Über Rom_nija  sprechen 

Als an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert die Ideen dessen fixiert wurden, was das „Zigeunerische“ wurde, geschah das in zwei wesentlichen Diskurssphären, nämlich in der Wissenschaft und in der Kunst.

Romnia

Als an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert die Ideen dessen fixiert wurden, was das „Zigeunerische“ wurde, geschah das in zwei wesentlichen Diskurssphären, nämlich in der Wissenschaft und in der Kunst. Das aufklärerische Weltbild hatte diese zwei Bereiche der Auseinandersetzung auseinandergerechnet, aber tatsächlich wirkten sie weiterhin stark vernetzt, in ständigem Austausch miteinander und mit einer gemeinsamen Agenda, genauer gesagt, vielfältigen und in sich widersprüchlichen, aber geteilten Agenden. Wenn wir wissen wollen, wie unsere Ideen über Rom_nija geprägt wurden, ist ein Blick auf diese Prozesse hilfreich, die in solchem Sinne Wissen herstellen, die Welt ordnen und dabei entscheiden, was wahr, was schön und was gefährlich ist. Dort liegen die Antworten auf einige Fragen, die in der Gegenwart immer wieder gestellt werden, wenn über Rassismus gegen Rom_nija diskutiert wird: Warum hat sich die Vorstellung über das „Zigeunerische“ historisch so wenig verändert, und warum begegnen uns diese Traditionen selbst dann noch immer, wenn über Rom_nija in der Gegenwart gesprochen wird? Wie ist es umgekehrt zu erklären, dass solche Ideen einen dermaßen relevanten Platz im Selbstverständnis der sogenannten „Mehrheitsgesellschaften“ einnehmen, dass sie so wichtig sind für die Vorstellungen dessen, was „das Eigene“ ist? Und schließlich die Frage, die mir besonders drängend erscheint und über die ich in diesem Text kurz nachdenken möchte: Warum bekommen Rom_nija keine Stimme, warum haben sie so wenig Einfluss auf die Bilder, die über sie permanent produziert und reproduziert werden? 


Seit der sogenannten Postkolonialen Wende in den Kulturwissenschaften erarbeiten wir solche Fragestellungen und entwickeln damit neue Verständnisse unserer eigenen Tätigkeiten als Wissenschafter_innen oder Künstler_innen. Unsere Selbstkonzeptionen beruhen dabei grosso modo auf Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, sie tragen bei zur Ausgestaltung von Wissenschaft oder Kunst als Herrschaftsinstrumente. Soziale und kulturelle Marginalisierungen lassen sich in der Praxis so einfach umsetzen, weil wir ihre Begründungen schon vorbereitet haben. Das ist auch im Fall des Wissens über Rom_nija sehr schnell erkennbar. In der Forschungsliteratur dominiert in der Gegenwart ein sehr einheitliches Bild von Rom_nija, das mit fehlender formaler Bildung, Arbeitslosigkeit, gesundheitlichen und ökonomischen Problemen, kultureller Differenz und einem explizit ausgesprochenen oder implizit vorausgesetzten ethnologischen Sonderstatus illustriert wird. Künstlerische Auseinandersetzungen gehen häufig in dieselbe Falle, die sie sich selbst gestellt haben und widmen sich vor allem der Ästhetik von Armut, Improvisation und Tradition, wenn sie auf Rom_nija Bezug nehmen. Die Vorstellung einer „authentischen“ Gegenwelt zur bürgerlichen Ordnung wird in beiden Sphären weitergetragen, wenn schon nicht vordergründig, dann wenigstens als Rahmen, durch den hindurch das Bild betrachtet werden soll. Dabei spielt die Intention d_er Künstler_in oder Wissenschafter_in keine Rolle. Gerade kritische Arbeiten, die sich um eine Veränderung gesellschaftlicher Machtstrukturen bemühen, Benachteiligungen sichtbar machen und Diskriminierungen ausstellen wollen, verlängern marginalisierende Formen der Darstellung und schreiben damit Rom_nija in eine besonders drastische Außenseiter_ innenposition ein. Angesichts dessen erzeugt jede Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Silencing – danach, wie Kunst und Wissenschaft die Menschen, die sie darstellt, übermalt, überschreibt, zum Verstummen bringt – ein gewichtiges moralisches Dilemma. Dazu, dass Rom_nija in der Gegenwart nicht gehört werden, dass sie selbst keine Stimme bekommen, dass sie keinen Platz in der Wissenschaft und nur wenig in der Kunst bekommen, trägt nichts so stark bei wie die Konjunktur des Themas „Roma“, „Armutsmigration“ oder „ethnische Diskriminierung in Europa“, die in den vergangenen Jahren nicht abgerissen ist und erst jetzt durch die Fluchtmigrationen aus dem arabischen Raum in den letzten Wochen ihre unmittelbare tagespolitische Brisanz verloren hat. Der immer massiver werdende wissenschaftliche und künstlerische Fokus auf Rom_nija, die immer weiter zunehmende Anzahl an jährlichen Buchpublikationen und Vorträgen, an Installationen und Filmdokumentationen, die sich mit „den Roma“ beschäftigen, hat eine Menge an Expert_innen hervorgebracht, die ihre eigene Position meist mit ihrem besonders genauen und analytischen Einblick legitimieren, den sie durch ihre Beschäftigung gewonnen hätten oder aber mit ihrer Relevanz als stellvertretende Sprecher_innen für „die Roma“. Beides trägt erstens zur Verfestigung problematischer Machtstrukturen bei, zweitens aber auch dazu, dass ganz grundsätzliche Fragen zur Seite geschoben werden, weil sie scheinbar eher politischer und nicht künstlerischer oder wissenschaftlicher Art sind. Beispielsweise ist es bis heute eine unumstrittene Praxis, für die völlig unterschiedlichen europäischen Communities, die mit Fremdoder Eigenbezeichnungen wie Lom, Qaraçılar, Kale oder zum Beispiel Gitanos benannt werden, einfach pauschal „Roma“ als Dachbegriff zu verwenden, obwohl die intensive Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen diesen Communities völlig ergebnislos verlaufen ist. Kritik an verwendeten Labels oder Schubladen wird routinemäßig als Themenverfehlung oder Zeitverschwendung entwertet. Die Gründe dafür sind naheliegend: Es würde das Sprechen nicht nur ungeheuer kompliziert, sondern eigentlich unmöglich machen, würde man die Vieldeutigkeiten, Widersprüche und Unklarheiten berücksichtigen, die vielen Voraussetzungen des Sprechens über Rom_nija ernst nehmen und nicht einfach übergehen. Wer dann (vorerst) verstummen würde, sind die Wissenschaft und die Kunst. So aber existiert eine ganze Menge an Büchern und Katalogen, die mit einem Disclaimer beginnen. In den Einleitungen wird festgehalten, dass hier von Menschen die Rede sei, die als „Roma“ bezeichnet würden, obwohl nicht klar sei, ob sich diese Menschen tatsächlich so verstünden, ob diese Zuordnung also überhaupt angebracht sei. Nach diesen kurzen Vorbemerkungen wird dann aber munter genau und ausschließlich dieser Begriff weiterverwendet und der gleiche Blick angewandt, der vorher kritisiert wurde, weil es eine völlig andere Form der Auseinandersetzung bedürfte, ganz andere Fragestellungen, um Alternativen zu entwickeln. Es würde bedeuten, von vorne zu beginnen und die bisher verwendete Sprache zu verwerfen, die Wahrnehmung zu erschüttern und von den eigenen Verstrickungen in die etablierte Ordnung, in die Herrschaftsstrukturen auszugehen. 

Insofern ist es ein beinahe einfach erscheinender Ausweg, an-
statt der Komplexitäten des Themas die Machtverhältnisse zwischen den Betrachteten und den Betrachter_innen zu berücksichtigen und so nicht nur die eigene Arbeit zu legitimieren, son-
dern auch zu verdecken, dass hinter der Gewalt der präzisen Definition, hinter der Eindeutigkeit klassifizierter Terminologie
ein Gegenstand steckt, der sich in seiner völligen Unklarheit dem wissenschaftlichen oder künstlerischen Verlangen nach Darle-
gen, Ausstellen, Verstehen und Erklären entzieht. Es bedarf kei-
ner besonderen Anstrengung, um zu erkennen, dass es ein Machtgefälle zwischen einem Buchautor und einer Bettlerin, zwischen einer Künstlerin und dem Bewohner einer informellen Siedlung gibt. Das heißt nicht, dass diese Frage nicht relevant
ist, aber es soll nicht der Eindruck entstehen, dass das das ein-
zige Dilemma ist, vor dem das Sprechen über Rom_nija steht,
mit dem es sich auseinandersetzen sollte. Dennoch liegt das Schwergewicht derzeit auf der folgenden Perspektive: Wie kann jemand, für d_ie Labels wie Nicht-Rom_ni, Gadž_i, oder – am missverständlichsten und irreführendsten – „Angehörige_r der Mehrheitsgesellschaft“ zutreffen, über Zusammenhänge spre-
chen, die mit Rom_nija zu tun haben, ohne die bestehenden Machtkonstellationen fortzuschreiben, unter denen viele Romnija leiden? 

Die einfache Lösung orientiert sich an einem historisch nicht vergleichbaren Beispiel, an der US-amerikanischen Bürger_innenrechtsbewegung und den Veränderungen, die eine schwarze akademische Elite in den Sozialwissenschaften brachte. Für den Kontext des Sprechens über Rom_nija ist das aus zwei Gründen kein Modell: Erstens ist die Argumentation inhärent rassistisch und eröffnet daher unlösbare Schwierigkeiten. (Bei den wenigen prominenten Romani Künstler_innen/Akademiker_innen wird ständig offen oder hinter vorgehaltener Hand der Grad ihrer „Echtheit“ verhandelt). Zweitens ist das de facto eine willkommene Ausrede, die gegebenen Verhältnisse nicht verändern zu müssen, unbequeme Fragen bis zur Übergabe an „die Roma“ zu vertagen. (So lange es noch keine Romani Professor_innen gibt, machen wir einmal weiter wie bisher). 

Ein Blick auf die Trends in der Kunstund Wissenschaftsproduktion der letzten Jahre zeigt, dass sich daneben vor allem zwei ernsthafte Strategien der Reaktion auf das moralische Dilemma der riesigen Machtdifferenzen zwischen denen, die sprechen, und denen, über die gesprochen wird, etabliert haben. Die eine ist die Reaktion der Ignoranz. Sie behandelt „Roma“ oder „Zigeuner“ als abgeschlossene, ethnologische Sondergruppe, so, als hätte es nie Diskussionen gegeben, die das kritisieren. In solchen Arbeiten wird durchaus auf Diskriminierung, Vorurteile und Rassismus eingegangen, aber nie in Frage gestellt, dass es „die Roma“ als ein „wahrhaftiges“, erlebund erfahrbares Phänomen gibt, das sich denen, die viel Vorbereitung und Aufwand in die Erkundung der Geheimnisse stecken, dann tatsächlich offenbart. In den Künsten sind davon besonders Zugänge gekennzeichnet, die einen Überblick über ganz Europa oder gar die ganze Welt geben, etwa die fotografischen Arbeiten von Joakim Eskildsen oder die Konzeption der „Roma Pavilions“ auf der Venediger Biennale. In den Wissenschaften ist diese Reaktion noch weit bestimmender und unter anderem der wichtigste Ansatz der „Romani Studies“. 

Die zweite Reaktion auf ethische Fragen der ungleichen Machtverteilung ist der Ausweg der Fokussierung auf die „eigene“ Gesellschaft. In eloquenten Titeln wird dann von der „Erfindung des Zigeuners“ oder der Konstruktion „gewaltvoller Verhältnisse“ gesprochen und die Aufmerksamkeit damit verlagert, weg von der Frage danach, wie „die Roma“ sind, hin zur Frage, wie sie wahrgenommen, dargestellt und erfahren werden. Das löst die moralischen Schwierigkeiten insoferne, als das Objekt der Untersuchung nicht mehr „die Roma“ sind, sondern die „eigene“ Gesellschaft. Diese Art von Auseinandersetzung stellt sich selbst in Frage oder zumindest zur Diskussion. In der Realisierung eines solchen Ansatzes sind die Reflexion und das Bewusstsein über die eigene Position aber so gut wie immer weit weniger präsent als die Ausgestaltung der Figur des Opfers. Das ist einerseits verständlich und notwendig, weil beispielsweise Rassismen ja nicht im luftleeren Raum hängen, sondern ganz konkrete Wirkungen haben, tatsächlich erfahrbar sind. Andererseits wird dann aber im Umkehrschluss abgesichert, was eigentlich in Frage gestellt werden kann. Alle, die von Rassismus betroffen sind, werden gezeichnet, als wären sie eine „andere Rasse“ oder wenigstens eine Gruppe von Leidensgenoss_innen, eine durch historische und aktuelle Diskriminierungserfahrungen zusammengeschweißte Gemeinschaft, anstatt diese Kategorien der Zuordnung grundsätzlich aufzulösen. Außerdem wird es für diejenigen, die als Opfer dargestellt werden, noch viel schwerer, ihre Stimme zu erheben. Aus der feministischen Forschung wissen wir, dass keine Strategie so ohnmächtig macht wie die Reduktion der eigenen Position auf die der Ohnmacht, die fortwährende Erzählung der eigenen Geschichte als Opfergeschichte. 

Angesichts des Umstandes, dass sowohl Kunst, aber vor allem Wissenschaft Herrschaftsinstrumente sind, die eher zur Absicherung und so gut wie nie zur Irritation bestehender Verhältnisse führen, scheint es also nur eine konsequente Antwort auf die Frage zu geben, wie man über Rom_nija sprechen kann, ohne sie aus dem Sprechen auszuschließen: Anstatt Bilder von Rom_nija zu zeichnen, könnten wir doch die Mechanismen und Strukturen analysieren, die es ermöglichen, das Bild von Rom_ nija zu zeichnen. Untersucht könnten dann die Mechanismen werden, mit denen Imagination des „Zigeunerischen“ aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart übersetzt werden und uns erlauben, „Roma“ zu denken. Doch auch diese Antwort ist zu einfach, weil sie – konsequent gedacht – die ultimativste Form des Silencing darstellt – das Absprechen der eigenen Existenz, die Verweigerung der Anerkennung einer realen Position, eines Selbstverständnisses als Rom_ni. 

Die Antwort auf die Frage kann daher nur die Verweigerung der Antwort sein, die Analyse des produktiven Scheiterns anstatt der Fixierung eines scheinbaren Ergebnisses und das Anbieten komplexer Beschreibungen von Standorten anstatt eingängiger Lösungen. Nicht die Aufklärung stereotyper rassistischer Wahrheiten stellt Machtverhältnisse in Frage, sondern die Zerstörung der Maßstäbe für das, was schön, wahr und gefährlich ist. 

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Zum Begriff
der Roma-Kunst