung hat derjenige, der einen Dienstvertrag, ein Honorar vereinbart, natürlich auch.“

Wir würden gern von Ihnen wissen, was das Charakteristikum dieses Dialogs war, denn das, was Sie nennen, ist lediglich eine Aussage, die aus einem Gesamtkontext gerissen scheint. Hellhörigkeit kann konstruktiv sein, sofern nachgehakt und ein Dialog eröffnet wird. Aus unserer Wahrnehmung ist die gegebene jedoch eine pauschale Aussage, die jeder Grundlage entbehrt, und eine notwendige Zusammenarbeit und Verantwortungs-Teilung verhindert. Wir vermuten, besagter Kulturveranstalter kann aufgrund fehlender Mittel und permanentem Produktionsdruck gar nicht alle Beteiligten angemessen bezahlen. Was jetzt bleibt, ist die Vermutung, weit fairer wäre es, dem Kollegen das Wort zu gönnen, damit er dazu Stellung beziehen kann. 

Derartige Aussagen bergen die Gefahr, mehrere oder schlimmstenfalls alle Kulturvereine und -institutionen in Misskredit zu bringen. Darüber hinaus wird das aus Ihrer Sicht Anekdotische des Kunst- und Kulturschaffens zementiert über Einzelerzählungen, die weder belegt oder nachvollziehbar, noch dem gemeinsamen Prozess in Mitverantwortung förderlich sind. Was sie allenfalls bewirken können, sind Ausgrenzung und Trennung und damit etwas, gegen das sich die beteiligende und emanzipatorische Kulturarbeit unserer Mitglieder explizit ausspricht.

Wir fordern daher einmal mehr eine wertschätzende, sensible Sprache und einen fairen Umgang zur gemeinsamen Bewältigung der anstehenden Herausforderungen und – wenn es schon keine transparente Erhebung im Kulturbereich gibt – zumindest die Beteiligung der Interessensvertretung für Kulturinitiativen an Strategien zur Schließung des Fair Pay-Gaps.

Vielen Dank im Voraus!

Mit freundlichen Grüßen,

Vorstand und Geschäftsführung der IG Kultur Vorarlberg


Quelle:
1 http://voltg.kavedo.com/share.php?d=06_07_2023&i=106
2 http://voltg.kavedo.com/share.php?d=06_07_2023&i=118, (ab Minute 03:38)

Mehr zum Pressekontakt der IG Kultur Vorarlberg hier

 

Reaktion von Kulturlandesrätin Dr.in Barbara Schöbi-Fink

In einer Email-Reaktion vom 21. August sowohl zum Appell der Kulturszene als auch zum offenen Brief der IG Kultur Vorarlberg äußert sich Barbara Schöbi-Fink zu letzterem wie folgt:

Und nun noch zu Ihrer Kritik an meinen Äußerungen im Landtag: Meine Absicht war es, in der Diskussion im Landtag klar zu machen, dass es für eine faire Bezahlung von künstlerischen Leitungen eine gemeinsame Verantwortung gibt. Im Besonderen eine Verantwortung der Fördergeber und der Kulturveranstalter, als derjenigen, die Künstler:innen engagieren. Sollten meine Äußerungen so angekommen sein, dass sich die gesamte freie Kulturszene diffamiert fühlt, möchte ich mich dafür entschuldigen. Das war nie meine Absicht. Dazu kenne und schätze ich unsere Kulturveranstalter viel zu sehr.  So wie Ihnen ist mir eine Zusammenarbeit sehr wichtig.

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