Der Markt als irritierende Komponente menschlicher Entwicklung 

Slowenien ist wie viele andere, nicht nur westliche, länder heute in einer tiefen Krise. Banal wird diese Krise als eine wirtschaftliche abgetan. Es scheint wohl praktisch in einer von Konjunkturzyklen dominierten Wirtschaftsordnung, welche nach der Rezession die Depression, dann aber den Aufschwung und den Boom kennt, mittels dieses bekannten und plausiblen Theorems zu argumentieren, um damit die Geduld der Menschen anhaltend zu strapazieren. Ja, sicher ist das am einfachsten. 
Marktwirtschaft Kultur Kunstmarkt

Wirtschaftliche oder kulturelle krise? Viele Menschen, unter diesen auch ich, sind jedoch seit längerem davon überzeugt, dass wir in einer außerordentlichen Krise stecken, welche, wenn überhaupt, nur in Konsequenz mit der Wirtschaft zu tun hat. Im Zentrum dieser Krise steckt vielmehr die Abnutzung bisheriger Lebensvorstellungen, ein Verbrauchen von Kultur, wenn wir so wollen, ohne dass wir neue Kultur generiert hätten. Seit den 1970ern hat sich der Kulturbetrieb immer stärker wirtschaftlichen Vorgaben unterworfen bzw. unterwerfen müssen. Kunstproduktion wurde so immer mehr anhand ökonomischer Faktoren bewertet und es wurde produziert, was vom Publikum verlangt wurde, viel Unterhaltung wenig Irritation und als Resultat wenig kultureller, ja, ... menschlicher Fortschritt. Aus der Perspektive der freien Marktwirtschaft betrachtet, die vorgibt, dass doch gleiche Chancen und Rechte für jedermann bestünden, sah es so aus, als ob der Traum jedes/r Einzelnen auch realisierbar wäre. Die Maschinerie wurde als optimal skizziert und wenn etwas nicht funktionierte, dann konnte nur der/die Einzelne die Schuld daran tragen, denn der Markt führt ja immer zum Gleichgewicht, zur Ausgewogenheit, nicht nur zwischen Angebot und Nachfrage. Heute wissen wir, dass dem nicht so ist. 

Die in der Vergangenheit generierte Kultur wurde also von uns konsumiert, die ausgeleerten „Kultur-Regale“ bei den bekannten, zumeist öffentlich geförderten AnbieterInnen eben dieser wurden nicht mehr gefüllt, bzw. man füllte sie mit marktfähiger Kunst, in der naivblinden Hoffnung, aus ihr würde unsere Kultur von morgen entspringen. Ein Glück, dass es während dieser Zeit auch QuerdenkerInnen, Unbequeme gab und bis heute gibt ihnen haben wir es wohl zu verdanken, dass wir nicht vor dem kulturellen Bankrott des sogenannten Abendlandes stehen. 
kulturpolitische schnittpunkte Und wenngleich ich gebeten wurde, über Kulturpolitik zu schreiben, bestenfalls mit Schwerpunkt auf der slowenischen, so fühle ich mich nicht berufen, über einzelne kulturpolitische Schauplätze zu berichten. Es scheint mir in diesem Zusammenhang viel wichtiger, über deren gemeinsame Aspekte nachzudenken. 

Diesen Gemeinsamkeiten sollten wir unsere Aufmerksamkeit schenken, sie stellen unsere Schnittpunkte dar und sie sind die zentralen Themen unserer Gegenwart: Welche Luft werden wir in Zukunft atmen? Können wir es uns leisten, mit unserer Umwelt fahrlässig umzugehen? Wie werden wir uns in Zukunft ernähren, was trinken? Wie begegnen wir anderen Kulturen, wie werden wir zusammenleben? Werden wir kommunizieren, in welcher Sprache, über welches Medium? Wie können wir lernen, auf Überfluss zu verzichten, um auch anderen Menschen ein Leben ohne Hunger und Missstände zu ermöglichen? Sind wir ihnen das schuldig? Wie begegnen wir der Frage zum Recht auf das (Über)Leben in einer Welt, in der man sich das Leben durch Arbeit verdienen muss, es aber nicht genug Arbeit für jedermann gibt, nicht unter den immer noch gültigen, betriebswirtschaftlichen Prämissen der 1970er Jahre? Gesundheitswesen, geistiges Eigentum, Bildung, wie werden wir in Zukunft damit umgehen? Wollen wir eine effiziente oder doch eher eine humane Welt?... zu viele Fragen, kaum Antworten. 

Wir haben viel vor – und hier könnte progressive kulturpolitik helfen! Jedoch beginnt alles mit einem grundsätzlich anderen Verständnis von Kultur, hierüber muss diskutiert werden. Wir sollten die Dinge erneut beobachten, ihren Einflussbereich, ihre Potentiale neu bewerten. Alte Muster scheinen dabei ihre Gültigkeit zu verlieren, weil irreführend oder kraftlos. 

Nun, Kulturpolitik, die sich als ein wenig schickere Diplomatie ausgibt, ist gut und sicherlich für alle diejenigen, die sie erreicht auch angenehm, sie fördert den Dialog der führenden Eliten, was durchaus wichtig ist. Ist das aber genug und ist es in dieser Form angesichts der großen Themen unserer Zeit noch gegenwartsnah? Ist der heutige Kunstbetrieb noch humanistisch effizient? Wo ist das Demokratische in der Kunstproduktion, in der Kunstvermittlung? Sollte Kunst nicht allen zugänglich sein? Ich benutze hier mit Absicht den heute allmächtigen Maßstab der Effizienz, der in allen Lebensbereichen des modernen, westlichen Prototypen freier BürgerInnen als der endgültige, der jedem Urteil zugrunde liegt, gilt und für jegliche Entscheidungen den Ausschlag gibt. Ich tue das, in der Hoffnung, dass dieses Wort bei den LeserInnen vielleicht ein Widerstreben aufkommen lässt. Diese Irritation kann Impuls genug sein um zu reflektieren, dass es keinen besseren Ausdruck geben könnte, um die gegenwärtige Kulturpolitik, ausgerichtet auf das Spektakel, das sie selbst generiert, zu beschreiben. Es könnte glasklar werden, dass Kultur und alles was Kultur generieren kann und generiert, einen wesentlich anderen Stellenwert in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung erhalten muss, als den eines Wirtschaftsbereiches, dessen Erfolge anhand von Umsatzbzw. BesucherInnenzahlen bemessen werden und welcher sich mit den Gladiatoren von Hollywood und der TV-Industrie vergleichen lassen muss. 

Zusammenhänge größer denken! Aus diesem Blickwinkel wird es schwer, über die Kulturpolitik des Landes X oder der Region Y zu sprechen und bedenkt man, dass man unzählige solcher Texte zu lesen bekommt, ist es nur logisch, dass ich versuche die Gelegenheit zu nutzen, um meinen Schwerpunkt darauf zu setzen, vom Integrativen der Kultur als solche zu sprechen. Nicht, dass ich die Kulturpolitik verschiedener Länder als unwesentlich erachte, ganz im Gegenteil. Auch die Texte meiner KollegInnen lese ich oftmals mit großem Genuss, nur fehlen mir dabei meist die globalen, philosophischeren Ausführungen, kurzum Texte, die dazu einladen, die großen Zusammenhänge neu zu erfassen und in die Diskussion einzubringen, in welcher Form auch immer. Kultur als evolutorische Determinante der heutigen Menschheit zu begreifen und damit der Kulturpolitik und -arbeit eine fundamental neuartige Rolle im gesellschaftlichen Gefüge zu geben, könnte interessante Auswirkungen haben. Langfristig, das wissen wir, werden wir solchen Problemen immer häufiger begegnen, die uns nicht nur gemeinsam angehen, sondern die wir vor allem auch gemeinsam zu lösen haben – und zwar im Namen unserer bloßen Existenz! 

Wie sollte nun Kulturpolitik gestaltet werden, wenn wir sie philosophisch auf die eben benannte Art und Weise definieren? Kultur erhält so eine wesentliche Bedeutung im Alltäglichen, Kultur sollte als das vermittelt werden, was sie ist, das Wunder, zu dem nur der Mensch fähig ist und welches der Menschheit bis heute ihr Überleben sichert. 

Kulturpolitik darf nicht bequem sein! Kultur sollten wir als Garant verstehen, Kultur ist wahrscheinlich die einzige Errungenschaft, die eben dieses unser Überleben auch langfristig sichern wird. Welche Kultur wir fördern, welches authentische Verhältnis wir als Einzelne und als Gesellschaft zum Leben aufbauen, wird entscheidend sein, wie unser Leben aussehen wird, wer wie überlebt und welchen Preis er dafür zu zahlen haben wird. Kulturpolitik kann nicht bequem sein, sie darf es nicht, sie muss dort pieksen, wo eine Gesellschaft anfängt träge zu werden, sie muss den Finger auf gegenwärtige Wunden legen, potentielle Themen aufgreifen und ins Gespräch bringen, uns an Vergangenes erinnern und aus all dem eine Zukunft vorstellbar machen. Nur, wer soll uns hier anweisen, beraten, an wen können wir uns wenden? Ich blicke diesbezüglich oft in die jüngere Vergangenheit, auf all die authentische, von den Problemen der Gegenwart inspirierte Kunstproduktion der 1960er und 70er Jahre, in die Zeit der PionierInnen der gesellschaftskritischen Kunstproduktion. Wenn wir so wollen, waren eben diese Jahre historisch der einzige Zeitraum, in dem wir kritisch unser Leben und unser Verhältnis zu unserer Umwelt untersuchten. Nach dieser Phase bis in die Gegenwart dominiert der Markt als irritierende bzw. irreführende Komponente der menschlichen Entwicklung. Pistolettos jüngstes Manifest „Terzo Paradiso“ etwa und ähnliche Ansätze derselben KünstlerInnengeneration (Beuys, Vostell, Poggi, etc.) könnten ein guter Anfang sein, Kunst erneut mit der Gegenwart zu versöhnen und außerhalb der uns bekannten Rahmen zu denken. Wir müssen uns trauen, wie Christoph Columbus Bestehendes zu überdenken, auch in Teilen zu verwerfen, denn nur so haben wir eine Chance, neues Land zu entdecken. Sicherlich wird es nicht einfach, diese Denkmuster abzuschütteln und die Rahmen zu durchbrechen, welche uns bis heute eine gewisse Bequemlichkeit ermöglichten, wenngleich sie jetzt immer mehr zu einem Gefängnis unseres Vorstellungsvermögens herangewachsen sind, in welchem wir riskieren zu verelenden, wenn wir nicht endlich beginnen, die richtigen, authentischen Fragen unserer Zeit zu diskutieren. 

Ähnliche Artikel

Der Nussschnaps kann warten

Schrey Kunst, Schrey

Der Kulturinfarkt